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Intellektuelle:Der Prophet des Komplexen

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Politisches Erwachen im Jahr 1945: Edgar Morin.

(Foto: Fred Dufour/AFP)

Der französische Soziologe Edgar Morin ist Zeitzeuge eines Jahrhunderts. Jetzt wird er 100 und tritt mit Elan in Fernsehdiskussionen auf.

Von Joseph Hanimann

Im sehr hohen Alter wächst der Zeitzeuge oft über den Denker hinaus. Diesem Schicksal entgeht der französische Soziologe Edgar Morin umso weniger, als er mit seinen heute hundert Jahren weiterhin munter in Podiums- und Fernsehdiskussionen auftritt. Er erzählt da lebhaft von seinem politischen Erwachen nach dem Pariser Großaufmarsch der Rechten mit dreißig Toten am 6. Februar 1934, ein Jahr nach Adolf Hitlers Machtantritt; von seiner Résistance-Zeit mit Marguerite Duras und François Mitterrand, seinen Beziehungen zu Jean-Paul Sartre, Raymond Aron, Roland Barthes, Pierre Bourdieu, Régis Debray; erzählt von seinen Engagements zwischen Algerienkrieg, 68er-Bewegung, Nahostkonflikt und Klimakrise.

Bekannter als die wissenschaftliche Hinterlassenschaft dieses Mannes ist heute die Vielfalt seiner Stellungnahmen als intellektueller Zeitgenosse. Wenig davon war karrieremäßig geplant. Das meiste ergab sich aus den jeweiligen Situationen, angefangen mit dem ersten veröffentlichten Buch 1946 über Deutschlands "Stunde Null" nach dem Krieg.

"Du sicherst dir damit deinen Ausschluss aus der kommunistischen Partei", soll ein Genosse ihn nach der Manuskriptlektüre jenes Buchs gewarnt haben. So jedenfalls erinnert sich Morin in seinen vor zwei Jahren erschienenen Memoiren "Les souvenirs viennent à ma rencontre". Nach der Zeit als kommunistischer Résistant war er 1945 als Attaché der französischen Armee nach Deutschland gekommen und schilderte in seinem Buch den Zustand eines zerstörten Landes und eines gebrochenen Volks.

Statt des Kosmos haben wir jetzt einen Planeten

Entgegen der deutschlandfeindlichen Stimmung damals in Frankreich pochte Morin auf die Unterscheidung zwischen Deutschen und Nazis. Selbst die schlimmsten Nazi-Gräuel hätten ihn nie die Bedeutung des deutschen Vorkriegskinos, der Werke Lessings, Goethes, Hölderlins oder der Musik Beethovens vergessen lassen. Eine solche Differenzierung des Blicks zeichnet Edgar Morins ganzes Lebenswerk aus und führte zur Theorie der "pensée complexe", des Denkens komplexer Zusammenhänge, dessen Grundlagen er von 1977 an in seinem sechsbändigen Zyklus "La Méthode" begrifflich zu fassen versuchte. Seit der frühen Nachkriegszeit gehörte er zu den Pionieren der interdisziplinären Forschung.

Der 1921 in Paris von jüdischen Eltern geborene Edgar Nahoum trug da schon lange das aus den Résistance-Jahren stammende Pseudonym Edgar Morin. Unter ihm hat er alle seine fünf Dutzend Bücher veröffentlicht. Soziologische Studien, philosophische Betrachtungen über Marx und Hegel, politische Essays über die Gesellschaft der Massenkommunikation, die Entwicklung Europas, die Krise der Linken und in letzter Zeit vermehrt über ökologische Fragen. Dies alles stellt er gern in den großen Zusammenhang. Mit der Eroberung Amerikas und der kopernikanischen Wende sei über der Menschheit der Kosmos zerbrochen und unter ihren Füßen ein Planet entstanden, schrieb er 1993 im Buch "Heimatland Erde". Im Zeichen von Gewalt, Zerstörung, Ausbeutung und Sklaverei habe das "planetare Zeitalter" begonnen, und wir steckten bis heute erst in seinen Anfängen.

Begonnen hat Morins wissenschaftliche Laufbahn 1967 mit einer Studie über die Verwandlung des bretonischen Dorfs Plozévet durch industrialisierte Landwirtschaft und Modernisierung. Nach dem Erlahmen der theoretischen Soziologietradition Émile Durkheims, suchte Morins wissenschaftlicher Ziehvater Georges Friedmann in Frankreich die Feldforschung nach amerikanischem Vorbild einzuführen und holte ihn ins staatliche Forschungsorgan CNRS. Es war aber auch die Zeit von Strukturalismus, semiologisch und psychoanalytisch orientierter Gesellschaftsanalyse sowie deren Botschaft vom "Ende des Menschen". Mit ihr konnte Morin wenig anfangen. Ebenso fremd war ihm aber auch die eingleisig engagierte Wissenschaftlichkeit Pierre Bourdieus, die sich über Frankreich hinaus zielstrebig durchsetzte. So blieb Morin auf dem Gebiet der Soziologie ein Außenseiter ohne Schule und ohne Schüler.

Der jüngste Hang zur populistischen Vereinfachung macht sein Denken wieder aktuell

Der jüngste Hang zu populistischen Vereinfachungen hat seinem Postulat der vielfach gekreuzten Perspektiven und des komplexen Denkens indessen zu neuer Aktualität verholfen. Mit seinem frisch gebliebenen Elan ohne Anspruch auf Altersweisheit ist der ruhelose Greis ein gefragter Gast öffentlicher Diskussionen. Wie der 2007 verstorbene Jean Baudrillard gehört er zu jenem Schlag weltläufiger französischer Intellektueller, die abseits der etablierten Pariser Zirkel ihren eigenen Weg des Engagements gehen. Getragen wird dieses vom Ideal eines nichtdogmatischen, ökologisch geprägten Sozialismus. Seit dem 1959 erschienenen Buch "Autocritique" über seine kommunistische Parteimitgliedschaft bemüht er sich dabei kontinuierlich um die Hinterfragung seiner eigenen Positionen.

Die daraus entstandenen etwas allgemeinen Plädoyers für eine brüderliche Gesellschaft im Einklang mit der Natur macht er wett durch resolute politische Stellungnahmen zu brisanten Themen wie dem des Nahostkonflikts. Für eine scharfe Kritik der israelischen Siedlungspolitik, in welcher er die Verwandlung des "meistverfolgten Volks der Menschengeschichte" in eine Nation von "Menschenverächtern" beklagte, stand er 2005 wegen rassistischer Verleumdung vor einem französischen Gericht und wurde als "jüdischer Selbsthasser" hingestellt. Überspitzte Formulierungen sind aber für diesen Zeitzeugen, der mehr von einem heiteren Visionär als von einem polemischen Scharfmacher an sich hat, nie Selbstzweck, sondern Ansporn zum klareren Denken. Sogar im Alter von 100 Jahren.

© SZ/jsl
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