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Wahl in Frankreich:Braucht es einen Linkspopulismus?

Schilder einer Demonstration linker und prokurdischer Akitvisten in Paris. (Archivbild, aufgenommen im Oktober 2015)

(Foto: AFP)

Bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich sind Stimmen der Rechtspolupisten um Marine Le Pen laut. Während es in der Mitte eher lau aussieht. So streitet Frankreich vor der Wahl über die Notwendigkeit eines Linkspopulismus.

Von Joseph Hanimann

Wir leben in einer seltsamen Demokratie, wenn das Volk, eigentlich Antwort auf die großen Gesellschaftsfragen, ein Problem und das Wort "Populismus" ein Schimpfwort geworden ist, schrieb vor drei Jahren der linke Philosoph Jean-Claude Michéa in einem - gerade neu aufgelegten - Briefwechsel mit dem Intellektuellen Jacques Julliard. Ob ein Populismus von links heute wünschenswert, ja notwendig sei, ist eine der wenigen interessanten Kontroversen im sonst intellektuell faden französischen Wahlkampf. Manche, wie die belgische Philosophin Chantal Mouffe, sind davon überzeugt und sehen im redebegabten Kandidaten Jean-Luc Mélenchon die wirksamste Kraft gegen den rechten Abschottungspopulismus von Marine Le Pen. Die in London lehrende Belgierin kritisiert seit ihrem Buch "Über das Politische: Wider die kosmopolitische Illusion" vehement die Neigung unserer Demokratien zum schwammigen Konsens. Sie ist für den Schlagabtausch auf gleichem Niveau mit dem politischen Gegner und gilt heute als graue Eminenz hinter Mélenchon.

Das populistische Erwachen rund um die Welt sei ein Aufstand gegen die Narrenfängerei der Führungseliten mit der Lüge von der "Post-Politik", argumentiert sie. Und wenn der Rechtspopulismus, der das "Volk" in ein engstirniges, nationalistisches, autoritätshöriges "Wir" einschließe, so großen Erfolg habe, dann, weil die Linke versagt habe. Unterstützung findet die Autorin bei der Amerikanerin Judith Butler, die für eine populistische Einbeziehung des Volks in die Politik nach südamerikanischem Muster plädiert. Kernüberlegung ist bei diesem Denken, dass die rechtspopulistischen Wutbürger eigentlich recht hätten, ihre Wut aber auf Abwege geraten sei und auf die Bahn des sozialen Fortschritts zurückgeholt werden müsse.

Die Wut der Rechtspopulisten soll auf die Bahn des sozialen Fortschritts zurückgeholt werden

An dieser Stelle setzen die Kritiker dieses Standpunkts wie der Politologe Éric Fassin an. Die Wähler der rechtspopulistischen Parteien seien nicht einfach die Verlierer der Globalisierung, die man mit ihren Problemen sowie ihrem Hass ernst nehmen und im Sinn eines linken Volksbegriffs zurückgewinnen müsse, schreibt er im Buch "Populisme: le grand ressentiment". Ihr Ressentiment sei nicht in eine positive Kraft des Aufstands konvertierbar und besser wäre es für die Linke, sich auf jene anderen zu konzentrieren, die ihre Frustration nicht durch Zulauf zu demagogischen Taschenspielern, sondern durch politische Indifferenz zum Ausdruck brächten - die Nichtwähler.

Zugespitzt wird diese Kontroverse in Frankreich durch die Kandidatenkür, die Vorwahlen in den Volksparteien. Dieses aus Amerika importierte Verfahren habe im politisch heißblütigen Frankreich im linken wie im rechten Lager nicht das Volk, sondern die knallhart überzeugten Parteianhänger zum Zug kommen lassen, konstatiert der Historiker Alain Besançon. Demokratien seien an den Rändern hitzig, in der Mitte eher lau, führt er aus, und in der Vergangenheit hätten in Frankreich oft die Ränder dominiert. So auch jetzt wieder. Mélenchon auf der einen, Marine Le Pen auf der anderen Seite sind, so der Historiker, gerade dabei, das "Volk" in ein simples Parteigängertum einzuwickeln.

Von der Weite des Raums dazwischen wird Frankreichs Zukunft der nächsten Jahre abhängen. Man mag die Wahlen, wie der Philosoph Alain Badiou dies tut, als "Entpolitisierungszeremoniell des Volks" betrachten und sämtliche Kandidaten für unzulänglich erklären. Ein paar Optionen für jene lauwarmen Bereiche der Volkserwartung zwischen Eigeninteresse und Sehnsucht nach Gemeinwohl sollten dennoch bereitgehalten werden. Dies ist das Anliegen der Kulturszene, die sich diesmal allerdings noch zaghafter als bei den früheren Wahlen zu Wort meldet. Nachdem der ursprünglich von Intellektuellen, Schriftstellern, Schauspielern, Filmautoren vorgebrachte Wunsch eines einzigen linken Kandidaten enttäuscht wurde, melden sie sich beinah verschämt mit ihrer Unterstützung für diesen oder jenen Bewerber zu Wort. Die Philosophen Pierre Manent und Luc Ferry unterstützen Fillon. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty oder die Schauspielerin Juliette Binoche setzen sich für den Sozialisten Benoît Hamon ein. Der Architekt Roland Castro und die Sängerin Françoise Hardy machen sich für Emmanuel Macron stark. Der Schriftsteller Laurent Binet plädiert für Mélenchon, die Schauspielerin Brigitte Bardot bleibt dem Hause Le Pen treu.

Dabei wären Kulturleute und Intellektuellen gefragt, die den politischen Diskurs der Sachzwangrhetorik in eine reichere Sprache überführen. Der Kandidat Fillon hat das erkannt und improvisiert in seinen Reden gern über die Renaissance einer "nationalen Erzählung". Wie aber würde ein "récit national" von links aussehen, fragte der Historiker Patrick Boucheron vom Collège de France unlängst in einem Vortrag. Er skizzierte das Modell einer "offenen, vielfältigen, vom Volk getragenen und mitreißenden" nationalen Erzählung: so, wie seine im Januar herausgegebene "Histoire mondiale de la France" dies mit ausgefallenen Episoden aus der französischen Geschichte wunderbar vorführt. "Wollen die Franzosen heute parlamentarisch besser vertreten oder durch eine charismatische Figur verkörpert werden?", fragte Boucheron. Seine Antwort lautet, dass die Vertretung des Volks ohne ein Mindestmaß an Verkörperung nicht weit kommt. Das war das Problem der Präsidentschaft Hollandes.

© SZ vom 20.04.2017/smb

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