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Buch über das schwule Berlin:Stadt ohne Jungfrauen

Bildpostkarte des Lokals "Silhouette", das Ende der Zwanziger populär war. Es wurde im März 1933 geschlossen.

(Foto: Schwules Museum, Berlin)

Homosexualität ist eine deutsche Erfindung. Das behauptet zumindest Robert Beachy in "Das andere Berlin".

Von Jens Bisky

Die berühmte Dekadenz der Stadt sei wohl hauptsächlich ein Reklamespruch gewesen, hat Christopher Isherwood im Rückblick auf seine Jahre als Sextourist in Kreuz- und Schöneberg vermutet.

Da Paris nun einmal den "heterosexuellen Mädchenmarkt" beherrschte, habe Berlin seine Besucher am besten mit "einem Mummenschanz der Perversionen" locken können.

Ganz falsch lag er mit dieser sarkastischen Bemerkung nicht. Schon unter Wilhelm II. waren Kostümbälle, auf denen Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzten, waren einschlägige Bierkeller, Restaurants und kleine Lokale auch Touristenattraktionen.

Die schwule Subkultur gedieh. Engländer bezeichneten gleichgeschlechtlichen Verkehr mit dem Ausdruck "german custom"; "Berlinese" war im Italienischen ein Synonym für "homosexuell".

Schon 1867 warb ein mutiger Jurist für die Abschaffung der Sodomiegesetze

Dass Homosexualität überhaupt eine deutsche Erfindung sei, behauptet der Historiker Robert Beachy in seiner kulturgeschichtlichen Studie "Das andere Berlin".

Will man das glauben? Selbstverständlich hat es, so weit wir wissen, zu allen Zeiten und in allen Kulturen Männer gegeben, die Männer liebten. Aber als eine "moderne Identität", eine Daseinsform eigenen Rechts, existiert Homosexualität erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Vorstellung einer angeborenen, nicht willkürlich zu verändernden sexuellen Orientierung entsteht in den Protesten gegen die Kriminalisierung des gleichgeschlechtlichen Akts, seit 1872 als Paragraf 175 im Reichsstrafgesetzbuch festgeschrieben. Wie dennoch in Berlin eine schwule Subkultur sich entfalten und die erste moderne schwule Emanzipationsbewegung aufkommen konnte, davon handelt dieses Buch.

Leseprobe

Einen Auszug aus "Das andere Berlin" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Es beginnt im August 1867 mit dem unglaublich mutigen Auftritt des Juristen Karl Heinrich Ulrichs auf dem deutschen Juristentag in München. Der damals 42-Jährige warb für eine Strafrechtsänderung für all jene, die sich zu Angehörigen des eigenen Geschlechts hingezogen fühlten.

Gebrüll und Spott hinderten ihn, seine Rede zu beenden, seine Forderung wurde nicht berücksichtigt. Doch das öffentliche Bekenntnis eines Schwulen, der stolze Augenblick, hatte langfristige Folgen. Üblicherweise nahm man an, Masturbation oder sexuelle Ausschweifung würden das Laster der "Sodomie" hervorrufen. Ulrichs dagegen sprach vom Wirken der "rätselhaft waltenden schaffenden Natur". Mediziner kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Mit dem Triebschicksal nicht allein

Beinahe noch wichtiger war, dass Ulrichs in einer Reihe von Broschüren eine "neue Sprache der sexuellen Orientierung und Identität" erfand. In Anlehnung an den griechischen Gott Uranus, von dem es in Platons "Gastmahl" heißt, er habe mutterlos Aphrodite gezeugt, schlug Ulrichs vor, männerliebende Männer "Urninge" zu nennen.

CHRISTOPHER STREET DAY IN BERLIN

Seit 1979 findet in Berlin der "Christopher Street Day" statt - ein Name, der an den Widerstand der New Yorker Schwulen gegen die Polizei erinnern soll.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Viele erfuhren erst aus den Schriften des tapferen Karl Heinz Ulrichs, dass sie mit ihrem Triebschicksal nicht allein waren. Das half ebenso wie die öffentliche Kampagne gegen Sodomiegesetze, ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Zwei Jahre nach Ulrichs' Tod, 1897, wurde in der Berliner Wohnung des jungen Arztes Magnus Hirschfeld das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" gegründet. Das Motto: "Per scientiam a justitiam" verriet die Hoffnung, Forschung und Aufklärung würden die Anerkennung der Homosexuellen befördern und schließlich Gesetzesänderungen herbeiführen.

Karl Heinz Ulrichs und Magnus Hirschfeld, die Pioniere der schwulen Emanzipation, sind gut bekannt. Aber nur Fachleuten dürfte der Name Leopold von Meerscheidt-Hüllesem etwas sagen. 1885 gründete der Polizeidirektor das Homosexuellen-Dezernat der Berliner Polizei und leitete es. Er stellte ein eigenes "Päderastenalbum" zusammen, das 1895 etwa 300 Aufnahmen enthielt, Bilder männlicher Prostituierter oder von Männern, die wegen Verstoßes gegen den Paragrafen 175 festgenommen worden waren.

Angesichts der rasant wachsenden Großstadt, die polizeilich zu überwachen schwer möglich war, entschloss sich Meerscheidt-Hüllemsen zu einer "Politik der bedingten Tolerierung", wie Beachy dies nennt. "Homosexuelle Fraternisierung" wurde in gewissen Grenzen toleriert. Mehr noch: Der Polizeidirektor organisierte für Journalisten, Schriftseller, Ärzte Touren zu Treffpunkten der Homosexuellen. Sie wurden dadurch sichtbar, ein Studienobjekt. Der Dramatiker August Strindberg etwa gelangte 1893, eingeladen von einem Polizeileutnant, auf einen Berliner Kostümball: "Es war das abscheulichste, was ich je gesehen hatte."

Ausführlich schildert Beachy die Stricherszene und die mit der Prostitution unter dem Paragrafen 175 notwendig einhergehende Kultur der Erpressung. Der Sexskandal um den Freund des Kaisers, Philipp zu Eulenburg, den der Journalist Maximilian Harden 1907 outete und dessen Leben in einer Folge von Verleumdungs- und Meineidsprozessen ruiniert wurde, bestätigte alle, die in Berlin ein modernes Sodom sehen wollten.

Man wird Robert Beachy nicht widersprechen wollen, dass dank der Eulenburg-Affäre das Wort Homosexualität ein in Deutschland geläufiger Begriff geworden war. Aber um welchen Preis! Die "Erfindung der Homosexualität" im Wechselspiel von Gesetzgebung, Aktivismus und Medizin geht einher mit ungezählten zerstörten oder dauerhaft vergifteten Lebensläufen.

Berlins Rolle als Geburtsort der Schwulenbewegung ist nur in schwacher Erinnerung

Immerhin konkurrierten schon vor dem Ersten Weltkrieg verschiedene Vorstellungen davon, was es eigentlich heiße, homosexuell zu sein. Neben das Paradigma der enthusiastischen Freundschaft, neben Hirschfelds Idee der "sexuellen Zwischenstufen" trat mit dem Wandervogel Hans Blüher das Konzept des homoerotischen Männerbundes, nationalistisch und meist antisemitisch.

Robert Beachy, der in Seoul lehrt, erzählt farbig, er hat einen Blick für interessante Szenen, bewegende Schicksale und nutzt für seine große Synthese die Ergebnisse vieler Einzelstudien, konzentriert sich allerdings bewusst auf Männer. Die Kultur der lesbischen Frauen spielt nur sehr am Rande eine Rolle. Schwach ist das Buch, wenn es um Geistesgeschichte geht.

So kommt der Pionier der Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann zwar vor, doch seine wesentliche These - höchste Schönheit sei Jünglingschönheit - wird nicht einmal erwähnt, und wenn schon das merkwürdige Sexualleben Friedrichs des Großen angeführt wird, wären ein paar Worte zum heftigen gelehrten Streit darüber angebracht gewesen. Noch mehr vermisst man Beobachtungen über das Sittenleben im Ersten Weltkrieg.

Die Nazis zerstörten die schwule Subkultur sofort nach ihrer Machtergreifung

Die letzten drei Kapitel sind dem Berlin der Weimarer Republik gewidmet, Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, dem Sextourismus und der männlichen Prostitution sowie dem noch immer notwendigen Kampf um die Strafrechtsreform. Im Oktober 1929 gab es im Strafrechtsausschuss des Reichstags eine Mehrheit für die Abschaffung des Paragrafen 175. Die Krise der Demokratie verhinderte die überfällige Reform. Die Nationalsozialisten zerstörten schon in den ersten Monaten ihrer Herrschaft die schwule Subkultur, die blühende homosexuelle Medienlandschaft und die Infrastruktur der Emanzipationsbewegung.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ihr Erbe angetreten wurde. Es liege, schreibt Beachy, eine Ironie darin, dass die Schwulenparaden in der Stadt heute unter dem Namen "Christopher Street Day" firmieren, in Erinnerung an den Widerstand der New Yorker Schwulen gegen die Polizei. Und das obwohl, wie dieses große kulturgeschichtliche Panorama zeigt, Berlin über eine stolze eigene Tradition schwulen Lebens verfügt, ja, in der Tat als Geburtsort der Schwulenbewegung gelten kann.

Bis heute ist die Erinnerung daran schwach, geht selten über ein paar Zitate und Koketterie mit der Verruchtheit der Zwanzigerjahre hinaus, als Isherwoods Freund W. H. Auden behauptete, Berlin sei eine "Stadt ohne Jungfrauen. Nicht einmal die Kätzchen und die Hündchen sind jungfräulich". Die Geschichte des "anderen Berlin" erinnert auch daran, wie rasch es mit all der Liberalität und einer quicklebendigen Subkultur vorbei sein kann.

Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933. Aus dem Englischen von Hans Freundl und Thomas Pfeiffer. Siedler Verlag, München 2015. 464 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 04.08.2015/odg
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