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Film:Space Dogs

Space Dogs
(Foto: RAUMZEITFILM)

Von Philipp Bovermann

Der Sieg des Menschen über die Schwerkraft des Planeten, der ihn trägt, begann mit einer toten Hündin. Laika, die sowjetische Forscher 1957 in einer Raumkapsel in die Erdumlaufbahn schossen, war das erste Lebewesen im All. Sie kehrte als totes Lebewesen zurück - als Gespenst, so sagt es eine russische Erzählerstimme. Dann beginnt eine außergewöhnliche filmische Erkundungsreise.

"Space Dogs" führt in eine gespenstische Welt, in der sich der Zuschauer so verloren fühlt, als säße er in einer Raumkapsel: die Welt der Straßenhunde. Bevor sie Kosmonautin wurde, lebte Laika auf den Straßen von Moskau. Dort ziehen auch heute noch Streuner ihre Runden. Der Film nimmt, soweit eben möglich, die Perspektive dieser Tiere ein. Treu wie ein Welpe, buchstäblich auf Augenhöhe mit ihren Protagonisten, folgt die Kamera ihnen, während sie die Stadt erkunden und so dem Zuschauer neu erschließen - als fremde Natur, geschaffen aus Beton und unverständlichen Geräuschen, eine Welt neben Autowerkstätten und Nachtclubs, in der nur überlebt, wer die Zähne zeigen und sie auch benutzen kann. Die Zivilisation schiebt sich zum bedrohlichen Hintergrundrauschen zusammen.

Kein menschliches Wort erklärt, was passiert, kein menschliches Wort durchbricht die tierische Stille. Nur gelegentlich wird der Blick des Herrn der Schöpfung aufgerufen. Anhand von Archivaufnahmen erzählen die Filmemacher Elsa Kremser und Levin Peter die Geschichte der sowjetischen Kosmologie, in der Straßenhunde auch nach Laika eine wichtige Rolle spielten. Mit Schläuchen im Bauch und Beruhigungsmitteln im Blut werden sie als Raumfahrer zwangsrekrutiert und einer technisch-instrumentellen Vernunft unterworfen, die um den Preis des Verstehens das Leben schwächerer Geschöpfe opfert.

Befreit kehrt der Zuschauer auf die Straßen Moskaus zurück, ins Leben. Dort passiert nicht viel, es geht nur immer weiter, auf der Suche nach Abfall, den man fressen kann. Während das forschende Interesse nachlässt, der Erwartungsdruck nach einer Handlung allmählich schwächer wird, wächst Gras zwischen dem Beton. Der Film, der als Kritik des Anthropozentrismus begann, endet als Road Movie.

© SZ vom 26.09.2020

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