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Berlinale:Preise für chinesisches Drama als politisches Statement

Das empfindet auch François Ozon so, der den großen Preis der Jury für "Gelobt sei Gott" gewann. Darin arbeitet er den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche von Lyon auf. Ein Thema, das in Frankreich lange totgeschwiegen wurde, und das er unbedingt in den öffentlichen Diskurs bringen wollte.

Die Darstellerpreise gingen an die chinesische Schauspielerin Yong Mei und ihren chinesischen Kollegen Wang Jingchun für ihre Auftritte in "So long, my son". Darin spielen sie ein Paar, das seinen Sohn verliert. Ein berührendes Familiendrama, aber auch eine kritische Aufarbeitung der letzten 30 Jahre Chinas. Der Film zeigt, welchen Preis die Menschen in der Provinz seit der Kulturrevolution für die politischen Weltmachtambitionen der Kommunistischen Partei zahlen.

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Dass der Film diese beiden Preise gewann, kann man auch als politisches Statement der Jury lesen. Denn ein anderer chinesischer Wettbewerbsbeitrag wurde noch während der Festivals zurückgezogen. Angeblich wegen "technischer Probleme", aber viele Beobachter witterten eher Schwierigkeiten mit der chinesischen Zensur. Umso wichtiger, dass "So long, my son" es nach Berlin geschafft hat und dort ausgezeichnet werden konnte.

Während "Der goldene Handschuh" von Fatih Akin bei der Verleihung leer ausging, gewannen die anderen beiden deutschen Wettbewerbsbeiträge. Nora Fingscheidt bekam für ihr Spielfilmdebüt "Systemsprenger" über ein Pflegekind den Alfred-Bauer-Preis. Und Angela Schanelec, eine der rigorosesten Vertreterinnen der Berliner Schule, bekam den Silbernen Bären für die beste Regie für ihr Drama "Ich war zuhause, aber".

Und der Goldene Bär für den besten Film? Ging tatsächlich an den besten Film. Der israelische Regisseur Nadav Lapid erzählt in seiner Tragikomödie "Synonymes" von einem jungen Mann, Yoav (Tom Mecier), der nach seinem Militärdienst von Tel Aviv nach Paris flieht. Dort lernt er wie besessen Französisch, weil er nie wieder Hebräisch sprechen möchte. Er hat einen solchen Hass auf seine Heimat entwickelt, dass er einen regelrechten Herkunftsexorzismus betreibt, um sich vom Israeli in einen Franzosen zu verwandeln.

Das inszeniert Nadav Lapid, der in den Neunzigern selbst nach Frankreich auswanderte, mit viel Ernst für die Sache, aber auch mit viel Humor. Der Film spielt mit kleinen Verneigungen vor den Klassikern des französischen Kinos. "Der letzte Tango in Paris", "Jules und Jim", die großen erotischen Urkonstellationen aus der Ära der Nouvelle Vague werden heraufbeschworen, wenn Yoav sich auf eine Ménage-à-trois mit einem hübschen Pariser und einer hübschen Pariserin einlässt, die ihn in ihrer luxuriösen Altbauwohnung aufnehmen.

Aber der Regisseur dekonstruiert die alten Traumbilder und Verheißungen. Die romantische Sehnsucht und Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre hat in dieser Welt keinen Platz mehr. Nationale Identitäten und klassische Geschlechterrollen sind in einer ideologischen Sackgasse angekommen. Die alteingesessenen Pariser ersticken an ihrer ererbten Dekadenz, die Zugezogenen jagen einem Paris nach, das es nicht mehr gibt, oder, noch wahrscheinlicher, nie gegeben hat. Und obwohl Nadav Lapid mit großer Ironie die frankophilen Sehnsüchte zersägt, bleibt am Ende doch eine der alten Lehren des französischen Kinos. Man kann vor allem fliehen - nur nicht vor sich selbst.

Normalerweise ist der Goldene dann auch der letzte Bär, der am Abschlussabend verliehen wird. Aber ausnahmsweise hatte Juliette Binoche noch einen monströsen Plüschteddy zu überreichen. Und zwar an Dieter Kosslick, den nach 18 Jahren aus dem Amt scheidenden Berlinale-Direktor. Ab dem kommenden Jahr übernehmen die Niederländerin Mariette Rissenbeek und der Italiener Carlo Chatrian als Doppelspitze das größte deutsche Filmfestival.

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