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Filmjahr 2020 - die "Magic Moments":Was die Kamera sah

Magic Moments 2020

Gestalten des seltsamen Filmjahres 2020, die im Gedächtnis bleiben werden - SZ-Collage von Christian Tönsmann.

(Foto: Raumzeit Film, Bavaria Fiilmproduktion, dpa (4), Film Kino, Matt Kennedy, AP,)

Sechzehn Kritiker der SZ haben ihre besten Filmszenen des Jahres ausgewählt - die "Magic Moments" 2020.

Von den SZ-Kritikern

Ein Schlusspunkt

Trunken vor Glück taumelt der kleine Drecksack durch seinen Laden. Er ist Juwelier, hat alles auf einen kostbaren Stein gesetzt in "Der schwarze Diamant" von den Safdie-Brüdern - und gewonnen. Auf dem Weg hat er Menschen wie Dreck behandelt, den man abschlagen muss, um ins funkelnde Innere vorzudringen. Nun ist er dort, aber in diesem Inneren ist nur reine, leere Freude. Ein Glück, wie es nur denen zukommt, die dafür ihre Seele eingetauscht haben, die Platz in ihrem Herzen gemacht haben für den Rausch aus der verfluchten Erdentiefe. Adam Sandler spielt diesen Mann. Sein wie immer leicht debil wirkendes und deshalb irritierendes Gesicht kommt auf unheimliche Weise bei sich selbst an, als er kurz darauf, in der letzten Szene, auf dem Boden liegt. Selig, ein gemachter Mann. Mit einer Kugel im Kopf. Philipp Bovermann

Lust: "Enfant terrible" von Oskar Roehler; Frust: "Undine" von Christian Petzold.

Besucher aus dem All

Rote Jeeps und Schneeraupen ziehen langsam durch eine frostige Einöde. Es sind südkoreanische Wissenschaftler auf der Suche nach Steinen. Nicht irgendwelchen, sondern nach Steinen aus dem Weltraum, die hier auf der Erde gelandet sind. Die Gletscher der Antarktis sind für diese Suche so gut geeignet, da alle Steine, die es dort gibt, vom Himmel gefallen sein müssen. Wenn sie einen finden, verfallen die Forscher in maßlosen Freudentaumel. Werner Herzog und Clive Oppenheimer besuchen diese Karawane in ihrem Dokumentarfilm "Fireball: Besuch aus fernen Welten". Es geht um Meteoriten und die Menschen, die ihnen ihr Leben widmen. Eine kleine Szene, die nach dem Sehen noch lange nachwirkt - und in ihrer Surrealität die eigene Wahrnehmung ein wenig verschiebt. Nicolas Freund

Lust: "The Vast of Night" von Andrew Patterson; Frust: "Irresistible" von John Stewart.

Kernschmelze

Alles richtig gemacht im Garten, immer schön gegossen mit dem vom Meteoriten verseuchten Wasser. Ekstatisch wandelt Farmer Nathan Gardner in Richard Stanleys Lovecraft-Adaption "Die Farbe aus dem All" durch seine Beete. "Pfir-si-che!" säuselt er wie in Trance. Doch der Biss in die erste Frucht lässt ihn ausspeien. Er klatscht sie in die Tonne, beißt hastig die nächste und übernächste an. "Ich hab' alle verfickten Regeln befolgt, und sie schmecken immer noch nach Scheiße!" Aus Rausch wird Wahnsinn. Nicolas Cage spielt diesen Meltdown kolossal enthemmt und ernsthaft, immer an der Grenze zum Grotesken, doch nie lächerlich. In diesem Moment des Überschnappens steht die Zeit kurz still. Ach, könnte man den nächsten Kontrollverlust doch genauso umarmen wie er! Sofia Glasl

Lust: "Niemals Selten Manchmal Immer" von Eliza Hittman; Frust: "Wege des Lebens / The Roads Not Taken" von Sally Potter.

Fahrt durch die Zeit

Die alte Frau und das Feld ... Agnès Varda erzählt uns, wie sie einst "Vogelfrei / Sans toit ni loi" drehte, über die trotzige Tramperin Mona. Der Film ist präzise konstruiert, sagt sie, alle zehn Minuten gibt es eine Kamerafahrt, eine Minute lang, die auf einem Landwirtschaftsgerät endet, dreizehn Stück. Um das zu erzählen in ihrem letzten Werk "Varda par Agnès", das all ihre Filme Revue passieren lässt, hat sie noch einmal Gleise legen lassen, hockt auf einem Kamerawagen, in einem dicken Daunenmantel, lässt sich übers Feld fahren. Die Fahrt geht von rechts nach links, gegen die Leserichtung! Eine Parallelfahrt in der Zeit, und magisch löst die Distanz sich auf. Das Leben als Travelling, eine kindliche Liebe zum Kino. Am 29. März 2019 ist Agnès Varda gestorben, neunzig Jahre alt. Fritz Göttler

Lust: "Undine" von Christian Petzold; Frust: "Jojo Rabbit" von Taika Waititi.

Sterne im Dunkeln

Es ist der älteste Special Effect der Filmgeschichte: Mitten in "Kajillionaire", der Tragikomödie der amerikanischen Allroundkünstlerin Miranda July, geht das Licht aus. Es ist stockfinster auf der Leinwand und im Kinosaal, gefühlt minutenlang. Ein Systemabsturz? Nein, man hört ja noch Stimmen: Zwei Frauen sind in einer Tankstellentoilette gefangen, sie müssen sich ähnlich wie das Kinopublikum erst an die Dunkelheit gewöhnen. Doch allen ist klar, dass sich nach diesem Blackout etwas verändern wird. Die Gespräche der Frauen werden vertrauter, zutraulicher. Dann leuchten auf der schwarzen Leinwand Sterne auf: anfangs nur ein paar wenige, bald immer mehr, ein ganzes Firmament. Das ist pure Magie, genau dafür werden Kinofilme gemacht. Josef Grübl

Lust: "Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz; Frust: "Mulan" von Niki Caro.

Ein verpackter Mann

Zu den zentralen Konventionen des Historienfilms gehört die Ankleideszene. Zum einen zeigt sie, wie anders, fremd und umständlich die fremde Epoche doch war mit all ihren Häkchen, Ösen, Schleifen, und Korsetts. Zum anderen, wie schön die anfangs noch nicht ganz bekleidete Heldin ist. Die hoch artifizielle Jane-Austen-Verfilmung "Emma" von Autumn de Wilde kehrt die Sache aber um. Und zeigt zur Abwechslung den Mann, nämlich den junglöwenhaften Johnny Flynn, der hier George Knightley spielt, als von einem Kammerherrn aufwendig in Seidenstrümpfe, Kragen und weiße Halsbinde verpacktes Objekt des Begehrens. Und wie nebenbei macht der über sein behaartes Bein gerollte Strumpf noch klar, dass gesellschaftlicher Stand vor allem eine Frage der richtigen Verkleidung ist. Kathleen Hildebrand

Lust: "Ein Mann zum Verlieben" von Louis Garrel; Frust: "Mulan" von Niki Caro.

Spieler müssen spielen

Spiel- und wettsüchtig, verschlagen und verlogen und in keinster Weise ein Vorbild. So einer ist Howard Ratner, Juwelenhändler mit im Diamantendistrikt der 47. Straße in Manhattan, in "Der schwarze Diamant" von den Gebrüdern Safdie. Aber dann gibt es den Moment, wo ihm das Schicksal ein Angebot macht: mit heiler Haut aus seinen irren und gefährlichen Plänen herauszukommen. Er wählt schon die Nummer, die alles im Guten beenden würde, dann legt er wieder auf. Er muss noch einmal wetten, den Einsatz erhöhen, alles setzen. Dafür hasst man ihn, dafür liebt man ihn, dafür fiebert man mit - besonders in einem Kino, dass sich mehr und mehr als verlängerter Arm aller Weltverbesserer sieht. Tobias Kniebe

Lust: "How To Build A Girl" von Coky Giedroyc; Frust: "Out Of Play" von Gavin O'Connor.

Tod eines Kätzchens

Die Sehnsucht nach der Natur war nie größer als in diesem Pandemie-Jahr mit seinen beschnittenen Freiheiten. Dabei ist das Virus selbst "Natur". Ihre grausame Gleichgültigkeit spürt, wer den Straßenhunden in "Space Dogs" folgt, die durch Moskau streifen, die Kamera begleitet sie auf Hundeaugenhöhe. Aus dieser Perspektive wirken sie wie alte Bekannte: der stolze Schäfermischling und sein älterer, etwas unterwürfiger Begleiter. Bis die beiden eine Katze sehen, blitzschnell hat der Große sie gepackt. Die Katze, ein süßes, weißes Tier, quiekt furchtbar, als er sie totbeißt. Dann knabbert ihr Killer minutenlang an ihr herum, genießt seinen Sieg und die Beute. Es ist ein Schock und eine Ernüchterung, die Natur zeigt sich in ihrer verstörenden Fremdheit. Gut, wer ein Haus hat, das ihn schützen kann. Martina Knoben

Lust: "Weathering With You" von Makoto Shinkai; Frust: "Undine" von Christian Petzold.

Alte Gefühle

In Klaus Lemkes Filmen rauschen meist junge Frauen durch die Großstadt und machen Radau. So auch diesmal in "Ein Callgirl für Geister". München ist wieder dran, es geht über die Isar hinaus und zurück in die Innenstadt. Dort sitzen dann zwei Protagonisten in einem Kino, um eines von Lemkes Werken aus den frühen Siebzigern anzugucken. Sylvie Winter leuchtet auf der Leinwand, gern guckt man mit. Lemke setzt am liebsten jugendlichen Unsinn ins Bild, das war schon damals so. Aber dann spürt man etwas um Sylvie Winter, das Lemkes aktuellen Arbeiten fehlt: Sentimentalität. Die kennt man nicht mehr von diesem Mann, der sich heute so weit wie möglich vom Gefühl entfernt hält. So zeigt sich einmal mehr, wo man das Wesen der Regisseure findet - in der Filmgeschichte. Doris Kuhn

Lust: "Die Farbe aus dem All" von Richard Stanley; Frust: "How to Build a Girl" von Coky Giedroyc.

Spukhafte Hochspannung

In Andrew Pattersons rauschhaft formbewusstem Kunstwerk "The Vast of Night" wird die Kamera nach etwa einem Drittel Laufzeit reiner Geist. Die Telefonistin Fay zündet sich in der Tür eine Zigarette an und startet damit eine virtuelle Plansequenz. Dicht am Boden fährt die Kamera die menschenleere Kleinstadt Cayuga ab, es geht über bleiche Straßen, dunkle Wiesen, dazu orchestrale Filmmusik: Blechbläser grunzen fremdartig, es klappert, zirpt; dann Innehalten in der Sporthalle, wo alle zum Basketballmatch versammelt sind, Flucht durchs Fenster, Ankunft Radiostation, Zoom auf klingelndes Telefon. Schnitt. Bild, Ton, Mensch, Ding und das ganz Andere, Unfassbare - alles steht unter Hochspannung in Verbindung miteinander. Eine spukhafte Filmwirkung. Selten war das Kino so bei sich. Juliane Liebert

Lust: "Mank" von David Fincher; Frust: "Tenet" von Christopher Nolan.

Unverstellt

Ein Junge mit zu langen Haaren wartet vor der Schule darauf, abgeholt zu werden. Er stützt den Kopf auf die Hände, schaut den Müllmännern zu und träumt davon, Pilot zu werden. Später wird er von einer alten Frau, die seine alleinerziehende Mutter als Pflegerin betreut, ein Wurstbrot und eine Geschichte bekommen. Ceylan Ataman-Checas "Sebastian springt über Geländer" zeigt seinen Protagonisten in drei Lebensphasen. Es sind die leisen Szenen, die berühren, und der Blick von Finn Freyer, der Sebastian als Kind spielt. Darin liegen die Zufriedenheit und die Sehnsucht, die ihn durchs Leben tragen werden. Am Ende verabschiedet man einen jungen Mann, der sich nicht für andere verstellt - und so seinen Weg finden wird. Sebastian ist ein glücklicher Mensch. Ana Maria Michel

Lust: "Looking At The Stars" von Alexandre Peralta; Frust: "Artemis Fowl" von Kenneth Branagh.

Im Fahrtwind

Trey Edward Shults' umwerfend bildstarkes Drama "Waves" strömt und fließt und wischt in einer Art über einen hinweg, wie es der Titel verheißt: in einer Wellenbewegung. Das Unglück bricht über eine schwarzen Vorstadtfamilie herein und schlägt Wunden, die aber wieder heilen. Die zwei Hälften, in die der Film geteilt ist, sind wie Yin und Yang: Erst folgt man einem aggressiven Teenager, dann seiner zaghaften Schwester. Beide zeigt Shults in 360-Grad-Autoszenen à la Terrence Malick, die sich wiederholen und ineinander spiegeln. Zwei rauschhafte Momente, zweimal in den Fahrtwind gestreckte Hände, fast identisch und doch gegensätzlich. Einmal ist da jugendliche Anspannung und Intensität, einmal Ruhe und Raum. Das ewige Auf und Ab des Lebens wird hier aufs Schönste verdichtet. Annett Scheffel

Lust: "Bohnenstange" von Kantemir Balagow; Frust: "On the Rocks" von Sofia Coppola.

Sonnenkuss

Sinan, die Hauptfigur aus Nuri Bilge Ceylans "The Wild Pear Tree", zieht vom Studium zurück zu seinen Eltern, in die Provinztristesse der Westtürkei. Er hat große Ambitionen, will Schriftsteller werden, weit weg von der ungeliebten Heimat. Und doch ist er hier, bei seiner Familie. Er liegt auf der Couch, streift durch die Stadt und durch die Felder, wo er auf eine alte Jugendfreundin trifft. Plötzlich fährt die Kamera von einer anderen Seite auf die Frau zu, der Wind hebt an, ihre Haare wehen vor ihrem Gesicht, die Sonne funkelt durchs bunte Herbstlaub - sie küssen sich. Der Film versenkt sich in einen Moment, der nach Glück aussieht und es doch nicht ist. Aber manchmal muss man nehmen, was man kriegen kann, und den Rest darüber vergessen. Philipp Stadelmaier

Lust: "Zombi Child" von Bertrand Bonello; Frust: "The Prom", von Ryan Murphy.

Fake News aus Hollywood

Eine Schelmengeschichte im Zigarettennebel und Whiskeydunst der Dreißigerjahre, Hollywoods Goldener Ära. David Finchers "Mank" feiert den Autor Herman "Mank" Mankiewicz, einen Säufer und Zyniker und großen Desillusionisten. Aber was ein Kollege ihm vorab im Vorführraum zeigt, mit ratterndem Projektor, überrascht selbst ihn. Ein Propagandavideo zur Gouverneurswahl, der republikanische Kandidat zeigt marodierende Horden, die in Kalifornien einfallen. Die Sache ist freilich ein hoax, komplett inszeniert. Wird ja keiner ernsthaft glauben, sagt der Freund. Natürlich nicht, antwortet Mank. "Höchstens die Leute, denen wir weisgemacht haben, dass King Kong so groß wie ein Hochhaus ist..." Fake News als böser Zwilling der Traumfabrik, und die Initialzündung zu Manks Meisterskript "Citizen Kane". David Steinitz

Lust: "The King of Staten Island" von Judd Apatow; Frust: "Susi & Strolch" (2019) von Charlie Bean.

Ersatzfamilie

Der 24-jährige Scott steckt fest, irgendwo in der Kindheit, als sein Vater beim Löschen eines Brandes gestorben ist. In Judd Apatows "The King of Staten Island" ist er nun ausgerechnet beim neuen Stiefvater auf einer Feuerwache gelandet: "Wieso muss denn das Scheißding überhaupt so glänzen. Kommt nur Feuer drauf", mault der Komiker Pete Davidson, der Scott verkörpert: "Ist den Leuten, die bei lebendigem Leib verbrennen, denn nicht egal, ob das Ding sauber ist? Wieso muss ich das Ding waschen? Damit ihr bei 'nem Brand möglichst sexy anrollt?" Die rauen Männer werden zu seiner Ersatzfamilie, angeführt von Steve Buscemi, der in seiner wunderbar zerknitterten Art über Scott wacht. "Ich mag ihn", murmelt er einfach nur, und es treibt einem die Tränen in die Augen. Die ganze Komik und Tragik des Lebens in ein paar dahingeplapperten Dialogen, die aus tiefstem Herzen kommen. Anke Sterneborg

Lust: "Niemals Selten Manchmal Immer", von Eliza Hittman; Frust: "Onward", von Dan Scanlon.

Paketboten-Blues

Der britische Filmemacher Ken Loach ist 84 Jahre alt, aber sein Gespür für die Zeit ist noch voll intakt - sein Film "Sorry We Missed You" passt jedenfalls perfekt zum Jahr 2020. Ricky (Kris Hitchens) erzählt in einer Szene, wie er sich durchgeschlagen hat, von einer finanziellen Krise zur anderen, sogar Gräber habe er ausgehoben. Alles, damit seine Frau, eine Krankenschwester, und die beiden Kinder ihr winziges Haus in Newcastle nicht verlieren. "Aber jetzt", sagt Ricky, "bin ich mein eigener Boss." Er hat das Familienauto verkauft, in einen Lieferwagen investiert und arbeitet für ein Logistikunternehmen. Den Rest des Films wird Ricky, Paket um Paket, an seine Grenzen getrieben, bis fast nichts mehr von ihm übrig ist. Ein hoher Preis für einen Augenblick der stolzen Hoffnung. Susan Vahabzadeh

Lust: "Niemals Selten Manchmal Immer" von Eliza Hittman; Frust: "Rebecca" von Ben Wheatley.

© SZ/kni
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