Neustart an der Volksbühne:Kann der Glamour-Boy Theater?

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"Kapitän" wurde er oft genannt. Wegen seinem silbergrauen Vollbart und Schopf und seinen Seewolf-Zügen. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Chris Dercon wird Frank Castorf als Intendant der Volksbühne ablösen. Der Belgier hat das Münchner Haus der Kunst und die Londoner Tate Modern geleitet. Ist der gut vernetzte Kunstmanager richtig am Theater?

Von Andrian Kreye

Es gibt kaum einen Menschen, der so charmant Unruhe stiften kann, wie Chris Dercon. Der hat lange Jahre große Museen geführt und geht nun 2017 als Intendant der Volksbühne nach Berlin.

In München kennt man Dercon. Da führte er von Mai 2003 bis März 2011 das Haus der Kunst. Es gibt nur wenige Museumsdirektoren, die ein so fester Bestandteil des Lebens ihrer Stadt sind, wie Dercon in diesen Jahren. Dabei war es ja nicht einmal seine Stadt und auch nicht sein Land. Im Gegenteil, er hatte sich da eines der heikelsten Häuser Europas eingehandelt. Das führte er mit einer souveränen Lässigkeit, mit der er die Münchner so für sich einnahm, dass sie es ihm nicht einmal übel nahmen, als er sie zum Abschied 2011 in einem Interview mit dieser Zeitung noch einmal tüchtig beschimpfte.

Neuer Intendant für Berliner Volksbühne
:Wagemutiger Coup

Chris Dercon ist derzeit noch Chef der Londoner Tate Gallery, soll aber bald als Nachfolger von Frank Castorf die Berliner Volksbühne übernehmen. Macht es Sinn, einen Museumsmann zum Intendanten zu berufen?

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Noch fehlt der Charme in Berlin. Schon Wochen bevor Berlins Regierender Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller die Gerüchte um die Besetzung der Nachfolge Frank Castorfs am Donnerstag in der Aktuellen Stunde des Abgeordnetenhauses bestätigte, wurden die Debatten um den 56-Jährigen zwar von großer Unruhe bestimmt. Claus Peymann schimpfte, da werde wohl noch ein "Eventschuppen" entstehen. Dercon selbst flog aber erst am Donnerstag aus London, wo er das Museum Tate Modern führt, nach Berlin, wo am Freitag eine Pressekonferenz stattfinden soll. Im Vorfeld dominierten deswegen erst einmal die Unsicherheiten der Theaterwelt und urdeutsche Diskurse über die Kultur, ihre Grenzen und Bestimmungen das Gespräch.

Dercon bringt große Namen mit: Alexander Kluge, Romuald Kamarkar und Boris Charmatz

Man sucht dann schnell mal eine Szene, um eine so komplexe Figur zu beschreiben, wie die an einem dieser Münchner Sommernachmittage, für die die Welt diese Stadt so beneiden. Hinter dem Nazi-Bau an der Prinzregentenstraße flirrte die Sonne durchs Laubdach des Englischen Garten, in dem viel zu viele Menschen einer so arbeitsamen Stadt flanierten und die Surfer am Eisbach stürzten sich wenige Meter weiter unter der Brücke auf ihre Welle.

Dercon führte einen New Yorker Filmemacher durchs Haus und stieg mit ihm in die Finsternis der Untergeschosses. Da stand er dann im Maschinenraum, der mit seinen Heizungsarmaturen aus den Dreißigerjahren immer noch so aussieht wie die Kulisse für einen dieser U-Boot-Filme, in denen der Kapitän einen aussichtslosen Kampf gegen die Elemente, den Feind und seine Mannschaft führt. Den Kapitän haben sie ihm öfter angehängt, wegen seinem silbergrauen Vollbart und Schopf, seinen Seewolf-Zügen im Gesicht.

Er zeigte auf das Schaltpult mit den Messingeinfassungen, erklärte, wie tief hier die Geschichte des Hauses begraben ist, in dem Adolf Hitler einst die deutsche Kunst feierte, während ein paar Straßen weiter in einer vollgerammelten Galerie die "Entartete Kunst" verfemt wurde. Oben in den weitläufigen Hallen hatte Dercon den Putz und die Blenden wegreißen lassen. Das Haus sollte zu seiner Vergangenheit stehen. Hier unten aber forschte er weiter. Eine junge Historikerin half ihm dabei. Nur so, fand er, konnte er die ganze Wucht der zeitgenössischen Kunst glaubwürdig inszenieren. Die Politkunst des chinesischen Dissidentenstars Ai Weiwei, die Monumentalfotografien von Andreas Gursky, den psychedelischen Wahnsinn von Yayoi Kusama.

Wahrscheinlich war Dercon der beste Mann, um das Haus nicht von seinem Fluch zu befreien, sondern einen Weg zu finden, damit umzugehen. Deshalb sind die Befürchtungen nun wohl auch zu groß, dass er jetzt als Glamourfigur mit internationalem Netzwerk einen Bruch mit Bestehendem erzwingt, das von Rockstar Patti Smith über Modetycoon Miuccia Prada und den Vorstand des Ölkonzerns BP bis zum Maler Gerhard Richter und der senegalesischen Kuratorin Koyo Kouoh reicht.

Taugt er deswegen fürs Theater? Weil seine Ausstellungen ja auch immer große Inszenierungen waren, von der rauschhaften Vernissage über das Rahmenprogramm mit den akademischen Debatten bis zu den Kinderworkshops im Schatten der Objekte? Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre hat der gebürtige Belgier in Leiden neben Kunstgeschichte und Filmtheorie auch Theaterwissenschaften studiert.

Er hat dann Video und Kino in Brüssel gelehrt, bevor er 1988 als Programmdirektor ans P.S. 1 ging. Das war eine ehemalige Schule im New Yorker Stadtbezirk Queens, das damals noch ein radikales Kulturzentrum war, bevor es dann später zur Außenstelle des Museum of Modern Art wurde. Es folgten dann das Witte de With Zentrum für zeitgenössische Kunst und das Museum Bijmans Van Beuningen in Rotterdam. Dann München. Jetzt London. Bald Berlin. Und da eben - Theater?

"Ein sehr guter Mann, kein bloßer Eventmacher"

Chris Dercon selbst kann noch nicht viel sagen. Drei Personen stehen schon fest, die er mitbringen will - der Filmemacher Romuald Karmakar, der Tänzer und Choreograf Boris Charmatz und Alexander Kluge. Der hat auch schon mit Dercons Vorgänger Castorf gearbeitet. Am Donnerstag sagte er der SZ: "Ich inszeniere nicht auf dem Theater. Ich werde mit Dercon zusammenarbeiten, wie ich mit Castorf zusammengearbeitet habe und zusammenarbeiten werde. Die Volksbühne ist für mich das vierte Opernhaus in Berlin, eine Reibungsstelle zwischen Theater, Oper und den anderen Künsten. Und Chris Dercon ist ein sehr guter Mann, kein bloßer Eventmacher. Er ist eine gute Figur für diese Reibungsstelle."

Ist er das? Kann man bei einem Mann, der das Haus der Kunst als kosmopolitisches Kulturzentrum führte und dabei seine Geschichte aufarbeitete also damit rechnen, dass er den Kern der Volksbühne als deutsches Ensembletheater so ernst nimmt, wie alle möglichen Satelliten, die er von dort starten wird? Ist seine Besetzung ein Coup? Und wenn, für wen? Auf alle Fragen wird es Antworten geben. Endgültige wohl erst 2017.

© SZ vom 24.04.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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