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Verhaltenslehren eines Germanisten:Musterschüler der Revolution

Helmut Lethen

„In mancher Hinsicht waren wir Barbaren Wegbereiter von Bologna“: Helmut Lethen, Jahrgang 1939.

(Foto: Anna Weise)

"Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug": Helmut Lethens Lebenserinnerungen lesen sich wie die Autobiografie einer Generation.

Von Willi Winkler

Nach fünf Jahren Parteiarbeit wurde Helmut Lethen 1975 wegen "Versöhnlertums" aus der KPD/AO ausgeschlossen. Eine Gastritis kam dazu, aber der Kaderbeauftragte ließ sich nicht täuschen und sagte ihm auf den Leib zu: "Du hast kein Magengeschwür, sondern Angst vor den Massen." Die Massen selber kannten keine Angst, sie waren so vernünftig, einer maoistischen Splitterpartei fernzubleiben, die auch zu ihren besten Zeiten nie mehr als sechshundert Mitglieder hatte.

So winzig klein diese AO (für Aufbauorganisation) war, es gehörten ihr trotz Berufsverbot und wiederholter Sinnkrise auffallend viele Kulturträger an, darunter Christian Semler, Karl Schlögel und Jörg Immendorf. Willi Jasper, ein weiterer ehemaliger Parteisoldat, erzählt in seinem Bericht "Der gläserne Sarg", wie der Maler später fast schon verzweifelt nach seinen verschollenen Agitprop-Arbeiten forschte. Aus Vorsicht und weil sie mehr oder weniger bewusst die politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Zwischenkriegszeit nachspielten, verbargen sich die Parteiaktivisten unter Decknamen, trafen sich als gute Verschwörer an klandestinen Orten und misstrauten einander, weil alle den Verrat witterten. Für den Verfassungsschutz, der diese Radikalen vom öffentlichen Dienst fernhalten sollte, waren sie, wie sie Jahre später enttäuscht erfuhren, "transparent wie ein Glas Wasser".

Wenn er sein Leben erzählt, bemüht sich Helmut Lethen seinerseits um Transparenz und scheint doch selber, während er sich mit der gerunzelten Stirn des Forschers darüber beugt, über nichts mehr als dieses Leben zu staunen. Er eröffnet seine Autopsie mit einer opaken Bemerkung Adornos zur "Einsicht ins Dinghafte der Person selbst" und kommt auch später immer wieder auf das Thema Ich - Nicht-Ich zurück. Die Frage der Identität beschäftigt ihn, seit er mit zwanzig "Stiller" von Max Frisch las: "Ich beschloss, wie Stiller, kein Charakter zu werden." Die Frage beschäftigt ihn bis heute, wenn er gezwungen ist, über die politische Identitätssuche seiner Frau Caroline Sommerfeld nachzudenken.

"Man kann sich unser Misstrauen gegen den Rechtsstaat heute kaum noch vorstellen"

Bei der KPD war er als "Theo Risse" getarnt (der Literaturkritiker stöhnt bei dieser Namenswahl, der Psychoanalytiker jauchzt!), unter seinem eigenen Namen wurde Lethen bekannt mit den "Verhaltenslehren der Kälte" in der Literatur der Neuen Sachlichkeit. Das Stichwort verdankte er dem zehn Jahre älteren Benn-Schüler Hans Magnus Enzensberger, der den "Kältepol des Bewusstseins" entdeckt hatte. Enzensberger wird auch mit seiner Gleichsetzung von Politik und Verbrechen maßgeblich. "Seine Formel von der Naturmacht des Bösen war zu griffig, um falsch zu sein. (...) Man kann sich unser Misstrauen gegen den Rechtsstaat heute kaum noch vorstellen."

Wie für die fast gleichaltrige Pfarrerstochter Gudrun Ensslin bringt Alain Resnais' Auschwitz-Film "Nacht und Nebel" eine politische und moralische Erweckung, und die lebensbestimmende Bedeutung von "Twist and Shout" von den Beatles wird nicht unterschlagen. Dankbar wird der frühen Erzählungen Heinrich Bölls gedacht, in denen Lethen den "Existentialismus der Müdigkeit" spürt. "Müdigkeit schützt vor Pathos" erkennt er später und gibt zugleich zu, dass er selber diese Erkenntnis nicht immer befolgt hat. Für den "Zauberberg", da ist er bereits an der Uni, nimmt er drei Tage krank. Brecht kommt ins Spiel - er liefert auch den melancholischen Titel "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug" -, dann Gottfried Benn, Jürgen Habermas, später Peter Handke. Als wäre auch dieses eine Leben nichts als Literatur, wird sogar das Auftauchen und Verschwinden einer V 2, das der Fünfjährige erlebt hat, in der Rückschau mit der Anspielung auf ein Liebesgedicht von Brecht ausgemalt.

Wer mag, kann diese Memoiren als Rechenschaftsbericht oder sogar als Bekenntnis einer Generation lesen, die durch Vietnam, den Mord an Benno Ohnesorg, überhaupt die deutschen Zustände extrem politisiert und später extrem enttäuscht wurde, sich am Ende aber mit den Zuständen und insbesondere dem Rechtsstaat arrangiert hat. Lethens Buch ist das alles, aber vor allem ein echter Bildungsroman. An dieser Generation, von der um 1970 eine kleine radikale Minderheit unter wortarmen Transparenten durch die Straßen lief, nagte nach dem Krieg ein wütender Hunger, ein Hunger nach Literatur, nach Worten, die gegen das Schweigen der Väter helfen mussten.

Wer die K-Zeit zufällig nicht erlebt hat, wird immerhin mit Anekdoten verwöhnt

Lethen erinnert sich an die "Stickluft des innenpolitischen Klimas der Adenauerzeit" und die Rettung aus diesem Treibhaus: "In verschlossene Archive einzudringen, Antiquariate zu durchkämmen, Schulbücher zu säubern, bei französischen, chilenischen und amerikanischen Studentinnen und Studenten unterzuhaken und im gleichen Zeitraum eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen, die Neuland erschloss, das war reines, das heißt arbeitsintensives Glück."

Arbeit heißt Forschung und Lehre, doch ist Lethens Buch weit besser durchlüftet, als es Professorenmemoiren sonst sind. Dafür hat schon der Radikalenerlass gesorgt, die heute vergessene Kehrseite von Willy Brandts Versprechen, "mehr Demokratie" zu wagen. Lethen unterrichtete an der privaten Gabbe-Schule, wo er weitere Opfer wie Peter Schneider und Rüdiger Safranski als Kollegen hatte. Im Umweg über die Niederlande gelang dann doch noch eine ordentliche Laufbahn zum Professor.

Am Anfang der politischen Laufbahn steht der vorgeschriebene Klassenverrat, aber ausnahmsweise kein evangelisches Pfarrhaus. Der Vater, sportbegeisterter Mittelständler, Parteimitglied seit 1928, kehrt als degradierter Offizier aus Krieg und Gefangenschaft zurück, "kein Krieger"; er hat sogar den Liebhaber der Mutter zu dulden. Gleich zwei Mal muss das erzählt werden, denn der Sohn erkennt den liebenswürdigen Schwächling wieder in Alexander Mitscherlichs Studie über die "vaterlose Gesellschaft". Als "westdeutscher Musterschüler" geht Lethen nach dem Abitur generationstypisch zur Bundeswehr, wo er auf einen weiteren Musterschüler wie Rainer Langhans hätte treffen können.

Es kommt der Verrat an der Literatur dazu. Safranski muss noch heute mit seiner hemmungslosen Klassikeranbetung Abbitte dafür leisten, dass er einmal ebenso eifrig zur "Entwicklung der Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik" dissertiert hat. In der Arbeitsgruppe der KPD ging es streng zu, da wusste man, dass die "Widerspiegelung der Wirklichkeit nur auf der Basis der politischen Diagnose und Strategie der KPD gelingen" könne. Die Sprache in "Berlin Alexanderplatz" ist den Literaturkommissaren nicht proletarisch genug, weil Alfred Döblin dem Biberkopf ein Schicksal zudenkt und sich weigert, Geschichte nach Maßgabe des Marxismus-Leninismus als "planbares Großprojekt" darzustellen. Hätte er es nur mit dem eminenten Literaturtheoretiker Mao Tse-tung gehalten, der auf der Parteikonferenz von Yenan empfehlen sollte, mit dem "Brauchbaren aus der Sprache der Volksmassen" zu agitieren!

Die kurze Ära der K-Gruppen, davon legt Lethen am eigenen Beispiel das beste Zeugnis ab, war einfach nur furchtbar. Erst sehr viel später konnten er und die Seinen über das "Leben des Brian" lachen, über den im Film existenziellen, wenn nicht sogar himmelweiten Unterschied zwischen der "Judäischen Volksfront" und der "Volksfront von Judäa", nämlich als sie merkten, dass da über sie gespottet wurde, die "grimmigen Komiker", die sich in den verwirrend vielen K-Gruppen organisiert hatten und je nach Programm und Finanzierung nach Ost-Berlin, Peking, Pnom Penh, Pjöngjang oder Tirana beteten.

Bei Richard Alewyn hatte der Student Lethen Klopstocks Oden nachgehorcht, er war verzaubert, wie der Philologe Eichendorffs Landschaft deutete. Mit Walter Benjamin im Rücken war aber nicht mehr die Literatur, sondern die Germanistik der Anwendungsfall. Sachlichkeit bedeutete mit einem Mal, in der Ad-Hoc-Gruppe das Berliner Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zu überfallen, also Peter Szondis "Elfenbeinturm" in einem "Furor des Gleichmachens" zu schleifen. Szondi war der Stellvertreter des Hl. Benjamin auf Erden, doch die an dessen "destruktivem Charakter" geschulten Marodeure kannten kein Erbarmen, räumten Szondis Schreibtisch leer, klauten seine Bücher. Der Feingeist aber beschämte die Aktivisten und weigerte sich, dem Druck der Hochschulleitung nachzugeben und die Studenten anzuzeigen. Lethen, fünfzig Jahre später, voll der Reue: "In mancher Hinsicht waren wir Barbaren Wegbereiter von Bologna."

Erst nachträglich kommen ihm Zweifel an seiner Sachlichkeitsrüstung. Die Szondi-Schülerin Henriette Beese, die später Marcel Proust übersetzen sollte, damals Genossin, schrieb in den gemeinsam betreuten Berliner Heften anlässlich einer Retrospektive der Filme mit dem Schauspieler Conrad Veidt (der Cesare im "Cabinet des Dr. Caligari" und der Major Strasser in "Casablanca") über die Affektabwehr ihrer Generation, die sich auf die "Schreibweise der Kälte" beruft. Lethen weiß, dass er gemeint ist: "Intellektuelle mögen es noch goutieren, wenn Kühle, Glätte, Konstruiertheit, Leere zum Stilisationsprinzip erhoben werden, sie mögen es auch narzisstisch genießen, wenn auf der Leinwand ähnlich unbedeutende Personen wie sie selbst stundenlang ähnlich dummes Zeug wie sie selbst hinterher in der Kneipe reden; einem großen Publikum scheint es offenbar nicht besonders aufregend, wenn ihm im Kino oder auf dem Bildschirm die möglichst getreu nachgemachte Arbeitswelt nebst einem realitätsnahen Problem gezeigt wird. Vielleicht hat das große Publikum ausnahmsweise recht."

"Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war!"

Wer die K-Zeit zufällig nicht erlebt hat, wird immerhin mit Anekdoten verwöhnt. Zum Beispiel mit der Geschichte, wie der betagte Reformpädagoge Theodor Litt in seiner Vorlesung eine kunstvoll eröffnete Satzperiode unterbricht, um eine Studentin, die zu spät kommt und eine Entschuldigung stammelt, aus dem Saal zu werfen, und dann den hochkomplexen Satz fortzusetzen. Oder mit einem Adorno, der bei einem Studienabend mit Beatles- und Rolling-Stones-Songs geärgert werden soll, der Fun aber Stahlbad sein lässt und sich beim Wein mit einer Freundin amüsiert. Oder mit Peter Sloterdijk, der bei einem Besuch morgens ein Tonband mit der eigentümlichen Trias aus Eisenbahngeräuschen, Vogellauten aus Poona und der Stimme seines indischen Gurus laufen lässt.

"Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war!" seufzt Lethen einmal. Trotz der "glücklichen Jahre in der Studentenbewegung" ist die Revolution ausgeblieben, aber die affektive Bindung wird nicht unterschlagen. Bei der Demonstration gegen den kongolesischen Staatschef Moise Tschombé kam er 1964 in Kontakt mit Rudi Dutschkes Lederjacke, die er tragen sollte, um die Polizei abzulenken. Drei Jahre später haben die guten Berliner einen Langhaarigen fast totgeprügelt, weil sie ihn für Dutschke hielten. Lethen hatte Glück, er musste die Jacke gleich wieder abgeben, "unmöglich, dass ein gerade Zugezogener die Jacke des Charismatikers länger als zehn Minuten trug".

Der Literatur- wandelt sich im Lauf seiner Karriere zum Kulturwissenschaftler und Lethen muss konstatieren, dass wie schon in der KPD "die Wirklichkeit" der blinde Fleck seiner Wissenschaft ist. Umso größer das Erschrecken über die Wirklichkeit, die sich 1995 in der Wehrmachtsausstellung zeigt, organisiert von Hannes Heer, einem weiteren Genossen, der einst für einen Sozialismus kämpfte, "in dem die Massen bestimmen". Ohne weitere Metaphern und literarische Verkleidung prangerten die Bilder die Verbrechen der Vätergeneration an.

Wenn einer die achtzig überschritten hat, wird sich sein Leben fast unvermeidlich zur Erfolgsgeschichte runden. Es fehlt nicht an akademischer Anerkennung, und dann kommt auch noch eine junge Frau dazu, in die sich der ältere Professor vor einem Rosenstrauch, aber - so viel Kälte, soviel Benn muss sein - neben dem Hörsaal der Hautklinik mit ihren detaillierten anatomischen Zeichnungen verliebt. Caroline Sommerfeld verwandelt sich fast über Nacht in eine Propagandistin der Kubitschek-Rechten und beruft sich wie zum Hohn auch noch auf seine Bücher zur Schreibweise der Kälte. Das Kapitel, in dem er diese Entwicklung begrübelt, ist, wie könnte es anders sein, überschrieben mit: "Der Riss der Evidenz".

Lethen kann sich das Abirren seiner Frau nicht erklären, trotz Brecht wird er nicht schlau daraus. War am Ende doch alles Literatur? Schön wär's.

Helmut Lethen: Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2020. 384 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 23.10.2020
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