"Dame König As Spion" im Kino Hässlich schöner Retro-Charme

Der Traum von besseren, einfacheren Zeiten: In der Neuverfilmung von John Le Carrés Spionage-Thriller "Dame König As Spion" nimmt uns Regisseur Tomas Alfredson mit zurück in die Siebziger. Die Welt, die wir dort sehen, ist nicht weniger brutal oder fairer als die, in der wir leben. Doch die Agenten kämpfen gegen lösbare Probleme - und müssen sich lediglich zwischen zwei Fronten entscheiden.

Von Susan Vahabzadeh

Wir weisen den Jahrzehnten in unserer Erinnerung Farben zu. Die Sechziger leuchten sonnengelb und pink, die Achtziger glänzen kalt und blaugrau, die Siebziger sind die Dekade der Brauntöne. Vielleicht hat es damals wirklich mehr braune Kacheln und braune Teppiche gegeben. Die Brauntöne, in die Tomas Alfredson seinen Film "Dame König As Spion" getaucht hat, sehen jedenfalls richtig aus, sie schaffen ein gutes Grundgefühl für einen Film, der in jeder Hinsicht eine Reise zurück in der Zeit ist.

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Zoom - Die Kinopremiere

"Dame, König, As, Spion"

George Smiley statt James Bond: Gary Oldman gibt in "Dame, König, As, Spion" den Anti-Agenten-Held während des Kalten Krieges. Die Kinorezension im Video.

Der Schwede Alfredson, der vor drei Jahren "So finster die Nacht" gedreht hat, seinen ersten Kinofilm, ist ein Veteran des Fernsehens. Nun hat er einen Klassiker von John le Carré neu verfilmt, eine Geschichte aus dem Kalten Krieg, der wiederaufersteht in wundervollen Dekors - sehr schön nachgebaute, verwohnte Apartments und Büros, frei von der Illusion, früher hätten die Menschen immer in frisch gestrichenen Räumen mit neuen Möbeln gewohnt.

Vor allem aber ist dieser Film eine altmodische Erzählung. Alles, was mit Thriller zu tun hat, ist heutzutage auch Actionfilm, und dabei überbieten sich die Regisseure in Geschwindigkeit und Atemlosigkeit, in rasant geschnittenen Bildern. Ein Plot, so kompliziert wie jener, den John le Carré erdacht hat, passt da schlecht hinein - vor allem aber gibt es keine Verfolgungsjagden mit dem Speedboot in der Karibik.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf im Parisi Udvar in Budapest, wo die Pracht des 19. Jahrhunderts sich paart mit der ärmlichen Funktionalität des Sozialismus. Ein britischer Agent wird dort erschossen, er wurde verraten.

Control (John Hurt) leitet im fernen London eine interne Untersuchung ein - es muss einen Maulwurf geben im MI6, dem britischen Auslandsgeheimdienst, er will ihn enttarnen; und dabei ist er ist sich gar nicht sicher, ob nicht George Smiley (Gary Oldman), dem er eigentlich traut, der Verräter sein könnte.

Le Carrés Romane, die sich um den MI6 und George Smiley ranken, waren in den Sechzigern bahnbrechend - Le Carré brachte den Realismus in das Genre, lieferte den Gegenentwurf zu den James-Bond-Phantasien vom Spion als Lebemann.

Le Carré, der eigentlich David Cornwell heißt, hat selbst beim MI6 gearbeitet, bis in den Sechzigern der Erfolg seines Romans "Der Spion, der aus der Kälte kam" ihn so erfolgreich machte, dass er sich zurückziehen konnte aus dem Geschäft, in dem er Verrat und Enttarnung aus nächster Nähe erlebte. Er war in Kontakt geraten mit dem Doppelagenten Kim Philby, der für die Sowjets arbeitete und 1963 aufflog. Auf diesen Fall bezieht sich le Carré immer wieder.

Die BBC-Fernsehserie mit Alec Guinness, die Ende der Siebziger entstand, hat unser Bild von George Smiley festgelegt - und gegen Guinness' Understatement-Spiel muss Gary Oldman, der zur Übertreibung neigt, selbst wenn er den Schweigsamen gibt, erst einmal ankommen.

Der Kalte Krieg als Gegenwart

Wie Alfredson aber den Plot auf Spielfilmlänge gestrafft hat - das ist vorbildlich. In einem Geflecht von Rückblenden fächert er den Fall auf, den Smiley zu Ende führen muss nach Controls Tod - und immer wieder landen wir auf einer Weihnachtsparty im Büro. Kein luxuriöses Gelage, ein trostloses Fest, wie Bürofeiern eben so sind.

Anhand von Schachfiguren und eines Abzählreims erklärt Control, wen er in welcher Rolle sieht - Tinker Tailor Soldier Spy. Smiley ist der Bettler in Controls Aufzählung - ein demütiger Mann, dem die Erde nie gehören wird, so beschreibt ihn le Carré. Smiley wird hinzugezogen, um den Spionen hinterherzuspionieren, unter anderem auch Bill Haydon (Colin Firth), der eine Affäre mit Smileys Frau hat. Was dieser, wie alles, ruhig hinnimmt, als habe er längst aufgehört, von einer besseren Welt zu träumen.

Der Film aber, den Tomas Alfredson gemacht hat - der träumt von besseren, einfacheren Zeiten. Roman und Fernsehserie erzählten vom Kalten Krieg als Gegenwart. Alfredson aber nimmt unsere Gegenwart, unsere Wahrnehmung von heute, alles, was wir inzwischen wissen, mit zurück in die Siebziger.

Die Szene in der Ladenpassage in Budapest ist ein gutes Beispiel dafür, wie Alfredson diese Geschichte tatsächlich von Bildern tragen lässt - alles hat Retro-Charme, man weiß nie so recht, ob man diese entschwundenen Siebziger, die er da entstehen lässt, schön oder hässlich finden soll. Und das gilt für die ganze Welt, die er beschreibt: Sie ist nicht weniger brutal oder fairer oder reicher als die, in der wir leben - aber sie ist eine, in der die Agenten noch einer von nur zwei Seiten angehörten, um eine Zukunft kämpften und gegen lösbare Probleme. Smiley muss sich zurechtfinden in einem Labyrinth - aber irgendwo gibt es wenigstens einen Ausweg.

TINKER TAILOR SOLDIER SPY, GB 2011 - Regie: Tomas Alfredson. Drehbuch: Bridget O'Connor, Peter Straughan, nach John le Carrés Roman. Kamera: Hoyte van Hoytema. Mit Gary Oldman, John Hurt, Colin Firth, Ciaran Hinds. Studiocanal, 128 Minuten.