Fotografinnen des 20. Jahrhunderts:Der andere Blick

Bourke-White

Margaret Bourke-White 1943 als "embedded journalist": Als erste Fotografin begleitete sie eine Bomberstaffel.

(Foto: ASSOCIATED PRESS/ASSOCIATED PRESS)

Fulminante Entdeckungsreise: Das New Yorker Metropolitan Museum zeigt Werke großer Fotografinnen, viele davon kaum bekannt.

Von Christian Zaschke

Schon mal von Homai Vyarawalla gehört? Oder von Tsuneko Sasamoto? Nein? Vielleicht von Lee Miller oder von Olive Cotton? Diese Frauen sind allesamt exzellente Fotografinnen, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teils bedeutende Bilder aufgenommen haben. Dennoch sind einige von ihnen selbst unter Menschen, die sich sehr für Fotografie interessieren, weitgehend unbekannt.

Zu sehen sind einige der Bilder dieser und anderer Frauen jetzt in der Ausstellung "The New Woman Behind the Camera" im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Gezeigt werden 185 Fotografien von 120 Frauen aus mehr als 20 Ländern, größtenteils aufgenommen zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren, und das ist in vielerlei Hinsicht erhellend.

Mia Fineman, Kuratorin für Fotografie am Met, sagt: "Von vielen dieser Frauen hatte ich noch nie gehört, und ich bin eine auf Fotografie spezialisierte Kunsthistorikerin." Wie das sein kann? "Es waren männliche Fotografen, die kanonisiert wurden, während die meisten Frauen vergessen wurden - sogar Frauen, die zu ihren Lebzeiten wirklich berühmt waren", so Fineman.

Margaret Bourke-White begleitete 1943 als erste Frau eine Bomberstaffel bei einem Einsatz

Zu den berühmteren Fotografinnen gehörte zweifellos die Amerikanerin Margaret Bourke-White. Von ihr stammen einige der eindrücklichsten Bilder der Ausstellung. Diese ist in zehn Sektionen unterteilt. In der ersten namens "The New Woman" (Die neue Frau) sind Portraits und Selbstportraits von Fotografinnen zu sehen. Das Bild von Bourke-White sticht heraus. Es zeigt sie neben einer Großformat-Kamera, die auf einem Stativ steht, in ebenso lässiger wie selbstbewusster Pose. Wenn man dieses Bild von ihr sieht, will man umgehend auch ihre anderen Bilder sehen.

BOURKE-WHITE

Lässig, selbstbewusst und sehr modern: Die Photojournalistin Margaret Bourke-White sozusagen im Doppelselbstporträt mit ihrer Kamera (1934)

(Foto: AP)

Dazu muss man einmal durch die komplette Ausstellung bis zur letzten Sektion "Reportage" spazieren. Dort findet sich eine Seite der legendären Zeitschrift Life mit der Überschrift: "Life's Bourke-White goes bombing". Gemeint ist, dass die bei Life angestellte Bourke-White 1943 als erste Frau im Zweiten Weltkrieg eine US-Bomberstaffel bei einem Kampfeinsatz begleitete. Später fotografierte sie für Life unter anderem 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.

Ihre Kollegin Lee Miller vom Magazin Vogue war ebenfalls im April 1945 in Deutschland unterwegs. Von ihr ist ein Bild zu sehen, das einen toten SS-Mann in einem Kanal bei Dachau zeigt. Es ist ein faszinierendes Foto, gar nicht mal, weil man den Tod so unmittelbar anschaut, sondern eher, weil über dem Bild die Taten dieses schwimmenden Leichnams schweben.

Alles fing an mit einem riesigen Fund im Washingtoner Archiv

Auf einem zweiten Bild von Miller sind KZ-Überlebende zu sehen, die eine Puppe von Hitler basteln, komplett mit selbstbemalter Hakenkreuz-Armbinde - um diese Puppe dann an einem Strang aufzuknüpfen. Der Versuch der Vertreibung des bösesten aller Geister.

Ursprünglich hatte die Ausstellung im vergangenen Jahr in der National Gallery of Art in Washington gezeigt werden sollen. Die dortige Kuratorin Andrea Nelson hatte die Idee bereits 2010 entwickelt, als sie in den unendlichen Archiven des Museums 90 Bilder der deutsch-amerikanischen Fotografin Ilse Bing entdeckte. Sie war so beeindruckt, dass sie nach weiteren Fotografinnen suchte, deren Werk ebenfalls mehr oder weniger vergessen ist.

Der geplanten Eröffnung 2020 in Washington stand die Pandemie im Wege. So ist die Ausstellung jetzt zunächst bis zum 3. Oktober in New York zu sehen, bevor sie vom 30. Oktober bis zum 30. Januar 2022 in der Hauptstadt gezeigt wird.

Dass die Bilder an zwei derart prominenten Standorten zu sehen sind, ist der Tatsache geschuldet, dass die Kuratorinnen zu Recht der Ansicht sind, einen Schatz gehoben zu haben. Die Ausstellung ist eine teils fulminante Entdeckungsreise, die nebenbei das Klischee widerlegt, viele Fotografinnen hätten seinerzeit lediglich den Stil der männlichen Kollegen imitiert. Zum Teil haben sie sich sogar über die Kontinente hinweg gegenseitig inspiriert.

Ilse Bing galt in den Dreißigerjahren als "Königin der Leica"

Ein Beispiel: Kuratorin Nelson ist nach Japan gereist und hat dort die Fotografin Tsuneko Sasamoto besucht, die heute 106 Jahre alt ist. In einem Video erzählt Sasamoto, dass ihr Arbeitgeber damals sagte, dass es in Japan keine weibliche News-Fotografin gebe. In den USA arbeite hingegen eine gewisse Margaret Bourke-White. Ob sie nicht für Japan werden wolle, was Bourke-White in den USA sei, habe der Arbeitgeber gefragt. Sasamoto wollte. Ihre Bilder erzählen vor allem von der Besetzung Japans durch die USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Fotografinnen des 20. Jahrhunderts: Die japanische Pionierin Tsuneko Sasamoto zeigte vor allem das Leben der Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg. Sasamoto ist heute 106 Jahre alt.

Die japanische Pionierin Tsuneko Sasamoto zeigte vor allem das Leben der Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg. Sasamoto ist heute 106 Jahre alt.

(Foto: Tsuneko Sasamoto)

Von Ilse Bing, die Andrea Nelson zu der Ausstellung inspirierte, ist unter anderem ein Selbstportrait mit Spiegel zu sehen, das fast wirkt wie ein Doppelportrait, denn ebenso prominent wie Bing selbst ist ihre 35-mm-Leica im Bild. Es sieht aus wie eine Hommage an ihr Arbeitsgerät, an diese wunderbare Kamera.

Bing wurde 1899 in Frankfurt geboren. Während sie an ihrer Doktorarbeit in Kunstgeschichte arbeitete, interessierte sie sich zunehmend für Fotografie. Im Jahr 1929 kaufte sie schließlich die nämliche Leica. 1930 zog sie nach Paris und wurde als "Königin der Leica" bekannt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie mit ihrem Ehemann und weiteren Juden im Süden Frankreichs interniert, konnte jedoch 1941 nach New York fliehen. Dort fotografierte sie zunehmend weniger, doch nach Ansicht von Kuratorin Nelson hinterließ sie ein Werk, das stellvertretend für die Fotografie zwischen den Kriegen stehe. In der Tat würde man in näherer Zukunft gern auch die anderen Bilder von Bing sehen, die Nelson vor gut einem Jahrzehnt in den Archiven fand.

Fotografinnen des 20. Jahrhunderts: Homai Vyarawalla, Indiens erste Photojournalistin, Ende der 30er Jahre in Bombay am Chowpatty Beach.

Homai Vyarawalla, Indiens erste Photojournalistin, Ende der 30er Jahre in Bombay am Chowpatty Beach.

(Foto: Homai Vyarawalla Archive / The Alkazi Collection of Photography)

Die indische Fotografin Homai Vyarawalla ist vielleicht ein heimlicher Star der Ausstellung. Sie fotografierte das Ende des Britischen Empires in Indien und den Beginn der Unabhängigkeit. Beispielhaft für ihre Arbeit steht eine Aufnahme des Bahnhofs Victoria Terminus in Mumbai, der seit 1996 Chhatrapati Shivaji Terminus heißt, eines der typischsten Beispiele für britische Kolonialarchitektur. Vyarawalla setzte den Bahnhof nicht als den gloriosen Triumphbau in Szene, als der er konzipiert war, sondern fotografierte ihn vom Straßenniveau aus durch die Räder einer Rikscha. Es wirkt, als habe sie das Gebäude dadurch eingemeindet.

Natürlich wird auch eine Aufnahme von Leni Riefenstahl gezeigt, das ist wohl unvermeidlich, wenn man die Arbeit von Fotografinnen dieser Epoche abbilden will. Es ist ein Bild von Hunderten Männern, die in Reih und Glied Liegestütze zur Aufführung bringen, aufgenommen 1936 im Berliner Olympiastadion. Nazi-Ästhetik, wie eine Schautafel neben dem Bild freundlicherweise erklärt, versehen mit dem Hinweis, dass Riefenstahls Werk nach dem Zweiten Weltkrieg "Gegenstand beträchtlicher Debatten" gewesen sei.

Den Gegensatz zu dieser schockgefrosteten Ästhetik bildet ein Foto der Australierin Olive Cotton von 1935. Sie hatte sich neue Teetassen gekauft, und eines Tages dachte sie, dass die Henkel sie an in die Hüften gestemmte Arme erinnern. Also arrangierte sie die Tassen zu einer kleinen Gruppe, sie setzte das Licht, fotografierte das Ensemble und nannte es "Teacup Ballet" - Teetassen-Ballett. Und tatsächlich: Wenn man lange genug vor dem Bild verweilt, vielleicht die Augen nur ein wenig zusammenkneift und zweimal tief durchatmet, dann beginnen die Tassen einen vorsichtigen, einen anmutigen Tanz.

The New Woman Behind the Camera. Metropolitan Museum of Art, New York. Bis 3. Oktober. National Gallery of Art, Washington D.C. 31. Oktober bis 30. Januar 2022.

© SZ/alex
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB