Zwölfte Station in Boke, Guinea Conakry Der Bettler

In Wahrheit gibt es nur drei Gründe, dem Berufsstand der Bettler kein Geld zu geben: Weil man keines dabei hat, weil man gerade keine Lust hat oder weil man die Bettlerin oder den Bettler auf den ersten Blick nicht leiden kann. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

In Wahrheit gibt es nur drei Gründe, dem Berufsstand der Bettler kein Geld zu geben: Weil man keines dabei hat, weil man gerade keine Lust hat oder weil man die Bettlerin oder den Bettler auf den ersten Blick nicht leiden kann.

Als er zum Auto zurückkam, war sein Fahrer in eine Debatte mit einem Uniformierten verwickelt. Der Mann war aufgeregt, und der Fahrer versuchte, ihn zu beruhigen, was nach einem Stakkato auf Pular gelang. Wenn diese Sprache der Fulani sehr rasch gesprochen wird, ist schwer auszumachen, ob es sich um einen freundlichen oder aggressiven Dialog handelt. Es wirkt, als würden sich zwei aufgeregt mit den Flügeln schlagende Vögel anzwitschern.

Als die beiden mit einer weit ausholenden Bewegung der Arme die geöffneten Handflächen aneinander klatschten und dann die Daumen nach oben hielten, war klar, dass man nach einem intensiven Meinungsaustausch zu einem vorläufig guten Ende gekommen war.

Doku-Blog Vom Zauber des Augenblicks
Doku-Blog

Filmprojekt von Michael Glawogger

Vom Zauber des Augenblicks

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Ohne Script und ohne Plan will er sich ein Jahr lang um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante aufnehmen. Mit dabei ist Süddeutsche.de: Der Filmemacher berichtet über seine Abenteuer im Doku-Blog.   Von Paul Katzenberger

Der Fahrer hatte offensichtlich eine der Polizeisperren übersehen, die es hier vor und nach jeder Bezirksstadt gab und bei denen es darum ging, solange zu kontrollieren, bis ein Grund gefunden war, dem diensthabenden Beamten Geld geben zu können. Und zwar ohne selbst das Gesicht zu verlieren oder den Beamten dumm ausschauen zu lassen.

Meist ging es um das Pannendreieck. Seit ein paar hundert Kilometern wusste er, dass es in Guinea Gesetz war, zwei solche dabeizuhaben. Eigenartigerweise legten die lokalen Lastwagenfahrer immer sechs bis acht abgebrochene Zweige auf die Straße, wenn sie eine Panne hatten. Aber das galt dann wohl als acht Pannendreiecke. Ja, so musste es sein. Ein Kleinbus brauchte zwei Pannendreiecke, ein Lastwagen acht.

Er spielte sogar mit dem Gedanken, das nächste Mal Zweige herzuzeigen, wenn er nach dem Pannendreieck gefragt wurde, aber schon sein Fahrer fand das nicht lustig. Stattdessen galt es, mit einer halbwegs erträglichen Summe für beide davonzukommen.

Das Spiel war ja auch ein durchaus gerechtes. Die Polizei wurde hier praktisch nicht bezahlt, außer dass man ihr Uniformen gab, und wenn schon ein Weißer vorbeikam, dann hatte er allein für seine bloße Anwesenheit eine Abgabe zu entrichten.

Anrecht auf ein anständiges Trinkgeld

War einmal ein Beamter damit aus der Bahn geworfen, dass alles stimmte mit den Papieren und dem Fahrzeug und er nicht wusste, was er hätte verlangen können und sogar vergaß, die ortsübliche Maut zu erfinden, dann tat er einem fast leid und man suchte sofort nach Geschenken für den Mann. Denn schließlich hatten diese Leute seiner Meinung nach mindestens so viel Anrecht auf ein anständiges Trinkgeld wie jeder Kellner in New York, der mit hochgezogenen Augenbrauen fragt, ob er die fünfzehn Prozent gleich draufschlagen soll.

Sie fuhren also zu dem Kontrollposten zurück, der wirklich einigermaßen versteckt in einer Senke vor der Stadt namens Boke lag, und wo sie ein missgelaunter Zollbeamter erwartete. Es gab ja - und nicht nur hier in Guinea, sondern schon seit Marokko - Polizei, Gendarmerie, Militär und Zoll.

Das war dann immer eine Art Spießrutenlauf. Immer, wenn man so eine Blockade überwunden hatte, war die Straße wieder mit einem Strick, an dem bunte Fetzen hingen, oder mit einer Schranke versperrt. Hier aber hatten sich Polizei und Zoll also zusammengeschlossen. Praktisch eigentlich.