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Fatale Bebauungspolitik:Die siedelnde Menschheit in ihrer siedelnden Verblendung

Hochwasser in Bayern

In Deutschland wird immer öfter genau dort Wohnraum geschaffen oder weiter unterhalten, wo er aus unterschiedlichen Gründen besonders gefährdet ist. (Im Bild: Hochwasser in Simbach am Inn in Bayern)

(Foto: dpa)

Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe - das weiß man. Doch es wird weiterhin an gefährlichen Orten gesiedelt. Warum wir keine höheren Dämme, sondern eine klügere Bebauungspolitik brauchen.

Ein Prozent aller Wohngebäude in Deutschland befindet sich mittlerweile in "extrem hochwassergefährdeten Gebieten". Nun ja, denkt man sich, das ist nicht gerade die Welt. Aber erstens werden nur jene Häuser erfasst, die in den Extremlagen der versicherungstechnischen "Gefährdungsklasse IV" liegen. Und zweitens geht es auch in diesem scheinbar exotischen Bereich um immerhin rund 200 000 (Wohn-)Häuser. Anders formuliert: Es geht in Wahrheit um eine Größenordnung von anderthalb Mal München. Aber noch besorgniserregender und verblüffender ist ein bizarrer Trend, der hier aufscheint.

In Deutschland wird nämlich immer öfter genau dort Wohnraum geschaffen oder weiter unterhalten, wo er aus unterschiedlichen Gründen besonders gefährdet ist. Oder umgekehrt: Das Umland von Siedlungsgebieten wird, siehe agrarische Monokulturen, Bodenversiegelungen, Flussbegradigungen et cetera, so lange ruiniert, bis aus harmlosen Siedlungen hochgefährdete Standorte geworden sind.

Es ist, als lebte man in Schilda. Doch Schilda ist überall: In aller Welt wohnen und siedeln die Menschen seit langer Zeit bevorzugt dort, wo es auf natürliche Weise - oder auch, wir leben im Anthropozän, entweder in Folge von Klimawandel und Bodenpolitik oder aber infolge eines zunehmenden Risikowissens - schlicht nicht ratsam erscheint. Der britische Autor Simon Winchester meint allerdings sarkastisch: "Man sollte eigentlich im südwestlichen Queensland in Australien leben. Dort ist das Land geologisch halbwegs stabil. Oder in Kansas. Ich bin sicher, es gibt keinen Notfallplan für Topeka."

Zum Schluss wundert man sich: Wie konnte das nur passieren?

Topeka ist die Hauptstadt von Kansas. Simbach in Niederbayern, Polling in Oberbayern und Hamminkeln am Niederrhein kann man analog dazu - und mit Blick auf die Ereignisse der letzten Tage - jedenfalls streichen von der Liste vorgeblich sicherer Regionen. Die Gründe für die nun erstmals oder abermals gefluteten Wohnungen und die zerstörten oder bedrohten Existenzen sind von Ort zu Ort verschieden. Die Folgen aber von Naturkatastrophen sind stets die gleichen.

Erst kommt die Flut (wahlweise auch der Sturm oder das Beben oder der Erdrutsch), dann stürzen angesichts der rohen Naturgewalten die Häuser und Verkehrswege ein wie Kartenhäuser, die sie im Vergleich zu den entfesselten Kräften der Natur ja auch tatsächlich sind - und dann wundert man sich: Wie konnte das nur passieren?

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Sodann folgt auf die Sturzbäche der Elemente die der Bilder: Menschen mit Schaufeln, die Schlamm zusammenschieben. Mobiliar wie aus dem Schredder. Berghänge, die Autobleche wie Papier gefaltet haben. Brücken, die ins Leere ragen. Politiker im Hubschrauber, angetan mit Gummistiefeln. Menschen, die weinen. Menschen, die helfen. Menschen, die auf eine braune Linie an der Wand zeigen: "Bis hier stand das Wasser . . . " Begleitet wird das ikonische Bilderhochwasser von Worten. Herauszuhören ist oft ein "Noch nie zuvor . . . ", "nicht seit ich hier lebe . . . ", "undenkbar", "unbeschreiblich", "unfassbar".

Landräte oder Bürgermeisterinnen werden so oft nach dem Stand der Dinge und ihrer Erschütterung befragt, dass ungewiss bleiben muss, ob sie überhaupt noch Zeit finden können für irgendwelche Maßnahmen und Taten jenseits der Erschütterung.

Dabei kann man das Leid der Betroffenen sehr gut verstehen. Nur: Unfassbar, undenkbar, unbeschreiblich sind die kleinen wie die großen Katastrophen auf einer je individuellen Ebene. Betrachtet man dagegen das Kollektiv, die Gesellschaft, so ist eher unfassbar, dass sich das große Staunen über das scheinbar Unbegreifliche jedes Mal zu wiederholen scheint. Man fragt sich, warum es so schwer fällt, aus solchen Katastrophen-Ereignissen zu lernen.

Sodann ist von Nothilfe, Frühwarnsystemen und höheren Deichen die Rede

Es ist, an der Oder, am Rhein oder an der Donau, in New Orleans, New York oder Los Angeles, immer wieder so, als habe man es mit einem Schicksalsschlag zu tun. Oder mit der "Rache der Natur". Sodann ist von Nothilfe, Kanaldurchmessern, Frühwarnsystemen, höheren Deichen, stärkeren Fundamenten oder schwimmfähigen Häusern die Rede. Informiert wird - etwa in der deutschen Versicherungsbranche - gerne auch so: "Jetzt gibt es für alle eine Lösung, egal, wo Sie wohnen." Die aber - egal wo - gibt es eben nicht. Vielleicht also könnte man nun endlich mal darüber nachdenken, ob die siedelnde Menschheit in ihrer siedelnden Verblendung nicht das wahre Egal-wo-Problem darstellt.

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Eigentlich müsste sich mittlerweile ja herumgesprochen haben, dass "Jahrhunderthochwasser" oder "Jahrhundertstürme" oder "Jahrhundertwetterlagen" schon längst dazu übergegangen sind, Alltag und Gegenwart zu werden. Aber offenbar tun wir uns schwer damit, die Realität anzuerkennen. Vor allem dann, wenn sie eine Folge unseres eigenen Handelns ist.