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"Der Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper:Es gibt Flaschenbier

Freischütz Bayrische Staatsoper, Premiere 13.02.21

Pavel Černoch (Max), Golda Schultz (Agathe), Kyle Ketelsen (Kaspar), Ensemble und Chor der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Nur als Stream, aber trotzdem brillant: "Der Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper.

Von Reinhard J. Brembeck

Max ist ein Loser, ein Möchtegern-Adabei, ein Querständler. Trotzdem ist er liebenswert, weshalb ihn Agathe, die Tochter des Wirtschaftsmoguls Kuno, heiraten will. Sie will es auch, weil der Humanist Max, früher hätte er den Kriegsdienst verweigert, so gar nicht in die Geldwelt ihres Despotenpapas passt. Die Angestellten feiern gerade in dessen noblen Geschäftsräumen (Glasfront samt elegant geschwungenem Riesenraumtrenner aus Holz) ohne Masken, die tragen nur die Servicemenschen, eine Stehparty. Es gibt Flaschenbier, eine in Kennerkreisen nicht unbedingt als das beste aller Münchner Brauerzeugnisse geschätzte Sorte. Egal, in München ist alles möglich, erst recht im Nationaltheater, wo Carl Maria von Webers existenzialistisches Experimentalstück "Der Freischütz" als aufwühlendes Abenteuer gelingt.

Das ist keineswegs selbstverständlich, weil der "Freischütz" regelmäßig misslingt. Weil hier kolportagehaft Spießbürgertum, Schauerromantik, Naivfrömmigkeit, Jägerfolklore, Wolfsschlucht, Teufelszauber, Eifersuchtsdrama und Mordlust zusammengemischt sind. Webers Musik hüpft dazu hemmungslos herum zwischen Volks- und Filmmusik, zwischen Impressionismus und Marschjubel, Kirche und Spelunke, Popsong und Avantgarde. "Der Freischütz" ist ein Hybrid der Sonderklasse, ein schwer deutbares Panoptikum, das sich liebend gern Regisseuren wie Dirigenten entzieht. Gut möglich, dass einzig Ruth Berghaus und Nikolaus Harnoncourt dem Stück in seiner Doppelbödigkeit zwischen Alltagsharmlosigkeit und Psychohölle nahegekommen sind. Das aber ist lange, lange her, 1993 in Zürich.

Wird man erst erwachsen, wenn man einen Mord begangen hat?

Auf gleichem Niveau, aber absolut heutig demonstriert die Münchner Neuinszenierung von Dmitri Tcherniakov, warum "Der Freischütz" 200 Jahre nach seiner Berliner Uraufführung im Juni 1821 noch immer verstört. Tcherniakov, geboren 1970 in Moskau, ist der subtilste Archäologe der Oper. Er spürt in den alten Stücken stets das grundlegende Motiv auf, das ein reibungsloses Funktionieren der auf der Bühne gezeigten Gesellschaft verhindert. Aber Tcherniakov, das ist eine seiner vielen Stärken, behauptet nichts, er stellt nur die entscheidende Frage. Im "Freischütz" verhandelt er, bestens gedeckt durch Musik und Libretto, die Frage, ob unsere Welt wie schon in grauer Vorzeit auf Menschenopfern basiert, ob ein Mord nicht die entscheidende Voraussetzung zur Initiation ins Erwachsenen-, Geldverdiener- und Eheleben ist.

Anna Prohaska (Ännchen), Golda Schultz (Agathe) in "Der Freischütz".

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Also steht bei der Münchner Geschäftsparty auf einem Stativ ein Gewehr mit Zielfernrohr. Der linkische Max soll auf Anweisung von Firmenboss Kuno wahllos einen Passanten auf der Straße abknallen, damit er Karriere machen und des Potentaten Tochter heiraten kann. Die Menschen im Zielfernrohr werden maximal vergrößert gezeigt. Pavel Černoch lässt seinen Max zaudern und zögern. Auf einen Menschen? Nein, das könne er nicht. Černochs hoher, heller, schöner Tenor ist zu jeder Verzweiflung fähig, und davon gibt es in diesen zwei Stunden jede Menge. Das aber kann nur ein Tenor singend vermitteln, weshalb dieser zur Lieblingsstimme der in die Verzweiflung verliebten Romantik wurde. Weil Max versagt, schießt ein anderer, einem Mann auf der Straße spritzt das Hirn aus dem Schädel.

Gerade bei diesem Stück will man, dass fremde Sitznachbarn zu schreien anfangen

Wie hätte das Publikum, das nicht anwesend sein darf, auf diese brutale Szene reagiert? Hätte es hier schon losgebuht oder erst am Schluss, beim Erscheinen des Regisseurs? Wie hätten die Menschen im Saal auf Agathes Gebets-Cavatine reagiert, die die umwerfende Golda Schultz singt, in die Höhe entschwindend, mit Sehnsucht und Todesverzweiflung? In diesen Momenten möchte man an den Segnungen des Digitalen verzweifeln und wünscht, dass endlich wieder wildfremde Menschen um einen herum ihre Begeisterung oder ihre Empörung oder beides gleichzeitig ganz ungeniert in den Saal hinausschreien.

Jetzt tanzt Pavel Černoch ganz ungeniert ungelenk den derben Walzer, der nach und nach zerbröckelt, bis nur noch ein paar Akkordfetzen bleiben. Dirigent Antonello Manacorda zeichnet genau die Bruchlinien der Partitur nach, folgt den oft abrupten Stilwechseln, zaubert einen warmdunklen Streicherklang. Ach, den mal wieder live hören! Manacorda zeigt auch, von welchen Stellen sich Hector Berlioz und Gustav Mahler und György Ligeti inspirieren ließen, er ist im Spöttischen genauso daheim wie im Grotesken, Weltabhandengekommenen, Verliebten, Quäkigmilitärischen. Die vielen Hörnerpassagen balancieren faszinierend auf der Kippe zwischen Blutrünstigkeit und Zivilisation, also genau an der Schnittstelle, die dieses Stück verhandelt. Und all diese Disparatheiten schließen Manacorda und die Musikerinnen und Musiker zu einem schlüssigen Ganzen. Brillant.

Ganz in Hellblau und immer leicht blasiert schwebt Anna Prohaska als Agathes Freundin Anna durch die Szene. Sie kommt aus einer abgelebten und in die Freiheit verliebten Zukunft, die in dieser unserer schönen neuen Welt fremdelt, die sich so sehr nach Sicherheiten sehnt und dabei den Kotau vollzieht vor den alten langweiligen Werten: Karriere, Ehe, Hierarchie, Effizienz, Digitalisierung, Kadavergehorsam, Hierarchie.

Vorsicht, Spoiler, der Regisseur hat noch eine Überraschung parat in seiner Inszenierung

Prohaska und Tcherniakov zeigen Anna als Lesbe, die sich fernab vom Patriarchat ihr eigenes Leben aufgebaut hat, die Agathe liebend und schützend hilft, die als Einzige in diesem Stück ein großes Herz hat, aber auch Witz und Spott, und das alles brillant singt, unsentimental zwar, aber mit jener Melancholie, wie sie Richard Strauss, auch er ein "Freischütz"-Liebhaber, im "Rosenkavalier" komponiert hat.

Das Böse ist bei Tcherniakov Teil des Menschen, Teil des Jägerburschen Kaspar, auch er ein vom Firmenboss Ausgebremster, der seine Zuflucht im Spiritistischen und im Alkohol sucht. Kyle Ketelsens Rebellion gegen den Satus quo ist so verzweifelt wie die des Max. Doch sein Kaspar flieht in die Selbstzerstörung, seine Stimme wird dabei immer dunkler, tiefer, fahler, aschgrauer.

Immer wieder kommt Tcherniakov auf die Ausgangsfrage zurück, ob der Mensch nur dann Eingang in die Gesellschaft findet, wenn er einen anderen Menschen tötet. Max weigert sich bis zuletzt, er kämpft gegen den ihm abverlangten Mord an - bis er schließlich doch abdrückt. Aber wer ist das Opfer? Tcherniakov lässt das Ende offen. Wie im Libretto stürzen sowohl Agathe als auch Kaspar zu Boden. Dann aber schlägt der Dialektiker Tcherniakov die verblüffendste Volte dieses Abends. Wen das interessiert, der kann sich den "Freischütz" kostenlos auf der Website der Bayerischen Staatsoper anschauen.

© SZ
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