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Chris Dercon im Interview:"An eine europäische Einheit denken die Briten gar nicht"

Designierter Intendant der Volksbühne Chris Dercon vorgestellt

"Im Moment interessieren diese rationalen Argumente die Menschen nicht. Im Moment herrscht totale Panik", sagt Chris Dercon über die Stimmung in Großbritannien vor dem Referendum.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Chris Dercon, scheidender Direktor der Tate Modern, erklärt die Panik in Großbritannien vor dem Brexit-Referendum - und hält die Abstimmung für einen Riesenfehler.

Chris Dercon steht in gewisser Weise selbst für den grenzüberschreitenden Europa-Begriff. Er ist in Belgien geboren, lebte und arbeitete bereits in New York, Rotterdam und Paris. In München leitete er das Haus der Kunst, von 2017 an wird er als Intendant an die Volksbühne in Berlin gehen. Seinen baldigen Abschied aus Großbritannien verknüpft Dercon ironisch mit einem Appell: "My exit is not a Brexit".

SZ.de: Herr Dercon, Sie halten das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU für einen riesigen Fehler. Das klingt ziemlich besorgt.

Chris Dercon: Wir machen uns alle Sorgen. Aber nicht so sehr wegen des Brexits als solchem, sondern wegen der Art der Debatte. Allein, dass man das über ein Referendum lösen will, ist falsch.

Warum?

In einer repräsentativen Demokratie muss man solche Angelegenheiten anders entscheiden. Die Slogans gegen und für Europa sind ziemlich ordinär, zum Teil sogar vulgär und falsch, und viele Wähler wissen gar nicht, wofür ihre Partei in der Debatte steht. Es herrscht große Verwirrung in der Bevölkerung, da kann man die Leute nicht abstimmen lassen. Das muss das Parlament entscheiden.

Was würde es für die Kultur bedeuten, wenn Großbritannien aus der EU austreten würde?

Das wäre fatal, denn der britische Kulturbereich wird gerade erst durchlässig für Einflüsse und Künstler aus Europa. Nehmen Sie das Theater: Hier gibt es immer mehr Kooperationen mit dem Kontinent, man interessiert sich wieder für Themen außerhalb Großbritanniens, dem britischen Theater geht es wieder gut. Auch Museen tauschen sich immer intensiver miteinander aus. Britische Studenten studieren in Europa, kommen wieder zurück und gehen vielleicht wieder. Ebenso britische Künstler. Viele Projekte sind sogar nur mit europäischen Geldern möglich. Europa wird der Brexit kaum betreffen, aber hier in Großbritannien wird man sich zunehmend isoliert fühlen, auch kulturell.

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Ab 2017 wird Chris Dercon Intendant der Berliner Volksbühne. Im Interview ohne Worte zeigt er, was ihn am Kunstbetrieb nervt und welche Angewohnheit er sich in London zugelegt hat.

In der nächsten Woche wird das neue Gebäude der Tate Modern eröffnet, die auch für einen europäischen, grenzübergreifenden Kulturbegriff steht.

Eine der wichtigsten Skulpturgruppen im neuen Gebäude heißt "Die Fremden" von Thomas Schütte ( darin thematisierte Schütte Anfang der 90er Jahre Ausländerfeindlichkeit, Anm. d. Red.). Europäischer geht es ja kaum. In diesem Sinne kann ich nur meinen Slogan wiederholen: My exit is not a Brexit.