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"Waves" im Kino:Ebbe und Flut

Kinostart - 'Waves'

Ein Leben unter Erfolgsdruck: Catherine (Renee Elise Goldsberry) und Tyler Kelvin Harrison Jr.

(Foto: DPA/Universal)

Das ausgezeichnete amerikanische Familiendrama "Waves" von Trey Edward Shults ist eine echte Kinoentdeckung.

Von Annett Scheffel

Wie das ist, jung und verliebt zu sein, durchströmt von dem Gefühl hier und jetzt, in diesem einen Augenblick, unbesiegbar zu sein, man kann es in diesem Film sehen und spüren. Manchmal scheint es als Geschmack sogar auf der Zunge zu liegen, am Anfang zum Beispiel, mit zwei Teenagern im Auto: zwei Verliebte, die laut einen Song mitsingen. So rauschhaft wie der Moment ist auch die Bewegung der Kamera; im Inneren des Autos dreht sie sich um die eigene Achse, während die zwei eine Küstenstraße entlangrasen.

Von Beginn an überwältigt dieser Film mit seiner berauschenden Ästhetik. "Waves" ist immersives, lebendiges Kino, dass nach coronabedingter Verschiebung nun endlich zu sehen ist. In 135 umwerfend bildstarken Filmminuten erzählt Regisseur Trey Edward Shults vom Zerbrechen und Heilen einer schwarzen Vorstadtfamilie. Alles gleitet zur psychedelischen Filmmusik (von Trent Reznor und Atticus Ross) in satten Farben und dynamischen Kamerafahrten am Auge vorbei. Dabei hat gar nicht allzu viel darauf hingedeutet, dass dem jungen, texanischen Filmemacher mit seinem dritten Spielfilm ein solcher Wurf gelingen würde. Außer vielleicht, dass er als Praktikant für mehrere Filme mit Terrence Malick arbeitete. Dessen Einfluss sieht man "Waves" an: in den fließenden Bewegungen, in der Arbeit mit Unschärfen, in der unbedingten Subjektivität des filmischen Blicks.

Shults zeigt sich als großer Erzähler schwarzer Lebenswelten. Wie Barry Jenkins' Oscar-prämierter Film "Moonlight" spielt "Waves" in der flirrenden Landschaft Südfloridas. Das Innenleben der Figuren leuchtet der Regisseur mithilfe expressiver Optik aus, anstatt sich nur auf seine Darsteller zu verlassen - die allesamt ausgezeichnet sind. Shults, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat sich eine eigenwillige narrative Form ausgedacht. Sein Familiendrama ist in zwei Hälften geteilt, ein filmisches Diptychon, das wie in einer Wellenbewegung von zwei Geschwistern erzählt. Erst von dem sich aufbäumende Unglück um den zwischen Aggressivität und Erfolgsdruck gefangenen 17-jährigen Tyler und dann, nach einem tragischen Ereignis, der zaghafte Kampf seiner Schwester um eine neue Normalität.

Das Breitbildformat des ersten Teils verengt sich auf kuscheliges Fernsehformat

Tyler ist ein Vorzeige-Teenager, beliebt in der Highschool, Star in seinem Ringerteam, glücklich mit Freundin Alexis. Mit seiner Familie wohnt er in einem schicken Vorstadtviertel. Sein Vater, der es zu Wohlstand gebracht hat, ist wohlmeinend, aber erdrückt den Jungen mit seiner Erwartungshaltung. "Den Luxus, nur Durchschnitt zu sein, können wir uns nicht leisten", lässt er seinen Sohn wissen. Als Tyler sich beim Training verletzt und seine Freundin ungewollt schwanger wird, wirft der steigende Druck ihn aus der Bahn, was zu einem brutalen Moment führt, in dem die Handlung eine Wendung nimmt.

Gleichgewicht und menschliche Tiefe findet der Film in der zweiten Hälfte. Sie gehört Tylers schüchterner Schwester Emily, die man zwar in der Eröffnungsszene gesehen, dann aber fast schon wieder vergessen hat.

Alles was in der ersten Hälfte zu überladen wirkt - die vielen Kamerabewegungen, die verdichtete Komposition, überhaupt die ganze "Teenage Angst" -, all das findet in Emilys Geschichte seinen Ausgleich. Sie ist der kühle Wind auf die Hitze des Films. Während ihre Familie versucht, wieder auf die Beine zu kommen, wird sie sich zum ersten Mal verlieben, einen Roadtrip machen, weinen und hadern, aber ihren Frieden finden. Gespielt wird Emily von der umwerfenden Taylor Russell, die mit ihrer ruhigen, vielschichtigen Darstellung der heimliche Mittelpunkt des Films ist. Trey Edward Shults hat auch ihre Innenwelt immer fest im Blick und überträgt sie auf die Bilder. Kamera und Schnitt werden ruhiger, das Breitbildformat des ersten Teils verengt sich auf ein kuscheliges Fernsehformat, mit dem er die Dynamik seiner traumatisierten Familie besser fassen kann. Erst hier wird "Waves" zu dem, was es sein will: ein kluger Film über Dualität, über Ebbe und Flut, über das Leben als Abfolge von Schicksalsschlägen und Glücksmomenten.

Waves, USA 2020 - Regie und Buch: Trey Edward Shults. Kamera: Drew Daniels. Schnitt: Isaac Hagy, Trey Edward Shults. Mit: Kelvin Harrison Jr., Taylor Russell, Sterling K. Brown, Lucas Hedges, Alexa Demie, Renée Elise Goldsberry. Universal Pictures, 135 Minuten.

© SZ vom 16.07.2020

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