Veranstaltungen und Corona:Geschlossene Gesellschaft

Saisoneröffnung Elbphilharmonie

Immerhin 1300 von 2100 Plätzen besetzt: Dirigent Alan Gilbert und Yo-Yo Ma mit dem NDR-Elbphilharmonie-Orchester beim Eröffnungskonzert der Saison am 1. September.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

In Hamburg dürfen Kulturstätten jetzt mit 2 G experimentieren. Kann das die Lösung für die gebeutelte Veranstaltungsbranche sein?

Von Peter Burghardt, Hamburg

Die Künstlerzimmer der Elbphilharmonie liegen im zwölften Stock, da kommt das Volk sonst eher nicht hinein. Hoch über Hamburg und seinem Hafen machten sich zuletzt unter anderem Rufus und Martha Wainwright, Caetano Veloso und Yo-Yo Ma für ihre Auftritte frisch. Am Samstag spielt das Mahler Chamber Orchestra für Geimpfte, Genesene oder Getestete, am Montag das London Symphony Orchestra mit Sir Simon Rattle. Am konzertfreien Freitag stand nun dieses Angebot auf dem Programm: Impfen in der Elbphilharmonie.

Wer mochte und noch nicht hatte, durfte sich dort oben die Spritze setzen lassen, wahlweise mitBiontech oder Johnson & Johnson. Danach eine Viertelstunde Erholung mitten im Großen Saal, alles ohne Anmeldung. Ein kleiner Beitrag zum aktuellen Kulturkampf an Alster und Elbe um 2 G und 3 G, denn der Impfpass mit Corona-Emblem kann künftig besonders hilfreich sein, wenn jemand Theater mag oder Musik.

2 G soll die verdammte Pandemie für gebeutelte Veranstalter halbwegs in den Griff kriegen

Hamburgs Impfzentrum in den Messehallen hat dichtgemacht, nach acht Monaten und 600 000 Gepiksten. Dafür probiert die Hansestadt die Option 2 G, beschlossen vom rot-grünen Senat um Bürgermeister Peter Tschentscher. Der entschlossene Teil der Branche kann im Lokal, Kino oder Konzerthaus nur noch jene empfangen, die geimpft sind oder genesen. Dafür dürfen dann wieder wie in alten Zeiten alle Plätze gefüllt werden, statt aus Hygienegründen die Hälfte freizulassen.

2 G soll die verdammte Pandemie für gebeutelte Veranstalter halbwegs in den Griff kriegen. Hamburg prescht voran, obwohl der Politiker und Mediziner Tschentscher bisher vorsichtig gewesen war. Es ist nur ein Hamburger Modell, alles freiwillig, aber so eifrig wurde ein Kürzel mit G hier seit dem Krawallgipfel G 20 nicht mehr debattiert.

Die einen probieren 2 G also aus, andere bleiben bei 3 G und öffnen ihre Türen weiterhin auch für Getestete. Viele schwanken. Die Kulturszene wurde von dem Angebot aus dem Rathaus einigermaßen überrumpelt. Da sind noch ein paar Details zu klären, das beschäftigt auch Christoph Lieben-Seutter, den Intendanten der Elbphilharmonie. "2 G ante portas sozusagen", sagt er am Telefon. "Ein fließendes Thema. Wir evaluieren gerade, inwieweit wir in der Lage wären, 2 G abzuwickeln." Ganz so schnell geht das nicht.

Der Wiener Lieben-Seutter ist ja allerhand gewöhnt, seit er die damals noch werdende Elbphilharmonie übernahm, diesen nachmaligen Welterfolg. Während der ausgedehnten Bauzeit war er jahrelang Intendant ohne Haus, während Corona monatelang Intendant ohne Publikum, ständig brüten sie seither über neuen Regeln. Seit Juni wird wieder live musiziert unter dem Wellendach, mit Masken, Abstand, 3 G und reduziertem Platz. Am Mittwoch fand die Saisoneröffnung des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters in Vollbesetzung mit Dirigent Alan Gilbert statt, fast Normalität im Ausnahmezustand.

Der Intendant wäre für 2 G+. Geimpft, genesen oder getestet - aber mit PCR-Test

1300 der 2100 Sitze im Großen Saal waren zur Feier des Tages besetzt. Die Cellisten um Yo-Yo Ma gaben zwischendurch "Summertime", draußen hatte sogar der Himmel über Hamburg aufgeklart. Nachher, so berichtet das Hamburger Abendblatt, zerlegte der NDR-Intendant Joachim Knuth 2 G in "Gershwin" und "Glücksgefühl" - beim Aprés-Empfang, an dem nur Geimpfte oder Genesene teilnehmen durften.

Für Lieben-Seutter ist 2 G etwas komplizierter. "Komplexe Gemengelage", sagt er. Er persönlich wäre für 2 G+. Geimpft, genesen oder getestet - aber mit PCR-Test, deutlich zuverlässiger als die Schnelltests. Dann könnten zum Beispiel auch diejenigen kommen, die nicht geimpft werden können.

Viele Tickets wurden ja schon verkauft, da können schlecht nachträglich die Bedingung geändert werden. Auch sieht sich Hamburgs neueres Wahrzeichen als offenes Haus. Außerdem sind da außer der wohl sehr überwiegend geimpften eigenen Belegschaft jede Menge weiterer Zulieferer, Veranstalter, Orchester, Chöre und so weiter.

Zahlreiche Kulturschaffende wurden längst in den Kai-Studios der Elbphilharmonie geimpft. Aber wer alles immunisiert ist, das geht die Arbeitgeber gar nichts an. "Keine Sorge", schreibt das Thalia-Theater auf seiner Homepage, bei ihnen bleibe 3 G. "Alles was Sie brauchen, ist ein gültiger Nachweis und ein Mund-Nasenschutz, auch während der Vorstellungen." Man sitze nach wie vor im "Schachbrett, mit je einem freien Platz Abstand".

Dem Kollegen aus dem 3-G-Ohnsorg-Theater wiederum missfällt, dass der Staat die Verantwortung abschiebt

Ab Oktober dürfen auf dem Thalia-Schachbrett Paare zusammenrücken, alles weitere wie vereinzelte 2 G-Termine wird man sehen. Der Intendant Joachim Lux betrachtet das Theater "als Teil einer erweiterten Grundversorgung", da ist 2 G suboptimal. Dem Kollegen aus dem 3-G-Ohnsorg-Theater wiederum missfällt, dass der Staat die Verantwortung abschiebt.

Die Klage über versteckte Impfpflicht hört man öfter, dennoch kann 2 G reizvoll sein. Die Szene steckt in einem Dilemma. Das Deutsche Schauspielhaus will ab Mitte Oktober Stücke von Elfriede Jelinek ("Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!") und Ian McEwan ("Kindeswohl") 2 G anbieten. Die Intendantin und Regisseurin Karin Beier freut sich, dass man wieder vor vollem Zuschauerraum spielen dürfe, verspricht aber weiterhin auch 3-G-Veranstaltungen. "Allen Menschen soll ein Theatererlebnis möglich sein."

Langfristig mache es keinen Sinn, halb leere Säle zu bespielen

Die Schmidt-Theater am Kiez feierten soeben 30. Geburtstag, mit Mary Roos und Udo Lindenberg, Umzug zu 2 G am 5. Oktober. Die Betreiber um Corny Littmann finden es "richtig, dass Geimpfte und Genesene ihre vollen Rechte zurückerhalten". Da könne man "Kulturbetriebe wie unseren nach anderthalb harten Jahren Pandemie erstmals wieder wirtschaftlicher betreiben"; 95 Prozent der Gäste seien ohnehin geimpft oder genesen. Das St.-Pauli-Theater nebenan folgt zum Jahresende. Die Kinos? "Aktuell gilt bei uns weiter G3", schreibt in schöner Umkehrung der Chiffre das Abaton auf seiner Website. "Sollte sich das ändern, erfahren Sie das hier." Die Staatsoper? Vorläufig 3 G. Reeperbahn-Festival? Verzichtet ("leider, leider") auf 2 G.

"Alles im Fluss", sagt Christoph Lieben-Seutter, der Herr über die Elbphilharmonie. Wer weiß, was noch kommt an Inzidenzen und Hospitalisierung. Für ihn ist eine Fahrt in der vollen U-Bahn riskanter, als sich mit Abstand und Lüftung gute Musik anzuhören. Langfristig mache es keinen Sinn, halb leere Säle zu bespielen. Die Bühne im Großen Saal jedenfalls war am Freitag das beste Wartezimmer der Stadt.

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