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Waffenkunde:Kalaschnikow für Hipster

So sieht das neue Produkt des russischen Waffenherstellers Kalaschnikow aus: Die MP-155 Ultima ist für digital interessierte Kunden gedacht.

(Foto: kalashnikovgroup/kalashnikovgroup)

Die AK-47 ist eine popkulturell absurd überhöhte Legende. Jetzt soll daraus eine "Smartwaffe" mit digitalen Funktionen werden. Hipster, heißt es in Russland, lieben so was.

Von Gerhard Matzig

Der deutsche Filmtitel "Liebesgrüße aus Moskau" von 1963, Nummer 2 in der 007-Ahnengalerie mit Sean Connery, heißt im Original "From Russia with Love". Und schon ist Ischewsk im Spiel. Das ist der Stammsitz wenn nicht der Liebe, so doch des russischen Rüstungskonzerns Kalaschnikow. Der soeben eine neue Waffe vorgestellt hat. In der russischen Waffenschmiede Ischewsk lebte Michail Timofejewitsch Kalaschnikow bis zu seinem Tod. Er wiederum ist der Erfinder des legendären Sturmgewehrs AK-47, das auf seltsame Weise zu einer Art Popikone wurde. Vielleicht nicht gerade unter Pazifisten. Aber unter Waffennarren schon. Die bisweilen auch Filmnarren oder Computerspielnarren sein können. Oder einfach Kindersoldaten.

In dem bekannten Computerspiel, in dem die Liebesgrüße ebenfalls aus Moskau kommen, ist der böse Agent Grant jedenfalls mit einer AK-47 bewaffnet. Während der gute Agent Bond ja üblicherweise eine auch deshalb zur Legende gewordene Walther PPK verwendet. (Übrigens ist das Filmplakat zu "From Russia with Love" auch unfreiwillig komisch, denn man hatte dem nichtsahnenden Sean Connery irrtümlich eine Luftpistole, die Walther LP53, in die Hand gedrückt: 007 als Luftnummer.)

Wer sich auf der Kalaschnikow-Homepage danach erkundigt, was die AK-47-Erben so treiben, kommt kaum herum um die These, Bond habe stilbildend auch in Ischewsk gewirkt. Denn das neue Produkt der Kalaschnikow-Gruppe, die MP-155 Ultima, könnte auch von Q als Gadget entwickelt worden sein. Die halbautomatische Schusswaffe verfügt laut The Moscow Times über einen integrierten Computer und ist smartphonekompatibel. Auf diese Weise wird der Schütze beim Schießen sogar angeleitet. Man muss sich dazu jetzt bitte James Bond vorstellen, der nur noch wenige Sekunden hat, um die Apokalypse abzuwenden - wobei er gerade bemerkt, dass er erstens noch angeleitet werden muss und zweitens gerade kein stabiles Handynetz hat. Diese Version könnte heißen: Liebesgrüße aus Deutschland.

Gedacht ist die Ultima für Hipster. Der Generaldirektor von Kalaschnikow, Dmitry Tarasov, sagt: "Es ist die erste Gadget-Waffe." Zum Preis von rund 100 000 Rubel (etwa 1 116 Euro). Als Käufer stellt sich Tarasov Leute vor, die sich ein Leben ohne digitale Gadgets "nicht mehr vorstellen können". Gemeint sind vor allem "Hipster und die Generation Z".

"Eine Schusswaffe muss schön sein wie eine Frau, die man ergreifen will."

Zur Generation Z rechnet man Menschen, die bis 2012 geboren wurden. Wer 2012 geboren wurde, ist jetzt neun Jahre alt - aber idealerweise Konsument einer halbautomatischen Schusswaffe, die sich vom Handy dadurch unterscheidet, dass sie entfernt an die Nerf Sniper erinnert. Was wiederum keine Luftpistole ist. Sondern Plastikspielzeug mit Munition aus Schaumgummi, was sogar Sean Connery verdächtig gefunden hätte. Das Problem könnte sein: Mit der Ultima kann man jenseits der Fiktion und ihrer Klischees ganz real töten.

Es sind also wohl noch einige Fragen offen. Eine davon betrifft den Bauch des Rappers Tupac Shakur, auch bekannt als "2Pac". Auf diesem Bauch soll es ein Tattoo geben, das eine Kalaschnikow darstellt. "Thug Life" steht drunter: das Leben eines Schlägers oder Verbrechers. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die popkulturell absurd überhöhte Kalaschnikow (siehe "Lord of War" mit Nicolas Cage), die es im Internet als T-Shirt-Aufdruck ("It's a Kalashnikov Thing") und als Stehleuchte gibt, als Ego-Shooter-Zubehör und als Motiv auf einem Dutzend Flaggen von Mosambik bis zur Hisbollah, zunehmend zum Gerät des Horrors. Der Drogenkartelle. Der Milizen. Der Unterwelt. Und jetzt also: Hipster.

Laut Eigenaussage produziert Kalaschnikow 95 Prozent der Kleinwaffen Russlands. Der Erfinder, Michail Kalaschnikow, hat gesagt: "Eine Schusswaffe muss schön sein wie eine Frau, sie muss perfekt in deiner Hand liegen und dich dazu bringen, sie ergreifen zu wollen." From Russia with Love.

© SZ/rjb/#
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