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Gerhard Schröder vs. LinkedIn:Ist das noch Kunst oder schon Porno?

Gerhard Schröder Screenshot

Das Video des Anstoßes: Gerhard Schröder im Interview über den Fotografen Helmut Newton.

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin/LinkedIn)

Zwischen Gerhard Schröder und dem Netzwerk Linkedin gibt es eine kleine Meinungsverschiedenheit über Nacktbilder.

Von David Steinitz

Woran mächtige Männer beim Stichwort Brüste als Erstes denken müssen, variiert von Ort zu Ort erheblich. Die mächtigen Männer des Silicon Valley zum Beispiel, die selten etwas gegen Gewalt, aber oft etwas gegen Nacktheit haben, denken bei Brüsten tendenziell an Sittenverfall und Revenge Porn. Weshalb sie ihre Algorithmen gerne alles Nackte aussortieren lassen.

Die mächtigen Männer der Bundesrepublik hingegen denken beim Thema Brüste selbstverständlich als Erstes: Kunst!

Was passiert, wenn diese beiden Interpretationswelten aufeinanderprallen, zeigt eine schöne kleine Episode zwischen dem Altkanzler Gerhard Schröder und dem sozialen Netzwerk Linkedin. Schröder hatte den Staatlichen Museen zu Berlin ein Interview gegeben für ein Video, in dem sich Zeitzeugen an den Fotografen Helmut Newton erinnern. Wenn Helmut Newton nicht gerade Gerhard Schröder fotografiert hat, hat er unter anderem nackte Frauen fotografiert. "Selbstbewusste, sicher ein wenig provokativ dargestellte Frauen", wie Schröder es formuliert. Er hat dabei diesen leicht angestrengten Gesichtsausdruck, den alle Männer zeigen, wenn sie versuchen, kritisch und bedeutungsvoll über Nacktbilder zu sprechen.

Alte Männer und Frauen mit Schamhaaren - das geht eigentlich beides nicht mehr

Einige dieser Bilder jedenfalls, die in Berlin ausgestellt sind, wurden auch für das Interview abgefilmt. Sie werden eingeblendet, während Schröder sich an Newton erinnert. Das fertige Video postete der 76-Jährige dann auf Linkedin, einem sozialen Netzwerk für Geschäftskontakte. Daraufhin, so Schröder in einem weiteren Post, sei er von Linkedin aufgefordert worden, den Beitrag zu löschen: "Er zeige zu viel nackte Haut und würde damit gegen die Statuen des Unternehmens verstoßen." Er schreibt tatsächlich "Statuen", auch wenn er vermutlich "Statuten" meint. Jedenfalls ist auf seinem Profil in dem Netzwerk als Konsequenz aus diesen Statuen nur noch eine geschnittene Fassung der Aufzeichnung zu sehen. Das Video in voller Länge gibt es aber weiterhin bei Youtube.

Aus dieser Affäre ergibt sich selbstverständlich eine Reihe von Fragen. Was macht Gerhard Schröder auf Linkedin? Was macht überhaupt noch irgendjemand auf Linkedin? Und haben sie bei Linkedin noch alle Tassen im Schrank?

Der Altkanzler ist natürlich selbst empört: "Ich habe schon manche politische und mediale Kontroverse erlebt - da überrascht mich eigentlich wenig. Doch dass sich #LinkedIn jetzt bei mir meldet, das ist auch für mich eine neue Erfahrung." Aus seiner Sicht gehe es zweifelsfrei um "Kunst, die man auch öffentlich präsentieren darf. Aber liege ich falsch?".

Eine Versöhnung der unterschiedlichen Nacktphilosophien ist eher unwahrscheinlich

Ach, Gerhard, möchte man dem Genossen zurufen, die Zeiten haben sich geändert, seit du im Bundestag auf deinem Stuhl herumgelümmelt und gegrinst hast, als hättest du gerade den schweinischsten Witz aller Zeiten erzählt. Denn nach den Standards des Jahres 2021 ist natürlich nicht nur ein Teil des Videos, sondern das ganze Video eine pure Provokation. Ein 76-Jähriger, der redet, während im Hintergrund Frauen mit Schamhaaren zu sehen sind? Die Gegenwartskultur wollte doch alles abschaffen, was alt, weiß, männlich und/oder haarig ist, das muss doch heute alles wegrasiert oder mindestens retuschiert werden. Einerseits.

Andererseits haben Gerhard Schröder und Linkedin mehr gemeinsam, als beiden Parteien vielleicht auf den ersten Blick klar ist. Denn obwohl die eine Partei 76 ist und die andere erst 19, kamen doch beide durch den Macho-Anpacker-Geist der späten Neunzigerjahre zu Macht und Ruhm, als Männer beim Thema Brüste noch alle dasselbe dachten. Die Neunziger waren im Rückblick halt doch deutlich näher an den Fünfzigern als an der gleichberechtigten Gegenwart, für die man sie im After-Work-Rausch beim vierten Caipirinha gehalten hatte.

Liegt also eine Versöhnung zwischen der Brüstephilosophie der Bundesrepublik und der des Silicon Valley im Bereich des Möglichen? Schaut man sich die Nutzerkommentare (es sind wirklich noch Leute auf Linkedin, vielleicht ist dann auch noch jemand bei Myspace!) unter dem Post des Altkanzlers an, lautet die wenig erotische Antwort leider: Nein.

© SZ/rjb
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