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Dokumentarfilm "Courage" über Belarus:Gegen den Diktator

Aliaksei Paluyans Dokumentation „Courage“

Siegeszeichen, leuchtende Gesichter in der Dokumentation "Courage" - aber die Opposition in Belarus hat sich zu früh gefreut.

(Foto: Berlinale)

Aliaksei Paluyans Dokumentation "Courage" zeigt den Widerstand in Belarus gegen Alexander Lukaschenko. Die Berlinale-Premiere wird zum Manifest und Wagnis.

Von Sonja Zekri

Es gibt einen Moment in Aliaksei Paluyans Dokumentarfilm "Courage", da steht die Zeit still, als habe jemand ins Rad der Geschichte gegriffen. Es ist Nacht, die Menschen haben gewählt und gegen den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko gestimmt. Sie sind sicher, auf eine bestürzend naive Art: Das wird ihm das Genick brechen. Ein tiefer, satter Frieden liegt über der Stadt. Siegeszeichen, leuchtende Gesichter. Ab morgen wird die Welt sich anders drehen. War doch gar nicht schwer.

Die Welt dreht sich seitdem tatsächlich anders. Das Belarus von jenem August ist nicht das Belarus dieser Tage, diesem Friedhof, in dem Oppositionelle wie der Blogger Roman Protassewitsch in einer Art Best Practice aus den Zeiten des Hochstalinismus zu sadistischen Schaugeständnissen gezwungen werden. Die Erschütterung und Ratlosigkeit über diese Entwicklung merkt man Aliaksei Paluyan im Videogespräch an, es ist die Erschütterung und Ratlosigkeit der Belarussen überhaupt. Auf dem Filmfest in Krakau sei ein Landsmann nach dem Screening zu ihm gekommen: Aliaksei, wir haben es versaut, habe er gesagt. Wir waren so nah dran, und wir haben es versaut.

Die Protagonisten von "Courage", die Theatermacher Maryna, Pavel und Denis, haben das Land inzwischen verlassen. Die furchtlose Kamerafrau Tanya Haurylchyk noch nicht, was für Paluyan ein steter Grund zur Sorge ist. Dies und die Tatsache, dass seine Eltern in Minsk leben, macht den Start von "Courage" im Berlinale Special zu einem zwar großartigen, aber eben auch hoch belasteten Ereignis.

Dennoch habe er keine Wahl gehabt: "In Minsk wurden viele Kollegen festgenommen, die ebenfalls gedreht haben, und ihr Material wurde konfisziert", sagt Paluyan: "Wir haben Glück gehabt und konnten unseres retten. Es jetzt nicht zu zeigen, wäre Verrat." Zur Premiere am Freitag kommt die Oppositonsführerin Swetlana Tichanowskaja nach Berlin. "Courage" ist ein Zeitdokument, ein politischer Faktor.

Die Dreharbeiten heikel zu nennen, wäre eine Untertreibung, mehr als einmal stand Paluyan vor dem Abbruch. Als bei Zusammenstößen das Mikrofon beschädigt wurde, ein Wasserwerfer nur 50 Meter entfernt stand, aber sich dann - ein Wunder! - ein Linienbus quer stellte. Als sie 20 Stunden drehten, um vier Uhr morgens vor dem Okrestina-Gefängnis standen und Festgenommene entlassen wurden, lächelnd die Frauen, bedrückt die Männer, und eine Mutter sich an ihren Sohn klammert, sich buchstäblich festkrallt, als müsse sie ihn vor dem Sturz in einen Abgrund bewahren. Als das Team in einer Straßenbahn fliehen musste.

Diese Dringlichkeit, diese Klarheit - die Diktatur fordert die Künstler

Paluyan wurde 1989 in Belarus geboren, "zwei Wochen vor dem Mauerfall", und zog 2012 nach Deutschland, um an der Kunsthochschule in Kassel Regie zu studieren. "Courage" ist sein erster abendfüllender Film, ursprünglich gedacht als Würdigung eines Underground-Theaters in Minsk und der drei Künstler Maryna, Pavel und Denis. Das "Belarus Free Theater" wurde 2005 gegründet, frei spielen konnte es nie. Die Theatergründer leben längst im Ausland, "Courage" zeigt, wie sie Proben über Skype leiten. Die Inszenierungen sind karg, dokumentarisch, es geht um Repression, zivilen Ungehorsam. Als Paluyan zum ersten Mal ein Stück sah, war er begeistert. Diese Dringlichkeit, diese Klarheit - das kannte er von anderen Bühnen nicht.

Nach jener Nacht, als die Zeit still stand, verändert sich die Temperatur des Films. Das Kammerspiel geht über in wogende Massenszenen mit ozeanischen Kundgebungen, Polizeiaufmärschen, fliehenden Menschen. Doch die Frage danach, was Theater in einem solchen Staat, in solchen Zeiten leisten kann, zieht sich durch den ganzen Film. Manchmal ganz praktisch: Wie viele Schauspieler können demonstrieren, damit im Falle ihrer Verhaftung genug für die Vorstellung übrig sind?

Aliaksei Paluyans Dokumentation „Courage“

Aliaksei Paluyan kommt aus Belarus und studierte Regie in Kassel, "Courage" ist sein Regiedebüt.

(Foto: Berlinale)

Irgendwann sind alle drei auf der Straße, auch Denis, der das Theater vor Jahren schon verlassen hat, aus Rücksicht auf seine Familie. "Komm her, wir schreiben Geschichte", drängt Pawel einen Freund am Telefon. Und Maryna, die kluge, nachdenkliche Maryna, stößt überwältigt hervor: "Wir sind so viele." Vieles ist im vergangenen Jahr geschrieben worden, vieles haben die Oppositionellen selbst erzählt. "Courage" aber ist fast kein Beobachten mehr, sondern ein Eintauchen, ein Fieber, der Film ist parteiisch, distanzlos. "Courage" bringt den Zuschauer auf die Straße.

Und doch bleibt manches fremd. Eine junge Frau steckt einem Beamten Blumen an den Schild. Andere umarmen und küssen ihn, hinter der Sturmhaube ahnt man ein Lächeln. Mag sein, dass es der Versuch ist, im Angesicht der hochgerüsteten Staatsgewalt auf Zivilität und Menschlichkeit zu beharren, sich die Art der Auseinandersetzung nicht aufzwingen zu lassen. Doch fahren ja schon die Wasserwerfer herum, werden schon Menschen gefoltert.

Es gab nie ein liberales Belarus, sagt Paluyan. Lukaschenko habe sich nicht verändert, alle Anflüge von Offenheit waren nur für die Vitrine, nur für das Schaufenster nach Westen. Aber Lukaschenko ist das eine, die belarussische Gesellschaft etwas anderes. Ein ehemaliger Angehöriger der Spezialkräfte Omon hat Denis gewarnt: "Wenn es hart auf hart kommt, schießen sie auf Zivilisten." Wie das passieren konnte, wie es sein kann, "dass Menschen, die in den gleichen Kindergarten gegangen sind, in denselben Geschäften einkaufen, einander so etwas antun", die Erforschung der Grausamkeit unter Mitmenschen sei jetzt die Aufgabe der Künstler. Sein nächster Film, sein erster Spielfilm, dreht sich genau darum. Er schreibt gerade das Drehbuch.

© SZ/kni
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