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Berlinale-Eröffnung: True Grit:Die Lücke des Unglaubens

Ganz anders bei den Coens. Sie schneiden in dem Moment, wo Lucky Ned den Revolver hebt und Rooster das Ende ankündigt, schon auf die weit entfernte Anhöhe. Dort liegt Matt Damon als der Texas Ranger, mit seiner Sharps Rifle, dem akkuratesten Gewehr des alten Westens, und sieht nur zwei winzige Figuren in der Ebene. Damons Gesicht zeigt eine fast meditative Konzentration - er hat nur diesen einen Schuss, um seinen Partner zu retten. Er wartet. Er atmet erst einmal vollständig aus. Die Kamera blickt über Kimme und Korn. Dann drückt er ab. Bei den winzigen Figuren in der Ebene tut sich erst mal nichts. Es dauert zwei dramatische Sekunden, bis Lucky Ned, wie in Zeitlupe, von seinem Pferd fällt.

Der Mythos John Wayne

Und plötzlich wird klar: Die Coen-Brüder, die so oft begnadete Meister des Unernsten sind, nehmen die Realität des Schießens und die Realität des Tötens hier auf eine Weise beim Wort, die atemberaubend ist. Und mit einem Mal erscheint auch der alte "True Grit", anders als zuvor, beinah wie eine Comicversion. Man erkennt, was der Film 1969, als er herauskam, geleistet hat - nämlich den zunehmend hüftsteifen, längst pellwurstartigen in ein Korsett gezwängten Mythos John Wayne, der trotz allem der härteste Kerl in jeder Szene sein musste, mit der Wahrheit seines Verfalls zu versöhnen. Eine Lücke des Unglaubens wurde da geschlossen, die es auch seinen Kollegen erlaubte, ihn wieder zu mögen - nicht umsonst gewann Wayne für diese Rolle seinen ersten und einzigen Oscar.

Dafür mussten aber, das sieht man jetzt, die rauen Kanten der Geschichte abgeschliffen werden. John Wayne ist nicht der Mann, der mit dem Messer auf ein sterbendes Pferd einsticht, um es zum letzten Ritt anzutreiben. Und wenn man ihm sagt, dass er zu alt und zu fett sei, um mit seinem Gaul über ein Gatter zu springen, muss er im nächsten Moment das Gegenteil beweisen.

Die Coen-Brüder erlauben sich solche Sperenzchen nicht. Es gibt keinen erkennbaren Moment, in dem sie sich außerhalb stellen, sich einen Kommentar erlauben, ein Augenzwinkern Richtung Zuschauer. Wer Rache sucht und alttestamentarische Gerechtigkeit, muss auch den Härten ins Auge sehen, die das mit sich bringt - diesem Gedanken des Romans wollten sie treu bleiben. Sie schießen hier so gerade wie die Sharps Rifle.

Die Eigenschaft des grit lässt sich mit Schneid oder Beharrlichkeit übersetzen - so nennt man aber auch die Körnung des Schleifpapiers. Und Jeff Bridges, der hier ganz hinter dem verzausten Bart seiner Rolle verschwindet, ist am Ende doch wesentlich gröber gekörnt, als John Wayne es damals war. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es hier keineswegs nur um Männer und Männlichkeitsrituale, um Waffen und ihre Handhabung, um falsche und um echte Härte geht. Erzählt wird die Geschichte, wie bei Charles Portis, von einer erwachsenen, etwas sonderlichen, zweifelsohne aber ganz unbeugsamen Frau. Sie heißt Mattie Ross, und sie berichtet von dem Mädchen, das sie einmal war - das seinen Vater rächen wollte, als er von einem Farmhelfer umgebracht wurde; das dafür den Marshal Cogburn angeheuert hat und darauf bestand, mit auf die Jagd ins Indianergebiet zu gehen.

Dieses Mädchen ist vierzehn, als die Geschichte ihren Lauf nimmt. Alles hängt davon ab, dass man ihr diese Entschlossenheit, diese Unbedingtheit, diesen Hunger nach Vergeltung glaubt. Sie wird von Hailee Steinfeld gespielt, die bei den Dreharbeiten erst dreizehn war und hier ihre erste große Rolle meistert. Sie tut das auf eine Weise, dass schließlich kein Zweifel besteht, auf wen sich der Titel bezieht.

Bildergalerie

Wenn John Wayne das gesehen hätte