Drama "Hope" im Kino:Frohes Fest

Drama "Hope" im Kino: Anja (Andrea Bræin Hovig) und Tomas (Stellan Skarsgård) in "Hope".

Anja (Andrea Bræin Hovig) und Tomas (Stellan Skarsgård) in "Hope".

(Foto: Manuel Claro/Arsenal Film)

Der norwegische Kinofilm "Hope" erzählt von einer schwerkranken Frau und ihrer Familie. Und zwar ohne die genreübliche Krebspornografie.

Von Sofia Glasl

Zum Unglück braucht es nicht viel. Schon gar nicht, wenn es bereits so unter der Oberfläche brodelt wie zwischen Anja und Tomas. Sie ist Choreographin, er Theaterregisseur, ihre Arbeit und die Patchworkfamilie mit sechs Kindern hat das Paar voneinander entfremdet. "Ich glaube, wir sind so glücklich, wie wir es verdienen," sagt Anja einmal zu ihrem Vater, der sich bei einem Besuch wünscht, dass die beiden sich besser verstehen.

Die Regisseurin Maria Sødahl legt in ihrem Film "Hope", die diesjährige Oscar-Einreichung Norwegens für den besten internationalen Film, alltägliches Unglück unters Mikroskop. Anja und Tomas würden wohl weiter aneinander vorbei leben, wäre da nicht Anjas Krebsdiagnose - schon die zweite, wieder kurz vor Weihnachten. Der Gehirntumor soll kurz nach Silvester operiert werden, erst dann sei eine Prognose möglich, so die Ärzte. Es steht jedoch fest: Er ist tödlich und Anja weiß nicht, wie lange sie noch leben wird.

Das klingt nach einer vor Tränen und Kitsch triefenden Schnulze, wird aber zu einer einfühlsamen und oft brutal ehrlichen Studie zwischenmenschlicher Grausamkeiten. Maria Sødahl kreist zwar um Anja und Tomas, füllt deren Welt jedoch mit Figuren und Beziehungen, die ihre Zweisamkeit als Teil eines sozialen Geflechts begreift. Sødahl, das muss man wissen, erzählt in "Hope" aus eigener Erfahrung. Sie selbst bekam vor elf Jahren eine Krebsdiagnose, sie selbst ist auch mit einem Künstler verheiratet, dem Regisseur Hans Petter Moland, mit dem sie eine Patchworkfamilie hat. Ihr Film wirkt wie die Analyse einer persönlichen Ausnahmesituation, bringt jedoch in vielen Details und Beobachtungen sehr präzise Wahrheiten über menschliches Zusammensein hervor.

Das Paar versucht, trotz der Diagnose alte Zärtlichkeiten wieder aufleben zu lassen

Sødahl gibt allen Familienmitgliedern Raum für persönliche Reaktionen auf Anjas Diagnose. Etwa Tochter Julie, im Teenager-Alter, die zwischen innerem Rückzug und exaltieren Wutausbrüchen schwankt, oder Anjas Schwester Vera, die fragt, wer sich um die Kinder kümmern wird, wenn die Mutter stirbt. Ganz selbstverständlich scheint für sie, dass Vater Tomas nicht genügen wird. Der gibt nur langsam zu, dass keine anderen Frauen, sondern seine Arbeit immer die größte Konkurrenz in der Beziehung zu Anja war.

Selbst den Ärzten und Ärztinnen, auf die Anja innerhalb kürzester Zeit trifft, gibt Sødahl eigene Persönlichkeiten. Bedachte Techniker sind dabei, die sich Emotionen durch Fachsimpelei vom Leib halten, aber auch eine junge Ärztin, die ihre Freude kaum bändigen kann, als klar wird, dass Anjas Tumor operabel ist.

Vor der Operation muss sie Medikamente nehmen, die sie aufputschen und wie auf Speed durch die Weihnachtstage rasen lassen. Als hätte jemand gleichzeitig Zeitlupe und Zeitraffer in ihrem Leben angeschaltet, spielt Andrea Bræin Hovig diese Anja zwischen manischen Organisationsanfällen und starrer Hilflosigkeit, die auch für sie selbst überraschend wechseln. Ihr oft ausdrucksloses Gesicht entpuppt sich dabei als Versuch, die Emotionen nicht an sich und die Familie heranzulassen. Ihre Körpersprache, die unruhigen Zuckungen und die Rastlosigkeit verraten sie jedoch immer wieder.

Drama "Hope" im Kino: In der Familie reagiert jeder anders auf Anjas Diagnose.

In der Familie reagiert jeder anders auf Anjas Diagnose.

(Foto: Manuel Claro/Arsenal)

Dieser erzwungene Rhythmuswechsel bricht alte Wunden wieder auf, lässt sie die verfahrene Beziehung zu Tomas hinterfragen. Sødahl inszeniert diese Unsicherheit zwischen den beiden in einer ausgeklügelten Choreographie aus Berührungen und Distanz. Oft stehen die beiden zwar gemeinsam im Bild, wirken jedoch einsam und verloren, weil sie kaum wissen, wie sie einander begegnen oder sich auch nur anschauen sollen. Vor allem Stellan Skarsgård zeigt diese innere Einsamkeit mit nur wenigen Gesten oder kaum merklichen Gesichtsregungen. Oft von Anja unbemerkt bricht Tomas neben ihr innerlich zusammen, etwa bei einem Arztgespräch, vor dem sie ihm verboten hatte, nach einer Prognose zu fragen. Kaum sichtbar verliert er neben ihr die Körperspannung, scheint gleich in Tränen auszubrechen und fängt sich wieder, während Anja starr auf den Arzt blickt.

In einer zugleich berührenden und erschreckenden Liebesszene schlägt Anjas Versuch, alte Zärtlichkeiten wiederaufleben zu lassen, in eine wilde Rage um. Es ist einer der wenigen Momente, in denen die beiden gemeinsam hilflos sind, aber gerade in diesem Beieinander so etwas wie die titelgebende Hoffnung aufkommt. Diese nämlich ist bei Sødahl keine melodramatische Worthülle, sondern ein gelebtes Aushandeln einer gemeinsamen Perspektive auf äußere Umstände. Sie macht eine Ausnahmesituation zum Katalysator lange unterdrückter Gefühle und als gegeben akzeptierten Unglücks. Weder kitschig noch fatalistisch, sondern in einem nachvollziehbaren und mitreißenden Gedanken- und Emotionsstrom, in den sich ihre Protagonisten schonungslos hineinwerfen.

Hope, Norwegen, Schweden, 2019 - Regie und Buch: Maria Sødahl. Mit: Andrea Bræin Hovig, Stellan Skarsgård. Arsenal Filmverleih, 120 Minuten. Kinostart: 25.11.2021.

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