Helmut Lethen: "Der Sommer des Großinquisitors":Gesichter des Bösen

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Helmut Lethen: "Der Sommer des Großinquisitors": Helmut Lethen, geboren 1939, ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Bekannt wurde er mit den Büchern "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" (1994) und "Der Sound der Väter" (2006).

Helmut Lethen, geboren 1939, ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Bekannt wurde er mit den Büchern "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" (1994) und "Der Sound der Väter" (2006).

(Foto: Anna Weise)

Helmut Lethen hat ein Buch über die Skrupellosigkeit geschrieben. Man liest es angesichts der Gegenwart mit Schaudern.

Von Johan Schloemann

An der russischen Kultur, so spürt man jetzt wieder eindringlicher denn je, kann man schärfer und klarer erkennen, was an Menschlichem möglich ist - und an Antimenschlichem im Namen höherer Ziele. Neulich in München: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in der Orchestrierung von Maurice Ravel. Es dirigierte ein russischer Musiker, der im Frühjahr wegen der "aktuellen Ereignisse" seinen Chefdirigentenposten am Moskauer Bolschoi-Theater niedergelegt hat. Als zum letzten Bild "Das große Tor von Kiew" die überwältigenden Bläser- und Glockenklänge einer großen Tradition und einer höheren Humanität erschallten, hatte viele im Publikum Tränen in den Augen und dachten sich: Wieso kann da nicht einfach Frieden herrschen zwischen den Brudervölkern angesichts dieser großartigen Kultur?

Auf der anderen Seite steht die Rechtfertigung einer kalten Brutalität, die massenweise Opfer für eine vermeintlich bessere Zukunft der Menschheit oder der Nation fordert. Die Argumente dafür finden sich nicht erst in der bolschewistischen Revolution und bei Lenin, sondern geradezu prophetisch in den russischen Romanen des 19. Jahrhunderts. Namentlich in Fjodor Dostojewskis "Brüdern Karamasow", wo der atheistische Iwan dem frommen Aljoscha die Legende vom Großinquisitor erzählt. In diese berüchtigte Erzählung aus dem alten Spanien und ihre Wirkungsgeschichte unter Liebhabern und Verächtern der Skrupellosigkeit hat sich der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen für sein neues Buch vertieft, mit gutem Gespür begann er damit schon in der Corona-Zeit, vor dem russischen Angriffskrieg.

Diese Blaupause für die Rechtfertigung autoritärer Herrschaft hat viele Intellektuelle angesprochen

Helmut Lethen, 83 Jahre alt, ist ein heiterer, aber seit den Sechzigern kampferprobter Ideengeschichtler, der auch gerne mal "Ich" schreibt und zeitgenössische Erfahrungen einflicht. Das heutige Russland wird allerdings nirgends in diesem Buch ausdrücklich erwähnt. Dasselbe gilt für Lethens eigene familiäre Berührungen mit der Neuen Rechten (seine Frau hängt ihr an), welche gewisse Sympathien mit Wladimir Putins Kampf gegen westliche Dekadenz hegt.

Die doppelte Leerstelle wirkt zunächst sonderbar, aber diese beiden Assoziationen scheinen so stark zu sein, dass Lethen lieber den Lesern überlässt, sich dazu das Eigene zu denken. Die Verbindung von beiden - Putin und den Rechten im Westen - wird freilich durchaus deutlich, etwa wenn Helmut Lethen von dem Dichter und Philosophen Wladimir Solowjow erzählt, der dem Westen seine "antichristliche Zivilisation" vorwarf. Solowjow verfasste neun Jahre nach Dostojewskis Tod mit seiner "Kurzen Erzählung vom Antichrist" eine Art Fortsetzung der Großinquisitor-Legende: Ein falscher christlicher Autokrat, so die Vision, beherrscht die Vereinigten Staaten von Europa. "In Kreisen der Neuen Rechten", berichtet Lethen aus erster Hand, "kursiert Solowjows Erzählung heute als hellsichtige Prognose einer Übermacht Brüssels, die die europäischen Vaterländer überwältigt habe."

Helmut Lethen: "Der Sommer des Großinquisitors": Helmut Lethen: Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2022. 238 Seiten, 24 Euro.

Helmut Lethen: Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2022. 238 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Rowohlt Berlin)

Der greise Großinquisitor bei Dostojewski - die Geschichte ist ein archaischer und absurder Fremdkörper in einem sonst vielstimmigen Roman - beharrt darauf, dass selbst der wiedererschienene Christus am nächsten Morgen als Ketzer verbrannt werden muss. Der gnadenlose Verfolger von Häretikern im Sevilla des 16. Jahrhunderts lässt Jesus zum Verhör vorführen, das ein Monolog wird: Auch Christus, erklärt ihm der Großinquisitor, dürfe "nicht die Ordnung stören", die die katholische Kirche inzwischen etabliert habe. Die Menschen ertrügen die Freiheit nicht, deshalb sei die Macht der Kirche "auf Wunder, Geheimnis und Autorität" gegründet. "Und die Menschen haben sich gefreut, dass sie wieder geführt wurden wie eine Herde." Wie sich herausstellt, ist die Kirche, die die Massen zügelt, in Wahrheit mit dem Teufel im Bunde - nur so könne sie "erträgliche Ordnung in das Leben schwächlicher Rebellen bringen". Jesus muss also auf den Scheiterhaufen, um der Ruhe und Ordnung willen.

Diese Blaupause für die Rechtfertigung autoritärer Herrschaft hat viele Intellektuelle angesprochen. "Die Wirkung des spanischen Kardinals", schreibt Lethen, "beruht auf einem einzigen, aber entscheidenden Faktor: Er lehrt, dass nur die Negation der Moral Erfolg verspricht. Darum dreht sich im Nachleben der Legende alles - sie bildet zugleich eine Quelle für die Faszination des Bösen."

Ebendieses Nachleben verfolgt Helmut Lethen in leichthändigen kleinen Kapiteln, anschließend an seinen Klassiker "Verhaltenslehren der Kälte" über Härte-Diskurse in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, der gerade wieder aufgelegt wurde. So begegnet man üblichen Verdächtigen wie Carl Schmitt, Helmuth Plessner und Max Weber, wo der Großinquisitor als Legimitation von Antiliberalismus, Antimoralismus oder zumindest dem kühlen "Scharfsinn des Realpolitikers" (Lethen) auftritt.

Im Protest gegen den Stalinismus - Schauprozesse, Liquidationen - bemühten Arthur Koestler und Albert Camus ihrerseits den Vergleich mit der heiligen Inquisition. Hier ist René Fülöp-Miller von besonderem Interesse, ein heute kaum noch bekannter, in den Zwanzigerjahren erfolgreicher Wiener Sachbuchautor, der nicht nur den Nachlass Dostojewskis herausgab, sondern auch 1926 das umfangreiche Werk "Geist und Gesicht des Bolschewismus" veröffentlichte: Da wurde die Großinquisitor-Legende bereits als Prophetie für die verschärften Methoden des Totalitarismus in Russland gedeutet.

Man liest das alles nicht nur mit Interesse , sondern auch mit Schauder vor den Wiedergängern in der Gegenwart. Helmut Lethens letzter Satz über das Gesamtwerk Dostojewskis klingt dem entsprechend wie das mahnende Wunschdenken eines Alterswerks: "Die Faszination des monotheistisch Bösen, die sich an politische, militärische oder religiöse Gehäuse klammert, hat ausgedient."

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