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Neuer Film von Terrence Malick:Mal länger als ein paar Netflix-Minuten

RELEASE DATE: January 17, 2020 TITLE: A Hidden Life STUDIO: DIRECTOR: Terrence Malick PLOT: The Austrian St. Franz Jager

Auch im entlegenen Bergdorf St. Radegund in der Nähe von Salzburg kann sich Jägerstätter (August Diehl) nicht dem Zugriff der Behörden entziehen.

(Foto: Fox Searchlight)
  • Für seinen Film "Ein verborgenes Leben" hat Regisseur Terrence Malick die reale Geschichte des Bauern und NS-Widerständlers Franz Jägerstätter verfilmt.
  • Dabei erzählt Malick wie immer konträr zu den allgemeinen Sehgewohnheiten: Der Inhalt des Films würde vermutlich nur für die Viertelfolge einer Netflixserie reichen.

Die Leute im fernen Berlin jubeln einem Mann zu, der sich "Führer" nennt. Und selbst die Bauern oben im österreichischen Dorf sagen "Heil Hitler", wenn sie die Hand zum Gruß heben. Nur der Bauer Franz Jägerstätter mag sich der neuen Sitte nicht unterwerfen. Er erwidert, wenn er den anderen auf dem Feldweg begegnet: "Pfui Hitler."

Das ist selbst im entlegenen St. Radegund, einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg, fernab der nazifizierten Großstädte, gefährlich. "Verweigere dich nicht deiner Rasse", rät mit rotem Kopf und Bier-Atem der regimetreue Bürgermeister dem Franz. "Sie werden dich hängen!"

Für seinen Film "Ein verborgenes Leben" hat der Regisseur Terrence Malick die reale Geschichte des Bauern Franz Jägerstätter verfilmt, teils an Originalschauplätzen in Österreich und Deutschland, mit deutschsprachigen Schauspielern. Ein Stoff, weit weg von den Glitzerwelten seiner vorhergehenden Spielfilme. In "Knight of Cups" und "Song to Song" mäanderte Malick zuletzt durch die amerikanische Unterhaltungsindustrie, das Filmgeschäft in Hollywood, die Musikszene in Texas. Die Hauptrollen waren mit Superstars besetzt, Christian Bale, Natalie Portman, Cate Blanchett, Ryan Gosling.

Weil Malick, dieser menschenscheue Hollywood-Außenseiter und Heidegger-Übersetzer, sich den gängigen Konventionen des Erzählkinos aber ohnehin schon immer verweigert hat, ist "Ein verborgenes Leben" trotzdem kein Bruch mit seinem bisherigen Werk, sondern dessen Fortschreibung.

Der Bischof sagt: "Du hast eine Pflicht gegenüber deinem Vaterland. Die Kirche will es so."

Der Regisseur hat den Film bereits 2016 gedreht und danach mal wieder Jahre im Schneideraum verbracht, um den richtigen Rhythmus für diese Geschichte zu finden, sich an das Material, das er gedreht hatte, heranzutasten, um jenes Gefühl der Unschuld und des ersten Kennenlernens herzustellen, mit dem er sich seinen Protagonisten am liebsten nähert. Lange Zeit sieht man dem Bauern Franz, gespielt von August Diehl, dabei zu, wie er mit der Sense im Feld steht, mit den anderen Bauern beim Bier sitzt, mit seinen drei Töchtern Blindekuh spielt und mit seiner Frau Fani (Valerie Pachner) im Gras schmust. Ein friedliches Leben im Einklang mit den Jahreszeiten und der Natur, das Malick in aller Ruhe ausbreitet, um nach und nach Angst, Wut und Zweifel in diese abgeschiedene Welt im Schatten der Berggipfel eindringen zu lassen. Weil man sich auch dort vor den Nachrichten nicht ganz verstecken kann, beginnt Franz sich zu fragen, was mit seinem Land passiert. Warum töten wir Unschuldige, machen Jagd auf die Schwachen, überfallen andere Länder?

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Er wendet sich mit seinen Sorgen an den Pfarrer der kleinen Gemeinde, den Tobias Moretti spielt: "Vater, wenn ich einberufen werde, kann ich nicht gehorchen." Der Pfarrer nimmt die Bedenken des Bauern ernst, verschafft ihm sogar eine Audienz beim Bischof. Der antwortet auf Franz' Frage, was der Mensch tun solle, wenn die Herrschenden Böses wollen: "Du hast eine Pflicht gegenüber deinem Vaterland. Die Kirche will es so." Aber zurück daheim, auf dem Hof, während Franz aufs Feld starrt und auf seine spielenden Kinder, weiß er, dass er trotzdem nicht wird gehorchen können.

Im Film passiert alles mit der dem Protagonisten angemessenen Ruhe und Konsequenz

Der echte Franz Jägerstätter wurde mehrmals einberufen und konnte zunächst immer wieder schnell auf seinen Hof zurück, weil er als unabkömmlich eingestuft wurde. Doch als er bei einer wiederholten Einberufung im März 1943 bei der Kraftfahr-Ersatzkompanie in Enns den Dienst an der Waffe verweigerte, wurde es ernst. Der störrische Bauer wurde erst ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Ursulinenhof in Linz, dann, Anfang Mai 1943, ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel gesperrt.

Das passiert im Film ohne die sonst üblichen hektischen Schnitte und Soundtrack-Fanfaren, sondern mit der gleichen Ruhe und Konsequenz, mit der Franz ein paar Szenen zuvor noch seinem Tagwerk auf dem Hof nachging. Zu dieser Ruhe trägt auch die Filmmusik des Komponisten-Veteranen James Newton Howard bei, der viele der Geräusche, die Malick während des Drehs aufnahm - das Muhen der Kühe, das Mähen der Schafe, die Kirchenglocken und die Feldarbeit - in den Soundtrack eingearbeitet hat.

Der Film dauert knapp drei Stunden, und natürlich hätte man diese Geschichte auch in der Hälfte der Zeit erzählen können. Denn nach den dramaturgischen Standards des Serienzeitalters würden die Ereignisse dieses Films maximal für eine Viertelfolge Netflix-Brimborium reichen. Aber Malick hat schon immer konträr zu den allgemeinen Sehgewohnheiten erzählt. Er interessiert sich weniger für die dramatischen Wendepunkte einer Geschichte als für den Fluss der Zeit, in dem seine Protagonisten ihre Entscheidungen treffen. Er will erkunden, wie das Leben des Franz Jägerstätter geklungen hat, wie das Licht im Dorf und auf dem Hof aussah, wenn die Sonne sich langsam ihren Weg über die Berggipfel bahnte, wie die Welt beschaffen war, in der dieser Mann sich allein, aber nicht einsam zum Widerstand entschloss. Der Kontrast zwischen der heilenden Kraft der Natur und der zerstörerischen Kraft der menschlichen Kultur ist ein Dauerthema bei Malick und funktioniert in dieser ländlichen Kulisse natürlich bestens. Er hat diesen Konflikt schon oft in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt, von "Days of Heaven" über "Der schmale Grat" bis "Tree of Life".

Jägerstätter war kein Stauffenberg und kein Elser, er leistete anders Widerstand

Weil die meisten Menschen ihre Besserwisserwerdung in der Regel mit circa Ende zwanzig abschließen, ist es besonders berührend, wie Malick sich mit 76 Jahren in seinen Bildern immer noch ohne Zynismus durch die Welt mit ihren Wundern und Monstrositäten tastet, als würde er all das Gute und Böse, die Liebe und den Hass zum ersten Mal erblicken.

Für einen echten Bauern hat der Film-Franz vielleicht einen Tick zu viel Zeit, um im hohen Gras zu liegen und nachzudenken. Aber Malick, der den Knalleffekten des Unterhaltungskinos zutiefst misstraut, schafft es dadurch mal wieder, ohne Effekthascherei die Emotionswelt seines Protagonisten bis ins kleinste Detail zu erkunden. Das sollte für einen Regisseur zwar selbstverständlich sein, weil das Aufzeigen von inneren Zuständen durch äußere Formen ja die Grundidee der Bildkunst Kino ist. So pointiert wie Malick können das aber nur wenige.

Jägerstätter war kein Stauffenberg und kein Elser, er leistete Widerstand nicht, indem er handelte, sondern indem er nicht handelte. Und diese Form der Rebellion war es, die Malick zu dieser Geschichte hinzog. Der Bauer, der sich als einer von wenigen traute, laut "Pfui Hitler" zu sagen, wurde am 9. August 1943 wegen "Wehrkraftzersetzung" hingerichtet.

Der Regisseur beendet den Film im Abspann mit einem Zitat der britischen Schriftstellerin George Eliot aus ihrem Roman "Middlemarch". Das Buch ist ebenfalls eine historische Studie, die der klassischen Heldenerzählung entgegengesetzt ist. Darin heißt es: "Wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt."

A Hidden Life, USA/D/Österreich 2019. Regie, Buch: Terrence Malick. Kamera: Jörg Widmer. Mit: August Diehl, Valerie Pachner, Tobias Moretti, Bruno Ganz, Karl Markovics, Franz Rogowski. Pandora, 173 Minuten.

© SZ vom 29.01.2020/tmh
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