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"Sorry We Missed You" im Kino:Eine Prise Sklaverei

Szene aus "Sorry We Missed You".

Ricky (Kris Hitchen) mit seiner Tochter Liza Jane (Katie Proctor) in "Sorry We Missed You".

(Foto: Sixteen Films)

Regieveteran Ken Loach erzählt in seinem Sozialdrama "Sorry We Missed You" von den Leiden einer Arbeiterfamilie in Newcastle.

Von Susan Vahabzadeh

Ken Loach ist 83 Jahre alt, und seine Filme sind auch immer ein Lehrstück über das Altwerden. Sie erzählen selten von der Vergangenheit, und wenn sie es tun, verklären sie nichts. Mit "Sorry We Missed You" ist er ganz nah dran an der Gegenwart. "I, Daniel Blake", vor drei Jahren in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, handelte von Arbeitslosen, und die Recherche hat ihm und seinem Drehbuchautor Paul Laverty dann gleich die Idee für den nächsten Film geliefert. Bei einer kostenlosen Essensausgabe trafen sie Leute, die arbeiten und sich ihr Leben immer noch nicht leisten können.

Es geht hier um die sogenannten "Subunternehmer" der modernen Wirtschaft, um einen Mann, der für einen Lieferdienst schuftet - "Sorry We Missed You" ist somit ein Film über die Schattenseiten des Onlinehandels: Wo sich so viele Waren für so wenig Geld hin und her bewegen, ist irgendjemand geliefert.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist der Filmemacher Ken Loach der Chronist der britischen Arbeiterklasse, Labour-Mann durch und durch, privat und hinter der Kamera. Ken Loachs Filme sind mit den Jahren nicht weicher geworden, sondern eher härter, aber das liegt vielleicht nicht an ihm, sondern an der Welt; die Sanftheit, mit der er seine Protagonisten betrachtet, ist aber immer noch dieselbe. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty hat er immer wieder hinreißende Figuren erschaffen, unbeholfen, manchmal verzweifelt, rührend.

Um die Kinder können sie sich kaum kümmern, die Familienkrise lässt nicht lange auf sich warten

Wie nahe einem diese Figuren gehen, das liegt zum Teil an der Methode, mit der Loach seit 27 Kinofilmen arbeitet. Er filmt chronologisch, oft mit Laien, und bevor eine Szene abgedreht ist, kennt keiner von ihnen die nächste. In "Sorry We Missed You" sind die Hauptdarsteller eigentlich ein Klempner und eine Lehrerin, aber sie spielen trotzdem großartig: Abbie (Debbie Honeywood) und Ricky (Kris Hitchen).

Er ist ein bisschen naiv, und sie ist die süßeste, hingebungsvollste Altenpflegerin, die man sich vorstellen kann. Sie haben zwei Kinder und wohnen in einem kleinen Haus in Newcastle, und sie haben keine großen Erwartungen ans Leben. Sie wollen einigermaßen angstfrei sein dürfen und ihre Kinder und einander gelegentlich auch sehen. Von der Finanzkrise 2008 haben sie sich nur schlecht erholt, aber nun glaubt Ricky, er habe den perfekten Ausweg gefunden.

Flexibel! Frei! Ricky ist auf die trügerischen Sprüche hereingefallen, mit denen ihm ein Job angedreht wird, in dem er die gesamte Flexibilität mitzubringen hat, und der ihm alle Freiheit nimmt. Ricky hat das letzte Geld der Familie in einen Lieferwagen investiert. Nun arbeitet er für einen Zustelldienst als Subunternehmer. "Du arbeitest nicht für uns", sagt Maloney, der ihm die Strecke zuteilt, "sondern mit uns."

Er hofft natürlich, sich damit ein wenig Unabhängigkeit verdienen zu können, aber das Gegenteil ist der Fall. Alles, was er tut, wird kontrolliert, der Scanner, den er bei sich trägt, legt Rechenschaft ab über jeden Moment seines Tages. Er hätte aber sowieso für nichts anderes Zeit. Es sind viel zu viele Pakete in seinem Lieferwagen, er schafft es nicht, sie in einer halbwegs vertretbaren Arbeitszeit auszufahren. Und wenn er krank wird, hat er nicht nur den Verdienstausfall selbst zu tragen, der Chef, der doch angeblich keiner ist, wird auch noch fuchsteufelswild. Bald ist klar, der neue Job vereint alle Nachteile des Freiberuflertums mit denen eines Angestelltenverhältnisses und würzt das Ganze noch mit einer Prise Sklaverei. Auch Abbies Arbeit wird unerträglich.

Sie pflegt die Leute ambulant, fährt von Haus zu Haus, aber die Wege darf sie nicht abrechnen. Für den Lieferwagen hat Ricky ihren Wagen versetzen müssen, und nun fährt sie mit dem Bus. Jetzt kommt also auch sie erst spät am Abend nach Hause. Um die Kinder können sich die beiden nicht mehr ausreichend kümmern, die Familienkrise lässt nicht lange auf sich warten. Vor Abbie und Ricky liegt ein Tunnel, und am Ende ist kein Licht, nur geplatzte Träume.

Der Brexit kommt in der Geschichte nicht vor, obwohl der Film in einer Zeit entstanden ist, als er in Großbritannien Dauerthema war. Auf welcher Seite der Debatte stünden Abbie und Ricky? Vielleicht auf keiner. Als Rassisten kann man sich die beiden nicht vorstellen, aber ansonsten könnte man ihnen viel erzählen. Um herauszufinden, ob die EU sie um ihre Rechte als Arbeitnehmer gebracht hat, hätten sie schlicht keine Zeit.

Sorry We Missed You, Großbritannien 2019 - Regie: Ken Loach. Drehbuch: Paul Laverty. Kamera: Robbie Ryan. Mit: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster. NFP Filmwelt, 100 Minuten.

© SZ vom 30.01.2020
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