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Berlinale:Am Ende gewinnt tatsächlich der beste Film

Viel wurde auf dieser Berlinale diskutiert, ob Netflix-Produktionen in den Wettbewerb gehören. Doch dann ging der Goldene Bär verdient an den klassischen Kinofilm "Synonymes".

Die Sexszene mit dem Tintenfisch ist einer der Momente, der von dieser Berlinale in Erinnerung bleiben wird. Gedreht hat die Sequenz die katalanische Regisseurin Isabel Coixet für ihr Liebesdrama "Elisa y Marcela", das mit 15 anderen Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrierte. Darin geht es um zwei junge Frauen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in einer galizischen Klosterschule kennenlernen, ineinander verlieben und eine Beziehung beginnen - ein Skandal für die erzkatholische Landbevölkerung.

Jedenfalls zieht eines der Mädchen beim Liebesspiel plötzlich einen toten, glitschigen Tintenfisch aus der Wanne und klemmt ihn zwischen sich und ihre Partnerin, während sie sich gegenseitig die Brüste streicheln. Das ist einer dieser typischen Festivalmomente, die es, neben vielen guten Filmen, auch auf der Berlinale jedes Jahr wieder gibt: Eine Regisseurin oder ein Regisseur schießt beherzt übers Ziel hinaus und die Kinozuschauer wissen nicht mehr, ob sie lachen oder vor Fremdscham in ihren Sesseln versinken sollen.

Aber noch aus einem anderen Grund wird "Elisa y Marcela" in die Berlinale-Annalen eingehen. Der Film war die erste Eigenproduktion des Streamingdienstes Netflix, die in den Hauptwettbewerb eingeladen wurde. Das führte während des Festivals zu Protesten von deutschen Kinobetreibern, die argumentieren, dass ein staatlich subventioniertes Kulturereignis wie die Berlinale nicht den Verlockungen der amerikanischen Online-Medien verfallen dürfe. Stattdessen müsse die Kinokunst beschützt werden.

Das ist ein nachvollziehbarer Wunsch. Aber es wäre realitätsfremd, wenn die deutsche Festivalbranche nicht auf die tektonischen Verschiebungen in der Unterhaltungsindustrie reagieren würde. Weshalb es, Tintenfisch hin, Tintenfisch her, schon richtig war, diesen Film ins Programm aufzunehmen. Für Berlin wird es ohne Netflix, Amazon und Co. künftig schwer werden, ein Wettbewerbsprogramm zusammenzustellen.

Denn die Streamingdienste haben mittlerweile nicht mehr nur die großen Regiestars unter Vertrag, sondern mit Künstlerinnen wie Isabel Coixet eben auch viele Filmemacher aus der Regie-Mittelschicht. Das gilt auch für Deutschland. Während der Berlinale kündigte allein Netflix drei weitere deutsche Spielfilm-Eigenproduktionen an.

Außerdem muss sich schließlich nicht nur die deutsche Filmbranche mit Netflix arrangieren, sondern auch umgekehrt. In die letzten Festivaltage fiel die Nachricht, dass das Unternehmen nach jahrelangem Streit künftig in die deutsche Filmförderung einzahlen wird. Darauf einigten sich Netflix und die deutsche Filmförderungsanstalt (FFA), wie eine Sprecherin der FFA der Welt bestätigte. Alle Firmen, die in Deutschland mir der kommerziellen Auswertung von Filmen Geld verdienen, müssen in den FFA-Topf einzahlen. Dass Netflix die hiesige Branche nicht mehr nur durch direkte Investitionen in eigene Filme, sondern auch durch indirekte Abgaben unterstützt, ist eine der guten Nachrichten dieses Festivals. Denn sie hat Signalwirkung. Zum Beispiel für andere US-Großunternehmen wie Google und Apple, die ebenfalls in den umkämpften Markt für Eigenproduktionen einsteigen.

Für das beste Drehbuch wurde Mafiakritiker Roberto Saviano geehrt

Bei der Preisverleihung am Samstag im Berlinale-Palast gab es aber keine weiteren Diskussionen um Streaming, und "Elisa y Marcela" ging leer aus. Stattdessen tat die internationale Jury um Jurypräsidentin Juliette Binoche etwas, das man von Filmfestivals fast schon nicht mehr gewöhnt ist: Sie zeichnete treffsicher die besten Beiträge aus.

Für das beste Drehbuch wurde der italienische Mafiakritiker Roberto Saviano geehrt, gemeinsam mit seinen Koautoren Maurizio Braucci und Claudio Giovannesi. Sie erzählen in ihrem Thriller "La paranza dei bambini" von desillusionierten Jugendlichen in Neapel, die ins organisierte Verbrechen abgleiten. Der Film ist ein Krimi, aber auch ein Protest gegen die italienische Politik, welche die Teenager alleine lässt. "In unserem Land die Wahrheit zu sagen, ist sehr komplex geworden", sagte Saviano auf der Bühne.

Preise für chinesisches Drama als politisches Statement

Das empfindet auch François Ozon so, der den großen Preis der Jury für "Gelobt sei Gott" gewann. Darin arbeitet er den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche von Lyon auf. Ein Thema, das in Frankreich lange totgeschwiegen wurde, und das er unbedingt in den öffentlichen Diskurs bringen wollte.

Die Darstellerpreise gingen an die chinesische Schauspielerin Yong Mei und ihren chinesischen Kollegen Wang Jingchun für ihre Auftritte in "So long, my son". Darin spielen sie ein Paar, das seinen Sohn verliert. Ein berührendes Familiendrama, aber auch eine kritische Aufarbeitung der letzten 30 Jahre Chinas. Der Film zeigt, welchen Preis die Menschen in der Provinz seit der Kulturrevolution für die politischen Weltmachtambitionen der Kommunistischen Partei zahlen.

Dass der Film diese beiden Preise gewann, kann man auch als politisches Statement der Jury lesen. Denn ein anderer chinesischer Wettbewerbsbeitrag wurde noch während der Festivals zurückgezogen. Angeblich wegen "technischer Probleme", aber viele Beobachter witterten eher Schwierigkeiten mit der chinesischen Zensur. Umso wichtiger, dass "So long, my son" es nach Berlin geschafft hat und dort ausgezeichnet werden konnte.

Während "Der goldene Handschuh" von Fatih Akin bei der Verleihung leer ausging, gewannen die anderen beiden deutschen Wettbewerbsbeiträge. Nora Fingscheidt bekam für ihr Spielfilmdebüt "Systemsprenger" über ein Pflegekind den Alfred-Bauer-Preis. Und Angela Schanelec, eine der rigorosesten Vertreterinnen der Berliner Schule, bekam den Silbernen Bären für die beste Regie für ihr Drama "Ich war zuhause, aber".

Und der Goldene Bär für den besten Film? Ging tatsächlich an den besten Film. Der israelische Regisseur Nadav Lapid erzählt in seiner Tragikomödie "Synonymes" von einem jungen Mann, Yoav (Tom Mecier), der nach seinem Militärdienst von Tel Aviv nach Paris flieht. Dort lernt er wie besessen Französisch, weil er nie wieder Hebräisch sprechen möchte. Er hat einen solchen Hass auf seine Heimat entwickelt, dass er einen regelrechten Herkunftsexorzismus betreibt, um sich vom Israeli in einen Franzosen zu verwandeln.

Das inszeniert Nadav Lapid, der in den Neunzigern selbst nach Frankreich auswanderte, mit viel Ernst für die Sache, aber auch mit viel Humor. Der Film spielt mit kleinen Verneigungen vor den Klassikern des französischen Kinos. "Der letzte Tango in Paris", "Jules und Jim", die großen erotischen Urkonstellationen aus der Ära der Nouvelle Vague werden heraufbeschworen, wenn Yoav sich auf eine Ménage-à-trois mit einem hübschen Pariser und einer hübschen Pariserin einlässt, die ihn in ihrer luxuriösen Altbauwohnung aufnehmen.

Aber der Regisseur dekonstruiert die alten Traumbilder und Verheißungen. Die romantische Sehnsucht und Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre hat in dieser Welt keinen Platz mehr. Nationale Identitäten und klassische Geschlechterrollen sind in einer ideologischen Sackgasse angekommen. Die alteingesessenen Pariser ersticken an ihrer ererbten Dekadenz, die Zugezogenen jagen einem Paris nach, das es nicht mehr gibt, oder, noch wahrscheinlicher, nie gegeben hat. Und obwohl Nadav Lapid mit großer Ironie die frankophilen Sehnsüchte zersägt, bleibt am Ende doch eine der alten Lehren des französischen Kinos. Man kann vor allem fliehen - nur nicht vor sich selbst.

Normalerweise ist der Goldene dann auch der letzte Bär, der am Abschlussabend verliehen wird. Aber ausnahmsweise hatte Juliette Binoche noch einen monströsen Plüschteddy zu überreichen. Und zwar an Dieter Kosslick, den nach 18 Jahren aus dem Amt scheidenden Berlinale-Direktor. Ab dem kommenden Jahr übernehmen die Niederländerin Mariette Rissenbeek und der Italiener Carlo Chatrian als Doppelspitze das größte deutsche Filmfestival.

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