Die Feministin bell hooks ist tot:Die Liebe lehren und lernen

Die Feministin bell hooks ist tot: Den Blick der herrschenden Klassen erwidern: bell hooks.

Den Blick der herrschenden Klassen erwidern: bell hooks.

(Foto: Karjean Levine/Getty Images)

Den Blick der herrschenden Klassen erwidern: Zum Tod der amerikanischen Feministin und Rassismusforscherin bell hooks.

Von Marie Schmidt

In deutscher Sprache wird sie gerade erst entdeckt. Seit zwei Jahren und verstreut in verschiedenen Verlagen erscheinen jetzt Übersetzungen der Bücher von bell hooks. In den USA sind sie schon lange Klassiker der Theorie des Rassismus und des feministischen Schreibens. Jüngere Schriftstellerinnen und Autoren, besonders solche, die über ihren Standpunkt am Rand der kulturell dominanten Gesellschaft nachdenken, erzählen immer wieder, wie bell hooks ihnen des Weg bereitet hat.

Als sie ihre Laufbahn als Schriftstellerin und Hochschullehrerin begann, schrieb die 1952 geborene hooks in eine Kultur hinein, die viel selbstverständlicher als heute weiß, männlich und auf die konsumierende Klasse konzentriert war. Diese Selbstverständlichkeit hat bell hooks Buch um Buch in sich zusammenfallen lassen. Sehr freundlich, ohne Bitternis, durch einen geraden, offenen Blick.

Mit 19 Jahren, noch als Studentin in Stanford, skizzierte sie ihren grundlegenden Essay "Ain't I A Woman? Black Women and Feminism", für den sie sich den Titel der ikonischen Rede der Abolitionistin Sojourner Truth lieh. Ihre Schulzeit hatte hooks in Kentucky zeitweise noch in segregierten Schulen verbracht, der Übergang in "integrierte" Klassen muss ihre Wahrnehmung rassistisch grundierter Unterschiede noch geschärft haben.

Die Kritik traf den weißen, bildungsbürgerlichen Feminismus ihrer Zeit

Unter dem Namen ihrer Urgroßmutter mütterlicherseits - in Kleinschreibung, um sich als Jüngere nachzuordnen - veröffentlichte die als Gloria Jean Watkins geborene bell hooks 1981 ihr "Ain't I A Woman?". Sie beschreibt darin, wie die Sklaverei Frauen nicht nur ökonomisch und physisch, sondern auch sexuell ausgebeutet hatte und wie ihre Rolle als Unterste der Unteren die Teilhabe schwarzer Frauen an Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegungen noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein lähmte.

Die in dieser Bestandsaufnahme enthaltene Kritik traf die Frauenbewegung ihrer Zeit - so getrieben sie war, von weißen, bildungsbürgerlichen Frauen, die ihre Solidarität mit den rassistisch Deklassierten und den Armen ihrem persönlichen Kampf um gleiche Chancen unterordneten. Einige Jahre später benutzte Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal das Wort "Intersektionalität", das heute für die Wechselwirkungen rassistischer, sexistischer und ökonomischer Ungerechtigkeiten steht. Aber auch ohne den Begriff beschrieb bell hooks schon, wie sich verschiedene kulturell eingefahrene Machtunterschiede gegenseitig stabilisieren.

Währenddessen lehrte sie an verschiedenen Hochschulen, in Yale, am Oberlin College und zuletzt an der Berea-Hochschule in Kentucky, die ihren Studierenden nicht die sonst in den USA üblichen horrenden Studiengebühren abverlangt. Von ihrer Überzeugung von Bildung und Lehre als emanzipatorischer und auch als ethischer Praxis handeln manche ihrer Bücher.

Was wir für Liebe halten, hat mehr mit Arbeit und Kontrolle zu tun

Die Symptome gesellschaftlicher Diskriminierung machte sie indessen auch in Filmen, Romanen, überhaupt Erzählungen aus, die für Schwarze nur wenige Rollenmuster übrig hatten und sie mit einem "weißen Blick" belegen. Einige ihrer beeindruckendsten Essays handeln von dem Schock des weißen Publikums, wenn ihm dieser Blick in den Kunstwerken schwarzer Autorinnen und Filmemacher als herabwürdigend und bedrohlich gespiegelt wird. Wenn "Weißsein" als Kategorie erst mal benannt wird.

Den Blick der herrschenden Klassen erwidern, zurückschauen, ist die kritische und kämpferische Idee von bell hooks. Heute wird sie selbstbewusst verwirklicht, in Fernsehserien wie "Dear White People", in den ihrerseits scharf kritisierten akademischen Critical Whiteness Studies, in Büchern und Coachingangeboten gegen die "White Fragility". bell hooks ist gewissermaßen die Klassikerin hinter alldem - und wie viele Klassiker vorsichtiger und differenzierter als vieles, was nach ihr kam.

In deutscher Übersetzung kam erst in diesem Sommer das Buch "Alles über Liebe" heraus, im Original aus dem Jahr 2000, das als unsaubere Mischung aus Memoir, Selbsthilfebuch, akademischem Essay und spiritueller Meditation auf dem distinktionsbewussten deutschen Buchmarkt ein Kuriosum ist.

Was wir gemeinhin für Liebe halten, sagt bell hooks darin, sei oft nur das willige Ableisten gesellschaftlicher Rollenerwartung. Fürsorgearbeit und Abhängigkeit werden als Liebe missverstanden. Die wahre Liebe müsse ein Handeln sein, das das eigene Recht und das des Anderen auf Freiheit und die bestmögliche Entfaltung seiner Möglichkeiten zum Ziel hat. Nur begünstige eben die patriarchale Ordnung eher gegenseitige Kontrolle und Machtausübung. Details dazu sind zu erwarten im demnächst auf Deutsch erscheinenden "Männer, Männlichkeit und die Liebe. Der Wille zur Veränderung".

Das Tempo, mit dem diese Veränderung Fahrt aufnimmt, müssen nun ihre Schüler beschreiben. bell hooks ist im Alter von 69 Jahren in Kentucky gestorben.

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