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Protokolle:"Rettungsschwimmer sind durch die Straßen geschwommen"

Hochwasser in Bayern

Mit Hubschraubern und Booten waren die Einsatzkräfte am Mittwoch unterwegs, um Menschen in Simbach aus den Fluten zur retten.

(Foto: Wolfram Zummach/dpa)
  • Sieben Tote - das ist die traurige Bilanz des verheerenden Hochwassers in Niederbayern. Zugleich herrscht Erleichterung: Es wird niemand mehr vermisst.
  • Wie haben Betroffene und Helfer die Katastrophe erlebt? Eindrücke aus dem Krisengebiet:

Sebastian Goller, 40, lebt mit seiner Familie in Anzenkirchen in der Gemeinde Triftern:

"Als ich Mittwochmorgen zur Arbeit gegangen bin, habe ich mir schon gedacht, dass der kleine Bach bei uns spinnt. Das Wasser im Altbach stand viel höher als normalerweise. Gegen Mittag kam dann das Hochwasser. Meine Frau war mit dem sechs Monate alten Baby zu Hause. Als ich nach Hause kam, waren die beiden schon nicht mehr da. Unsere Nachbarn sind Asylbewerber, sie konnten meine Frau dazu überreden, ins Auto zu steigen und wegzufahren. Wäre sie im Haus geblieben, wäre sie womöglich vom Wasser eingeschlossen worden. Ich selbst bin nicht mehr ins Haus gekommen, man stand da schon bis zur Hüfte im Wasser. In unserem Haus ist es 1,60 Meter hoch gestanden. Zum Glück ist es bei uns relativ schnell wieder abgeflossen. Als ich mir um 20 Uhr den Schaden anschauen wollte, war das Wasser schon weg.

Im Haus sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, weil die ganzen Möbel umgestürzt sind. Das Erdgeschoss ist ein Totalschaden. Die Küche und alle elektronischen Geräte sind kaputt. Wir haben viele antike Holzmöbel, die sind auch alle beschädigt. Alle Türen sind kaputt. Von unserer Bibliothek mit etwa 900 Büchern sind nur wenige übrig geblieben. Im Moment kann ich die Höhe des Schadens schwer einschätzen.

Mittwochnacht sind wir bei Bekannten untergekommen, die etwa zwei Kilometer weit weg wohnen. Donnerstagmorgen haben wir direkt mit dem Aufräumen angefangen. Die Asylbewerber helfen uns, wir hatten im Laufe des Tages etwa vierzehn Helfer hier im Haus. Wir haben bereits das gesamte Erdgeschoss ausgeräumt. Der meiste Schlamm ist draußen. Es stinkt wahnsinnig, man muss immer wieder rausgehen, weil man es sonst nicht aushält. Und der Schlamm ist überall. Im Kühlschrank, in der Gefriertruhe und sogar in den Gefrierbeuteln.

Wir haben noch drei weitere Kinder zwischen neun und 14 Jahren. Ihr Spielzeug war im Erdgeschoss. Das ist jetzt auch alles kaputt. Die Kinder sind bei ihrem Vater, dem Ex-Mann meiner Frau. Wir wollen sie erst morgen ins Haus holen, wenn alles aufgeräumt ist. Es ist für sie so schon schlimm genug.

Aus dem Freundes- und Bekanntenkreis haben wir auch viel Hilfe bekommen. Wir haben ein Notstromaggregat hier, weil es keinen Strom gibt. Man hat uns einen Wasserstaubsauger ausgeliehen und einen Hochdruckreiniger für die Wände. Ich habe auch über einen Facebook-Post um Hilfe gebeten. Wir haben Essen und Trinken bekommen. Und einen zweiten Scheibenwischer, die sind sehr praktisch, um die Fliesenböden sauber zu bekommen.

Die Feuerwehr ist hier in der Gegend aktiv und pumpt vor allem Keller aus. Wir haben keinen Keller. Etwa die Hälfte des Ortes ist vom Hochwasser betroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass das Wasser so eine Kraft haben kann."

Protokoll: Ana Maria Michel

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