Documenta:"Eine demokratische Gesellschaft darf Künstler nicht bevormunden"

Documenta: Viele waren auf seine Worte gespannt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Documenta in Kassel.

Viele waren auf seine Worte gespannt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Documenta in Kassel.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Kommt er überhaupt? Und was wird er sagen? Vor dem Auftritt von Frank-Walter Steinmeier auf der Documenta gab es viel Wirbel. Über eine Rede, die fast nicht zustande gekommen wäre.

Von Jörg Häntzschel

Mit einer strengen Mahnung an die Verantwortung der Organisatoren, mit Überlegungen über die Grenzen der Kunstfreiheit und einer Kritik am in seinen Augen "leichtfertigen" Umgang mit Israel hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstagvormittag die 15. Ausgabe der Weltkunstschau Documenta in Kassel eröffnet. Nach einem Rundgang durch das Fridericianium sprach Steinmeier im Beisein des indonesischen Kuratorenkollektivs Ruangrupa, der Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Vertretern aus Indonesien in der benachbarten Documenta-Halle.

Seine Rede war in Kassel seit Tagen mit Spannung erwartet worden. Würde er die Documenta und ihre Macher gegen die von Aktivisten und einigen deutschen Medien erhobenen Vorwürfe des Antisemitismus in Schutz nehmen? Oder sie für angeblich mangelnde Abgrenzung von Israelkritik verurteilen? Am Freitag kursierte sogar das Gerücht, Steinmeier habe abgesagt - aus Protest? In seiner Rede bestätigte er, dass er tatsächlich mit dem Gedanken gespielt habe: "Ich will offen sein. Ich war mir in den vergangenen Wochen nicht sicher, ob ich heute hier bei Ihnen sein würde", eröffnete er seine Ansprache.

Steinmeier, der erst in der Nacht zuvor von seinem Staatsbesuch in Indonesien zurückgekehrt war, begrüßte ausdrücklich, dass erstmals ein Kuratorenkollektiv aus dem globalen Süden für die Documenta verantwortlich war. Und er machte klar, dass ihm die Ungerechtigkeit, die diesem Teil der Welt vom Westen widerfährt, sehr bewusst ist.

Über einzelne Kunstwerke sprach er nicht

Auch die Freiheit der Kunst sei ein hoher Wert, inklusive der Freiheit, Israel zu kritisieren. "Eine demokratische Gesellschaft darf Künstler nicht bevormunden, erst recht nicht instrumentalisieren. Kunst hat keinen politischen Auftrag. Politik richtet nicht über die Qualität von Kunst." Doch es gebe auch Grenzen. "Wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten." Er bezog sich dabei nicht auf einzelne Kunstwerke, sondern auf die Nähe einiger Kuratoren zur antiisraelischen Kampagne BDS, und darauf, dass "auf dieser bedeutenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind".

Außerdem beklagte er, dass die im Vorfeld der Documenta geplante Diskussionsreihe "We Need to Talk" nicht zustande kam. Offene Debatten seien wichtiger denn je, meinte er, stellte aber gleichzeitig Bedingungen dafür auf: "Niemand, der in Deutschland als Debattenteilnehmer ernst genommen werden will, kann zu Israel sprechen, aber zu sechs Millionen ermordeten Juden schweigen."

Bevor er mit einem allgemeinen Bekenntnis zur Bedeutung der Kunst und der Documenta schloss, gab er den Verantwortlichen noch einen Auftrag mit. Er würde es "sehr begrüßen", sagte er, wenn sie sich "intensiv" der "anspruchsvollen Vermittleraufgabe" annehmen würden - gemeint war die Vermittlung zwischen politischen und kulturellen Standpunkten des globalen Südens und der besonderen Sensibilität, die in Deutschland im Umgang mit dem Land Israel geboten ist.

Am Samstagnachmittag protestierten vor dem "Ruruhaus", dem Besucherzentrum der Documenta, etwa 50 pro-israelische Demonstranten gegen die Ausstellung. Sie beklagten in scharfen Worten den "Antisemitismus von links", der ihrer Meinung nach in der deutschen Kulturszene grassiere. Einige Demonstrierende wiederholten die Kritik, die der Bundespräsident am Vormittag geäußert hatte, andere hielten seine Rede für nicht entschieden genug. Viele äußerten Unverständnis daran, dass die Schau überhaupt stattfinde. Insbesondere Kulturstaatsministerin Claudia Roth wurde heftig angegriffen. Mehrere riefen zum Boykott der Documenta auf.

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