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Schwerpunkt: Männlichkeit in der Literatur:Der Superhelden-Crashkurs

Männlichkeit in der Literatur

Der Titel "Der Feminist" klingt vielversprechend, aber leider demonstriert Ivàn Repila damit nur, dass immer noch das Missverständnis besteht, die Befreiung der Frau bedeute eine Befreiung vom Mann.

(Foto: Jasper Graetsch via Unsplash)

Wie sehr kann ein feministisch gemeinter Roman über Geschlechtergerechtigkeit schiefgehen? Sehr, wie "Der Feminist" von Iván Repila beweist.

Von Nora Noll

Es gibt Männer, die "helfen im Haushalt", posten den Hashtag "#notallmen" unter Berichte von sexualisierter Gewalt und interessieren sich für Frauenrechte, sobald sie eine Tochter haben. Kein Wunder, dass sich manche radikalfeministische Gruppe nicht auf männliche Solidarität verlässt. "Alle Männer sind Feinde" war einer der Slogans radikaler Feministinnen der Sechzigerjahre, die US-amerikanische Redstockings-Bewegung erklärte in ihrem Manifest die "male supremacy" zum Ursprung aller Unterdrückung. Und politische Lesben des Second-wave-Feminismus beschränkten ihre romantischen und sexuellen Verhältnisse aus politischer Überzeugung auf Frauen, um das Diktat der Heterosexualität aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Ein Höhepunkt der geschlechts-separatistischen Überzeugung war das "SCUM Manifesto", in dem Valerie Solanas 1967 eine aus den Ruinen des Patriarchats erwachsende, männerfreie Utopie entwarf.

Auch der spanische Autor Iván Repila scheint der Vorstellung einer dialektischen Überwindung des Patriarchats anzuhängen. In seinem Buch "Der Feminist" durchläuft der Ich-Erzähler einen feministischen Crashkurs bei seiner Freundin. Vollkommen geflasht von der Omnipräsenz alltäglicher und struktureller Sexismen sucht er nach einem politischen Ausweg. Seine Lösung: Frauen müssen endlich der jahrhundertelang angestauten Wut auf Männer Luft machen. Er zettelt einen Kampf der Geschlechter an, es kommt zur heilsbringenden Revolution. Und der "Feminist" wird zu einem Oxymoron - einem feministischen Superhelden.

Ein Buch zu männlichem Feminismus könnte gerade zur richtigen Zeit kommen. Nachdem dieses Jahr sogar im deutschen Privatfernsehen die Entertainer Joko und Klaas kostbare Sendezeit dem Thema Misogynie und Gewalt gegen Frauen widmeten, wäre eine literarische Vision zur konkreten feministischen Aktion von Männern ein plausibler Schritt. Der Titel "Der Feminist" klingt vielversprechend, aber leider demonstriert Repila damit nur, dass außerhalb einer bestimmten Bubble immer noch das Missverständnis besteht, die Befreiung der Frau bedeute eine Befreiung vom Mann. Weil er dieser Logik verhaftet bleibt, muss sein feministischer Protagonist in letzter Konsequenz an dem Paradox seiner Existenz zu Grunde gehen.

Warum sollten sich schwarze Frauen von schwarzen Männern abwenden wollen?

Den meisten Feministinnen geht die Abschaffung des Mannes indes zu weit - und am Thema vorbei. Zu wichtig sind dann doch die Freunde, Söhne, Brüder, geliebten Männer. Die gesellschaftliche Spaltung in unterdrückte Frauen und unterdrückende Männer liegt vielleicht im Trend, zur Geschlechtergerechtigkeit trägt sie aber nichts bei, zumal sie andere, ebenso relevante Hierarchien verdeckt. Die afroamerikanische Autorin und Feministin Bell Hooks hat schon 1981 mit ihrem berühmten Buch "Ain't I a woman" auf die Intersektion von Feminismus und Rassismus hingewiesen: Sie als schwarze Frau sei in dem universalistischen "Frau" weißer Feministinnen nicht mitgemeint. Und in "Feminist Theory. From Margin to Center" machte sie 1984 deutlich, dass die Ablehnung des Mannes nicht die Lösung sein konnte: Wieso sollten sich schwarze Frauen von schwarzen Männern abwenden, mit denen sie gegen Jim Crow auf die Straße gegangen waren? Profitiert ein Arbeiter wirklich genauso vom System männlicher Vorherrschaft wie sein reicher Chef? Und lenkt die Konfrontation gegen Männer weiße, privilegierte Frauen nicht von ihrer Verantwortung in einer rassistischen Gesellschaft ab?

Queeren Identitäten wird die binäre Kampflogik erst recht nicht gerecht. Anstatt also essenzialistisch an einem Konflikt zwischen "dem Mann" und "der Frau" festzuhalten, will der neuere Feminismus heute für alle da sein. Er interessiert sich selbstverständlich auch für das cis-männliche Wohlbefinden. Eine ganze Reihe von Büchern der letzten Zeit, wie etwa "Boys don't cry" von Jack Urwin, legt den Fokus auf die Verletzungen, die ein Zwang zur Männlichkeit hinterlassen kann.

Die Hauptfigur von "Der Feminist" dagegen entkommt seiner männlichen Sozialisierung nicht. Er streitet mit seinen Verwandten über Feminismus, kommt aber nicht auf die Idee, seine Mutter bei der Sorgearbeit zu entlasten. Stattdessen analysiert er von oben herab: "Doch sie weiß nicht, dass sie betrogen wurde. Dass man ihr eingeredet hat, Mutter und Gattin und Hausfrau zu sein, sei ihr Traum." Er hat Begriffe wie "mansplaining" verinnerlicht, aber hört nicht auf, die Frauen in seinem Umfeld wie ein Marionettenspieler zu behandeln. Er schreckt um seines Plans willen nicht einmal vor frauenfeindlichen Aktionen und Gewalt zurück.

Iván Repila: Der Feminist. Roman. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Suhrkamp, Berlin 2020. 216 Seiten, 16 Euro.

Absurde Wendungen, Übertreibungen und hyperaktives Erzählen legen eine satirische Lesart nahe. Das würde heißen, dass Repila den "Feministen" als klägliches Mannsbild denunziert, das daran scheitert, seine Überzeugung anders als gewalttätig zu vertreten. Eine pessimistische Haltung, die einen männlichen Feminismus letztlich zur Unmöglichkeit erklärt. Nimmt man Repila hingegen beim Wort, dann entwirft er erst recht keinen Verbündeten, wie ihn Feministinnen gebrauchen könnten. Im Gegenteil, der erbarmungslose Einzelkämpfer, der die Frauen befreit, vereint die klassischen Charakteristika toxischer Superhelden.

Die Frage nach angemessenem Engagement der Männer im Feminismus ist berechtigt, der Hinweis auf Widersprüchlichkeiten auch. Das Dilemma, lautstark für feministische Anliegen einstehen zu wollen, ohne weniger laute Menschen dadurch zu verdrängen, bleibt bestehen. Iván Repila reagiert auf diese Herausforderung mit einem platten Muskelspiel.

© SZ vom 07.09.2020/tmh
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