bedeckt München 17°

Şeyda Kurts Buch "Radikale Zärtlichkeit - Warum Liebe politisch ist":Giftige Romantik

Barbie Börse in München, 2014

Leiden für die Liebe: Hausfrauen-Barbie aus den Fünfzigerjahren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Şeyda Kurt plädiert in ihrem Buch "Radikale Zärtlichkeit" für die Entzauberung der Liebe und fordert mehr Unruhe im Beziehungsleben. Gut so.

Von Elisabeth Gamperl

Liebe gilt für viele als sinnstiftend, als glückliches Ende einer Suche. Eine romantische Beziehung, so das herkömmliche Bild, ist monogam und harmonisch. Sie ist das, was uns alle froh machen soll und wofür es sich zu leben lohnt. All you need is love.

Von wegen. Şeyda Kurt sieht es anders. Für sie sind Liebe und Paarbeziehungen grotesk überladen. In ihrem Buch "Radikale Zärtlichkeit - warum Liebe politisch ist" beschreibt Kurt Liebe als unpräzise Worthülse, die mit ritualisierten Sprüchen und Verhaltensweisen aufgeladen ist und uns dadurch davon abhält, mit dem Partner oder der Partnerin in aufrichtige Verhandlung zu treten. Liebesbeziehungen seien in Gedankenkorsette gezwängt, die uns bürgerliche Wertevorstellungen aufzwingen. Şeyda Kurt fordert die Leserinnen und Leser in ihrem Buch deshalb heraus, den Begriff Liebe als solchen abzuschaffen, um so neue Konzepte von Intimität zuzulassen.

Die Kolumnistin und Journalistin Kurt schlüsselt in neun Kapiteln auf, wie stark unsere Beziehungen von Machtverhältnissen und Unterdrückungsmechanismen beeinflusst werden. Es sei ein Mythos, schreibt sie, dass sich durch romantische Beziehungen finanzielle Nöte auflösen oder man sich darin automatisch über Sexismus oder Rassismus hinwegsetzt. Um Paare spanne sich kein Netz, das politische Strukturen auffängt und sie unwirksam macht. Beziehungen seien vielmehr eine politische Praxis im Kleinen. Gerade deshalb sollten wir sie einem Gerechtigkeitstest unterziehen.

Für Frauen ist eine romantische Zweierbeziehung noch immer oft mit Abhängigkeit und Hausarbeit verbunden

Viele Menschen ertragen der Liebe wegen traditionelle Rollenaufteilungen oder körperliche wie psychische Gewalt, weil Liebe, so die Autorin, noch immer als höhere Macht angesehen werde. Für Frauen beispielsweise ist eine romantische Zweierbeziehung oftmals mit Abhängigkeit und Hausarbeit verbunden. Doch warum eigentlich? "Wir leiden für die romantische Liebe. Die Liebe rechtfertigt alles, denn sie ist heilig." Sie nennt diese Überzeugung "toxische Romantik".

"Radikale Zärtlichkeit" beleuchtet den modernen Mythos Liebe in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen. Kurt verwebt dabei in ihren Ausführungen Theorien und geschichtliche Zusammenhänge und nimmt Bezug auf Philosophen wie Platon, Erich Fromm oder die Soziologin Eva Illouz und auf die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Feministin bell hooks, die sich in ihrem viel diskutierten Buch "Alles über die Liebe" im Jahr 2000 ganz ähnlich dem Thema näherte wie Şeyda Kurt.

Auch hooks betont, dass es in unserer Gesellschaft leichtfällt, über den Verlust von Liebe zu sprechen oder dem Schmerz oder die Abwesenheit von Liebe in Worte zu fassen. Ungleich schwerer sei es, die Gegenwärtigkeit von Liebe in unserem Leben zu ermitteln. Der Grund dafür sei unter anderem, dass niemand uns beigebracht habe, wie lieben eigentlich funktioniere.

Stattdessen, so der Vorwurf Kurts, benutzen wir das jeweilige Gegenüber oftmals als Projektionsfläche des eigenen Selbst, ohne sich wirklich mit ihr oder ihm auseinanderzusetzen. "Würde ich ihm Schwächen zugestehen, müsste ich damit zurechtkommen, dass der Mensch, dem ich nahe sein will, sich wandelt, sich hinterfragt, strauchelt und mit sich bricht. Ich müsste ihn sprechen lassen, aufrichtig zuhören, wirklich zuhören."

Şeyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit - Warum Liebe politisch ist. Harper Collins, Hamburg 2021. 223 Seiten, 18 Euro.

Und dieses Zuhören, so Kurt, gelinge vor allem mit einem sprachlichen Neuanfang. Das Wort Zärtlichkeit solle ihrer Meinung nach dem bedeutungsschwangeren "Ich liebe dich" weichen. Denn zärtlich sein und zärtlich handeln bedeute, dass es ein produktives, bejahendes, behutsames Miteinander geben müsse.

Die Autorin scheut sich dabei nicht, ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen zu lassen. So beschreibt sie etwa den Schock über die Trennung ihrer Eltern als Teenager und lässt die Leserinnen und Leser daran teilhaben, wie sie sich zusammen mit ihrem Partner schrittweise von der monogamen Beziehung verabschiedete. Ihr geht es bei dieser Einsicht aber keineswegs darum, dass sich fortan alle Menschen für offene Beziehungen entscheiden. Sie kritisiert das allgegenwärtige Monogamiekonzept unter anderem aber deshalb, weil es nicht erlaube, sich selbst zu fragen, welche Arten von Verbundenheit, von Intimität, von Erotik und Zärtlichkeit für einen selbst wirklich infrage kämen. Außerdem sollten romantische Beziehungen und Blutsverwandtschaft nur eine von vielen Antworten auf die Frage sein, wie wir unsere Zukunft mit anderen Menschen planen.

Immer wieder hinterfragt sie in den einzelnen Kapiteln auch ihre eigenen Privilegien und Erfahrungen, ganz so, als müsse sie sich mittendrin neu ordnen.

Der Wert meines Gegenübers misst sich nicht an seinem beruflichen Erfolg

Mit Beispielen wie dem rechten Terroranschlag in Hanau zeigt sie, welche Kräfte in Beziehungen einwirken: "Nach dem Anschlag hatte ich das Gefühl, dass mein Partner und ich nicht in einer gemeinsamen Welt lebten, dass wir einander fremd sind, dass zwischen uns eine Kluft des Nichtverstehens liegt." Ihr Partner hatte an dem Abend den Anschlag nicht mitbekommen, weil er wie viele Menschen in Deutschland Karneval feierte. Es sei "ein Zeugnis seines Privilegs als nicht von Rassismus betroffener Mensch, in einem Kreis unterwegs zu sein, in den solche Nachrichten nicht wie Gift hineinsickern". Sie selbst bezeichnet sich im Buch als "rassifizierte" Person, also als jemanden, so wie sie es formuliert, die aufgrund verschiedener Merkmale einer Gruppe zugeordnet wird und deshalb Rassismus erfährt.

Stilistisch nutzt ihr Buch unterschiedliche Formen. Es gibt etwa ein fiktives Zwiegespräch mit Karl Marx oder einen Mailverlauf mit der feministischen Philosophin Silvia Federici, in dem es darum geht, ob Liebe in einer postkapitalistischen Gesellschaft überhaupt noch existieren kann (ihre erwartbare Antwort: ja, aber anders). Außerdem gibt Kurt in einem "Alphabet der Zärtlichkeit" Handlungsempfehlungen. Etwa unter F wie Faulheit: Der Wert meines Gegenübers misst sich nicht an seinem beruflichen Erfolg. Oder unter G wie glauben: "Ich glaube dir. Punkt".

Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Seine Stärke liegt in der Subjektivität der Autorin. Şeyda Kurt stellt nicht den Anspruch, die große Wahrheit darstellen zu wollen. Sie versucht gar nicht erst, die neutrale Mitte vorzugaukeln, stattdessen ist "Radikale Zärtlichkeit" eine wertvolle Beigabe in den gesellschaftlichen Bewusstseinspool.

Die schlechte Nachricht des Buches ist: Wir müssen in unserem Beziehungsleben Unordnung stiften. Daraus folgt aber die gute Nachricht: Wenn wir uns eingestehen, dass das eigene Privatleben politisch ist, dann machen wir es verhandel- und änderbar. Und vielleicht sogar ehrlicher.

© SZ/crab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema