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Nationalismus und Nationalstaat:Der "Volksgeist" und seine Monster

Pegida-Kundgebung in Dresden

Eine rechte Sauerei: Ein Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung auf dem Altmarkt in Dresden hält ein Stoff-Schwein in die Höhe.

(Foto: dpa)

Großbritannien, Österreich, Polen: Der Nationalismus in Europa wächst. Dabei ist nationalistische Politik im Grunde ein Fremdkörper im Nationalstaat.

Vielleicht wird der Brexit knapp vermieden. Aber schon die "sehr reale Gefahr, dass das Vereinigte Königreich die EU verlassen könnte, zeigt", so der Chefökonom des IWF, Maurice Obstfeld, "den wachsenden Nationalismus in Europa". Hauchdünne Siege verscheuchen die Bedrohung nicht; für Norbert Hofer stimmte fast jeder zweite Österreicher.

Der Nationalismus ist säureresistent geworden

Seit den Wahlerfolgen der AfD haben auch wir den Nationalismus im Land, innerhalb von anderthalb Jahrzehnten ist er in Europa manifest geworden. Schien er vor der Jahrhundertwende nicht politisch erledigt zu sein, ein Thema für Historiker?

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"Ich hasse nationalistische Menschen", sagt der muslimische Rapper. Und wird dafür gerade sehr gefeiert.

Bezeichnend ist Hans-Ulrich Wehlers Feststellung in seinem Buch "Nationalismus" von 2001: Nationalistische Politik befinde sich inzwischen in "einem Säurebad tiefer Skepsis". Nicht dass diese Diagnose überholt wäre, Kritik und Ächtung des Nationalismus sind heute so ätzend wie damals. Doch ihre Wirkung lässt nach, der Nationalismus ist säureresistent geworden. Dass er in der politischen Welt als Schmuddelkind aufwächst, scheint ihm nichts anzuhaben, im Gegenteil. In der Rolle des geschmähten Outlaws gedeiht er erst recht.

Eine "Wahlverwandtschaft" gibt es zwischen Demokratie und Nationalgenossenschaft

Was aber macht ihn zum Fremdkörper im Nationalstaat, der ja in seinem Namen das "Nationale" führt? Eine Überdosis verwandle nationales Bewusstsein, sagt man, in das Gift des Nationalismus. Doch das trifft nicht den Kern. Gegenüber legitimer nationaler Zusammengehörigkeit ist der Nationalismus nicht nur eine "ungesunde" Steigerung, er ist eine andere politische Existenzform.

Um ihr auf den Grund zu gehen, hilft ein Blick in die Gründungsphase moderner Staatswesen im 18. und 19. Jahrhundert, auch wenn niemand bisher zwingend erklären kann, warum fast alle westlichen Länder als Nationalstaaten entstanden. Immerhin aber unterstellte schon Max Weber, dass zwischen Demokratie und Nationalgenossenschaft seit je eine "Wahlverwandtschaft" bestand. Die Antwort auf die Frage wiederum, was die Bürger als nationale Genossen verbindet, sehen viele in Benedict Andersons berühmter Formel der "imaginierten Gemeinschaft". Doch weit kommt man mit ihr nicht.

Unbestreitbar ist zwar, dass sich mit Verfall der Bindung durch traditionelle Weltbilder, Glaubensgefolgschaft und dynastische Herrschaft ein Zugehörigkeitsvakuum auftat, das von bürgerlichen Vorstellungen einer territorialen Gemeinschaft gefüllt werden konnte. Aber die Annahme einer solchen kollektiven "Erfindung der Nation" besagt wenig über die Ausrichtung und Intensität, ja auch nur über den Gehalt des gemeinsamen Nationalbewusstseins.

Der Nationalstaat als Antwort auf fundamentale Krisen

Ertragreicher ist es, den Nationalstaat als Antwort auf fundamentale Mentalitäts- und Modernisierungskrisen zu deuten - Krisen, denen die bornierte ständische Privilegienherrschaft nicht mehr gewachsen war. Mögen die industriellen Herausforderungen den letzten Anstoß gegeben haben, jedenfalls bot sich - idealtypisch - als neue Organisationsform ein zentralisiertes, mit administrativer Rationalität steuerndes Staatsgebilde an, dessen Bewohner durch gemeinsame Sprache, Relevanzkriterien, Interessen und Engagements am selben Strang ziehen. Territorialstaaten hat schon der Absolutismus entwickelt, zu politischen Gemeinwesen aber, die sich selbst als genossenschaftlich geformte Akteure sehen, wurden sie erst als Nationalstaat.

Trotz Max Webers These der Affinität von Demokratie und Nationalstaat sind, wie man weiß, längst nicht alle Nationalstaaten demokratisch. Doch der Zusammenhalt, den autokratische Regime durch Repression erzwingen, muss unter demokratischen Bedingungen spontan und habituell funktionieren, wie stark auch immer institutionell abgestützt. Noch revolutionärer als die Rationalisierung des Staats ist daher die zwanglose Eingemeindung der Bürgerschaft. Denn nun sind rechtliche Liberalität und kommunitäre Loyalität unter einen Hut zu bringen.

Gemeinsame Sache machen

Historisch genügte es nicht, die ehemaligen Untertanen in freie Rechtspersonen umzuwandeln, obwohl dies die normative Basis der neuen Gemeinschaft ist. Hinzukommen musste die Zuversicht, dass man gemeinsame Sache macht. Grundlage dafür war eine historisch neuartige Unterstellung: Mag man sich landesweit, jenseits der Familien- und Dorfgrenzen, auch fremd sein, ähnelt man sich dennoch in Vorverständnis, Gepflogenheiten, Sichtweisen, Sinnes- und Lebensart hinreichend genug, um ein stabiles gemeinsames "Regelvertrauen" auszubilden.

Erst unter der Prämisse eines solchen Vertrauens überantwortet man einander das "Gemeinwohl", solidarisiert sich mit all diesen Unbekannten im Lande und erschließt mit ihnen kollektive Ziele für eine jetzt offen gewordene Zukunft.

Überhaupt ist die Bedeutung des modernen Verständnisses von Zeit für das Entstehen des Nationalstaats kaum zu überschätzen. Statt des einst mehr oder weniger geschlossenen Zeitraums dominiert jetzt die Vorstellung einer nach vorne gerichteten Zeitachse. Jede politische Entscheidung öffnet oder verschließt jetzt Zukunftsoptionen, stets ist es eine Richtungsentscheidung. Demokratischer Nationalstaat ist, so gesehen, ein Konzept zur konzertierten Bewältigung politisch riskanter Evolution.