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Kulturhauptstadt Europas:Bingo!

Chemnitz will Kulturhauptstadt 2025 werden

Maßstab 24:1: das im Volksmund nur als "dor Nischl" bezeichnete Karl-Marx-Denkmal.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Chemnitz dürfte Kulturhauptstadt 2025 werden. Wie ein schlüssiges Entwicklungskonzept und Karl Marx' Darm zu einem politischen Signal wurden.

Von Ulrike Nimz

Womöglich war es am Ende gar der Darm von Karl Marx, der den Titel brachte? Vergangene Woche jedenfalls hatte der finale virtuelle Stadtrundgang der Kulturhauptstadt-Jury dort geendet: auf der Wiese neben der Chemnitzer Oper, vor einem wulstigen Gebilde aus Glasfaserkunststoff, drei Wochen Fräsarbeit, Maßstab 24:1. Wie der monumentale Bronzekopf, der es zum Wahrzeichen brachte, ohne dass Marx je zu Besuch war, im ehemaligen Karl-Marx-Stadt. Der Darm ist nur ein Exponat der großen Stadtkunstschau "Gegenwarten", die ein wichtiger Teil des Bewerbungsprozesses war. Staunend standen die Chemnitzer vor den Eingeweiden ihrer Stadt, in denen es zuletzt so rumort hatte.

"Aufbrüche" und "C the unseen" waren die Mottos der Chemnitzer Kulturhauptstadtbewerbung. In ihrer Doppeldeutigkeit zielten sie ab auf den gewaltigen Transformationsprozess, den die Stadt seit der Wiedervereinigung durchlaufen hat. 300 000 Einwohner zählte das "sächsische Manchester" in der DDR. Etwa 60 000 weniger sind es heute. 1945 durch alliierte Bomber zerstört, ist das Herz der Stadt geprägt von gähnend leeren Magistralen, und an diesen Hauptverkehrslinien von Parkhäusern und Einkaufszentren. Oder anders: viel Platz für Kunst.

Es gibt Viertel wie den Brühl oder den Sonnenberg, die noch vor zehn Jahren die Kulisse für einen Zombiefilm geboten hätten und heute Heimat von Kreativen sind, weil das Gespenst der Gentrifizierung noch nicht umgeht. Es gibt die Band Kraftklub, die noch die Dortmunder Westfalenhalle dazu bringt, zu singen: "Ich komm' aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler".

"Aus dem grauen Selbstverständnis einer Industriestadt kann etwas Buntes werden", hat Chemnitz' scheidende Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) oft gesagt und dabei immer ein bisschen wie eine Motivationstrainerin geklungen. Lange schien die Stadtgesellschaft gespalten, nicht nur mit Blick auf den Bewerbungsprozess. "Aufbrüche" - damit waren ja auch die rassistischen Aufmärsche im Sommer 2018 gemeint. Nach der tödlichen Messerattacke auf einen jungen Mann am Rande des Stadtfestes sammelten sich Hooligans und Rechtsextreme aus ganz Deutschland in Chemnitz. Es kam zu Angriffen auf Polizisten, Journalisten und Migranten. Die anschließende Debatte darüber, was eine "Hetzjagd" ist, sprengte fast die große Koalition in Berlin. Von einem "Test für die deutsche Nachkriegsdemokratie" schrieb die New York Times.

"Schnallen Sie sich an: B wie Brexit! B wie Brexit!"

Man habe "die schweigende Mitte" sichtbar machen wollen, sagt Jenny Zichner vom Bewerbungsteam. "All die Macher, die man noch zu selten sieht und hört." Chemnitz, die mittelgroße, mittelspannende Stadt, die immer für einen Witz gut war, und in der noch immer kein ICE hält. Hier soll bis 2025 das Herz der europäischen Kultur schlagen - kann das sein?

Nun gewinnen den Kulturhauptstadttitel ja längst nicht die Metropolen mit den meisten Museen und Konzertsälen, sondern jene mit bewegter Geschichte und überzeugenden Ideen für die Stadtentwicklung. Wer stichhaltige Konzepte gegen Einwohnerschwund und für mehr Bürgerbeteiligung präsentieren kann, profitiert am Ende sogar vom Außenseiterstatus. Oder, wie der satirische Stadtblog "Re:marx" es ausdrückte: "Chemnitz - Risikogebiet since 1990".

Im Februar 2019 präsentierten sich die drei sächsischen Bewerberstädte - Chemnitz, dazu noch Dresden und Zittau - beim Neujahrsempfang der Landesvertretung in Brüssel. Während Dresden einen Cellisten von Ballerinas umtanzen ließ und Zittau eine ausgefeilte Choreografie samt Kinderzirkus darbot, spielten die Chemnitzer Bingo. Ein etwas angestaubtes Lotteriespiel; gewonnen hat, wer mittels passender Zahlen-Buchstaben-Kombination eine Reihe seines Bingo-Zettels füllt. Der Chemnitzer Künstler Jan Kummer moderierte, mit Sätzen wie: "Schnallen Sie sich an: B wie Brexit! B wie Brexit!" Er klang wie ein Rummelplatzbetreiber, der die Tagesschau spricht. Im Hintergrund spielte die Chemnitzer Pop-Hoffnung Blond in glitzernden Showkleidchen. Die Anzugträger im Saal neigten den Kopf, machten brav ihre Kreuzchen. Das Konzept ist dann wohl aufgegangen.

© SZ/khil
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