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Framing-Check: "Klimawandel":Dieser Begriff ist ein Sieg für alle, die nichts verändern wollen

Das Klima ändert sich weder langsam, noch unaufhaltsam oder als Folge natürlicher Prozesse. Aber der Begriff "Klimawandel" suggeriert, dass es so ist.

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert. Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel "Zitrone" hört, denkt vermutlich an "sauer" oder "gelb". Das lässt sich politisch instrumentalisieren. Frames definieren oft ein Problem - und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende Lösung. Bei einem Begriff wie "Flüchtlingsstrom" sieht man vor dem geistigen Auge vermutlich große Menschenmassen heranrauschen - eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die vermeintliche Lösung "Abschottung" nahelegt.

In einer losen Serie analysiert die SZ das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. Diesmal: Klimawandel.

Wer den Begriff benutzt :

"Klimawandel" ist ein gängiger Begriff in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Er wird wie selbstverständlich von allen benutzt - vom Klimaschützer bis zum Klimaskeptiker, vom Politiker bis zum Wissenschaftler. Er findet sich im Titel von vielen Regierungsdokumenten. Deutschland und Österreich haben zum Beispiel "Strategien zur Anpassung an den Klimawandel" entwickelt.

Was der Begriff suggeriert:

Der Begriff "Klimawandel" suggeriert einen natürlichen Prozess. Fünf Milliarden Jahre Erdgeschichte sind fünf Milliarden Jahre Klimawandel. Warmzeiten kommen und gehen - ebenso die Eiszeiten; auch sie kommen und gehen. Das Klima der Erde hat sich schon immer gewandelt. Dies ist ein normaler, natürlicher Prozess. Als natürlicher Prozess erscheint Klimawandel unaufhaltsam.

Der Begriff "Wandel" bezeichnet zudem für gewöhnlich einen langsamen und linearen Prozess. Man spricht vom Wandel der Zeiten und will damit sagen, dass die Dinge sich über lange Zeiträume gleichmäßig ändern. Von einem langsamen Prozess erwartet man jedoch zumeist keine besonders schmerzhaften Auswirkungen.

Wie das die Wahrnehmung steuert:

Der Begriff "Klimawandel" entpolitisiert, weil er den Blick auf Ursache, Dringlichkeit und den mitunter auch politischen Charakter des Problems verstellt. Dies geschieht auf dreierlei Weise.

Weil der Begriff einen natürlichen Prozess suggeriert, wird die Bedeutung des Menschen darin fast unsichtbar. Klimawandel suggeriert, dass der Mensch Klimaänderungen nicht verursachen kann. Das kann nur die Natur. Aufhalten kann der Mensch den Klimawandel demnach schon gar nicht. Nach Einschätzung des Weltklimarates ist der Anteil des Menschen am Temperaturanstieg aber der mit Abstand wichtigste Faktor. Es wird zudem verschleiert, dass Emissionsreduktionen (von Treibhausgasen) die Änderung des Klimas verlangsamen und aufhalten können. Kurz: Es wird überlagert, dass der Klimawandel auch ein politisches Problem ist.

Der Begriff "Klimawandel" lässt an einen linearen Prozess denken. An einen Prozess mit langsamer und gleichmäßiger Geschwindigkeit können sich Menschen anpassen. Damit übertüncht der Begriff, dass der Temperaturanstieg sich beschleunigt und schneller Auswirkungen zeigen wird als lange angenommen: Das Auftauen des Permafrostbodens setzt zum Beispiel Methan frei, ein starkes Treibhausgas, das Klimaänderungen weiter beschleunigt. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist ein weiteres Beispiel: Werden etwa die gewaltigen Mengen an Kohlenstoff, die er speichert, durch Brandrodungen als Kohlendioxid freigesetzt, heizt das das Klima weiter an. Diese sogenannten Kipppunkte wirken also wie Brandbeschleuniger, die die Geschwindigkeit von Klimaänderungen plötzlich exponentiell steigern können.

Der Begriff "Klimawandel" suggeriert schließlich wenige schmerzhafte Änderungen im Klima. Zwei oder drei Grad mehr wären vielleicht nicht schlecht, mag man denken, schon gar nicht in Mitteleuropa. Doch damit blendet man aus, dass kleine Änderungen in der globalen Durchschnittstemperatur große Änderungen in bestimmten Regionen bedeuten. Diese regionalen Änderungen können nicht nur drastische Auswirkungen auf diese Gegenden haben, sondern auf die gesamte Erde. Das Abschmelzen des Grönlandeises ist ein Beispiel für ein regionales Ereignis mit drastischen globalen Auswirkungen.

Die weitläufige und selbstverständliche Verwendung des Begriffs "Klimawandel" ist ein wichtiger Framing-Sieg für diejenigen, die kein Interesse an den erforderlichen Emissionsreduktionen haben. Es ist kein Wunder, dass mit diesem Framing weder Bürger noch Politik Emissionen in ausreichendem Maße senken.

Was ein passender Begriff wäre:

"Klimakrise" oder "Überhitzung der Erde" sind präzisere Begriffe. Sie machen Ursache und Dringlichkeit des Problems deutlicher. In anderen Politikfeldern nehmen wir den Begriff "Krise" schnell in den Mund - Eurokrise oder Flüchtlingskrise -, vermeiden ihn aber, wenn wir über grundlegende Verwerfungen unseres planetarischen Systems sprechen. Das sagt viel über den politischen Stellenwert der verschiedenen Politikfelder. Die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen sollte besser "Konvention der Vereinten Nationen zur Vermeidung der Klimakrise" oder "Konvention zur Vermeidung globaler Überhitzung" heißen. Heute heißt sie "Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen" - noch ein Zeichen für den Erfolg des verharmlosenden Framings.

Dr. Nils Meyer-Ohlendorf ist Head des International and European Governance Program des Ecologic Instituts mit Sitzen in Brüssel und Berlin. Klimaschutz und Governance sind Schwerpunkte seiner Arbeit. Das Ecologic Institut finanziert sich als privates, gemeinnütziges Institut durch Projekte. Geldgeber sind u.a. die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, das Bundesumweltministerium, das Bundesforschungsministerium, das Umweltbundesamt sowie diverse Stiftungen. Die Meinung in diesem Text ist die des Autors.

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