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Ausstellung "Bad Girls" in Metz:Mein Körper, die Waffe

Sie wollten nicht mehr nur schön sein und den Mund halten - in den 1970er Jahren entdeckten die Frauen die Kunst als Angriffsfläche gegen das Patriarchat. Diese Künstlerinnen legten das Oberteil und sogar das Unterteil ab, denn der weibliche Körper sollte Männer als Voyeure bloßstellen oder sie einfach nur züchtigen. Eine Ausstellung in Metz erinnert an diese Pionierinnen.

Von Paul Katzenberger

11 Bilder

Lili Dujourie, Sanguine, 1975

Quelle: © L. Dujourie

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Sie wollten nicht mehr nur schön sein und den Mund halten - in den 1970er Jahren entdeckten die Frauen die Kunst als Angriffsfläche gegen das Patriarchat. Diese Künstlerinnen legten das Oberteil und sogar das Unterteil ab, denn der weibliche Körper sollte Männer als Voyeure bloßstellen oder sie einfach nur züchtigen.

Frauen sind heute ein selbstverständlicher Teil des Kunstbetriebs, doch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein war das keineswegs der Fall. Zu einem Aufbruch der Frauen in der Kunst kam es im Zuge des Feminismus in den 1970er Jahren, als Künstlerinnen gegen die Vormachtstellung der Männer in der Kunstwelt zu kämpfen begannen. Unter dem provokativen Titel "Bad Girls" erinnert eine Ausstellung im lothringischen Metz nun an diese Pionierinnen, die nach Auffassung des amerikanischen Kurators Jeremy Strick "die einflussreichste internationale Kunstbewegung der Nachkriegszeit" anstießen.

Die Ausstellung "Bad Girls" der Galerie Frac Lorraine steht unter drei Überschriften, die eine Entwicklung aufzeigen sollen:

- Sei schön und halt den Mund

- Sei rebellisch und kämpfe!

- So sei es - Ich!

Um gegen den Status Quo "Sei schön und halt den Mund" aufzubegehren, bemächtigten sich in den 1970er Jahren verschiedene Künstlerinnen der Kunstform des Videos. Dieses neue und erschwingliche Medium bot ihnen die Möglichkeit, eine neue Ausdrucksform zu definieren, ohne auf den männlichen Regelkanon zurückgreifen zu müssen, der in den traditionellen Disziplinen Malerei, Bildhauerei und Fotografie vorgegeben war.

Die Belgierin Lili Dujourie etwa wandte sich in ihren Videos gegen die Darstellung des weiblichen Körpers als Objekt männlicher Begierde und Fantasien.

Lili Dujourie, Sanguine, 1975, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

Lili Dujourie, Spiegel, 1976

Quelle: © L. Dujourie

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Um mit ihrem Leib eine neue Wirkung zu erzielen, übernahm sie alle Rollen in ihren Videos von 1972 bis 1975 selbst - die der Künstlerin, der Produzentin und des Modells: "Wenn Sie die Intimität des weiblichen Aktes heraufbeschwören wollen, müssen Sie das selbst machen, Sie dürfen es nicht einem Modell überlassen", begründete sie ihre Arbeitsweise.

Mit ihren Posen - mal bekleidet, mal nackt - erzeugte sie einen widersprüchlichen Eindruck gleichgültiger Schamlosigkeit und beherrschter Zurschaustellung. Sie verweist den Betrachter auf seinen Status als Voyeur.

Lili Dujourie, Spiegel, 1976, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

Martha Rosler Lounging Woman aus der Serie: "Bringing the War Home: House Beautiful", New Series, 2004

Quelle: Courtesy: the artist and Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln

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Auch die Amerikanerin Martha Rosler gilt als Videopionierin. Die langjährige Lehrstuhlinhaberin an der renommierten Rutgers University setzte sich in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung stets mit dem Alltag und dem öffentlichen Raum auseinander, häufig in Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung der Frau.

Bekanntheit erlangte Rosler, indem sie den Vietnamkrieg buchstäblich in die Heime der Amerikaner brachte. In den Collagen der Serie "Bringing the War Home" (1967 - 1972) kombinierte sie häusliche Szenen mit Motiven aus dem Krieg, also Bildern von Massengräbern, Leichen der Vietcong oder Schützengräben. So wollte sie der verwundeten Nation zeigen, dass sich der Krieg nicht so einfach wegwischen lässt wie ein Schmutzfleck.

Martha Rosler Lounging Woman aus der Serie: "Bringing the War Home: House Beautiful", New Series, 2004

Martha Rosler, Semiotics of the kitchen, 1975

Quelle: © Electronic Arts Intermix

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Das gleiche Zusammenspiel zwischen der Sehnsucht des Individuums und dem Diktat der Gesellschaft findet sich in Roslers Video "Semiotik der Küche". In dem Video, das Frac Lorraine in der Sektion "Sei rebellisch und kämpfe!" zeigt, verwandelte sie 1975 eine moderne amerikanische Küche in ein potenzielles Schlachtfeld: Nachdem sich die Künstlerin einen Küchenschurz übergestreift hat, greift sie nacheinander zu verschiedenen Küchengegenständen, um diese zweckentfremdet zum Einsatz zu bringen. Der zunächst parodistische Unterton des Sketches weicht zusehends einer immer unkontrollierteren Heftigkeit, in der die Frustration jener Frauen zum Ausdruck kommen soll, die zu lange eingeschlossen waren.

Martha Rosler, Semiotik der Küche, 1975, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

Anna Maria Maiolino, Entrevidas, 1981

Quelle: © A. M. Maiolino

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Die Brasilianerin Anna Maria Maiolino hat sich in der feministischen Kunstszene ebenfalls einen Namen gemacht. Der Frac Lorraine konfrontiert den Besucher mit ihrer Installation "Entrevidas", was so viel heißt wie "Zwischen den Leben". Denn die Eier, die ausgelegt sind, stehen aus Sicht der Künstlerin für Anfänge des Lebens, zwischen denen das Publikum aufgefordert ist, durchzulaufen.

Die heikle, Vorsicht erfordernde Situation, soll die Ambivalenz verdeutlichen, die in der Spätphase der brasilianischen Militärdiktatur (1964 - 1985) herrschte: Einerseits ist da die Bedrohung durch den totalitären Staat, die die Menschen tief verinnerlicht haben. Andererseits hatte die Erosion der Macht des Regimes bereits begonnen, was der Hoffnung auf die Freiheit Nahrung gab.

Die Menschen mussten ihre Identität neu finden und die Last der Diktatur abwerfen. In einem Begleitgedicht zu ihrer Installation beschreibt die Künstlerin den nationalen Zwiespalt folgendermaßen: "Wir haben das wiederaufleben lassen, was wir vergessen hatten, und nach und nach haben wir uns an das erinnert, was wir wussten."

Anna Maria Maiolino, Entrevidas, 1981, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

New Tate Modern London UK Marina Abramovic s Rhythm 1974 A new exhibition space known as the Switc

Quelle: imago/Landmark Media

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Bei der Performance "Rhytmus 0" von 1974 saß die Künstlerin beispielsweise passiv vor einem Tisch mit 72 Gegenständen, die vom Publikum an ihr verwendet werden konnten. Die Zuschauer seien zunächst reserviert gewesen, hätten dann aber damit begonnen, ihr Löcher in die Kleidung zu schneiden, sie anzumalen und sie zu verwunden, berichtete Abramovic von ihrer Erfahrung bei "Rhytmus 0". Auffällig sei gewesen, dass vor allem die Männer agiert hätten und immer aggressiver geworden seien. Sie habe sich als Madonna, Mutter und Hure empfunden, sagte Abramovic und benannte damit Kategorien, in die sich Frauen von alters her einsortiert fühlten.

Die 1973 in Belgrad entstandene Performance "Rhytmus 10" wurde von Abramovic mehrfach reaktiviert. Frac Lorraine zeigt ein Video von 1993, in dem Abramovic mit einem scharfen Messer in rasender Geschwindigkeit in die Lücken ihrer gespreizten Hand hackt. Die Performance ist die Metapher auf eine Gesellschaft, die gleichzeitig Henker und Opfer ihrer selbst ist.

Ausstellung der Gegenstände, die Marina Abramovic 1974 für ihre Performance Rhythm nutzte, in der New Tate Modern in London.

Raeda Sa'adeh, Vacuum, 2007

Quelle: © R. Sa'adeh

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Auf den ersten Blick erscheint die Performance von Raeda Sa'adeh Bezug zu nehmen auf das westliche Stereotyp der durch das Patriarchat unterdrückten Frau. Doch mit "Vaccum" verknüpft die Palästinenserin vor allem eine politische Botschaft: Die Absurdität des Staubsaugens in der gebirgigen Wüste zwischen Jericho und Totem Meer soll an Sisyphos erinnern, den tragischen Helden der griechischen Mythologie. Seine Anstrengungen gleichen aus Sicht Sa'adehs den Mühen des palästinensischen Volkes im Überlebenskampf. Seit Jahrzehnten bricht der Staat Israel mit seinen Siedlungen im Westjordanland das Völkerrecht, und verdrängt dadurch die Palästinenser weiter aus ihren angestammten Gebieten. Legitimiert wird die Errichtung israelischer Kolonien in Gebieten, die als leer betrachtet werden, mit dem Slogan "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land".

Auf dieser Vorstellung von Leere baut "Vacuum" auf. Einerseits steht das englische Wort für "luftleerer Raum", andererseits ist es im englischen Begriff für Staubsauer (vacuum cleaner) enthalten.

Raeda Sa'adeh, Vacuum, 2007, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

Lotty Rosenfeld, A thousand crosses on the road. Santiago, Chile, 1979

Quelle: Rony Goldschmith © L. Rosenfeld

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Eine Frau war es, die während der Pinochet-Diktatur 1979 als erste in Chile die Kunst im öffentlichen Raum als Waffe des Widerstands nutzte. 1979 gründete Lotty Rosenfeld das Kollektiv CADA (Colectivo Acciones de Arte) und überzog die Mauern Santiago de Chiles mit illegalen Protestaufrufen gegen das Regime: "No +" oder "No mas..." ("Schluss mit...").

Das Kreuz ist auch das wiederkehrende Motiv ihrer illegal durchgeführten und mittlerweile mythischen Aktion A thousand crosses on the road. Mit dieser in Fotos und Filmen dokumentierten Performance wollte die Künstlerin die herrschende Ordnung unterlaufen, indem sie in der Mitte jeder Fahrbahnmarkierung einen horizontalen Klebestreifen anbrachte und so die vorgegebene Richtung im öffentlichen Raum umleitete.

Diese Aktion wiederholte die mittlerweile 70-Jährige 1983 in Berlin und 1989 noch einmal in Chile. Kurz vor der documenta 12 im Jahr 2007 in Kassel fühlte sich das Stadtreinigungsamt zum Eingreifen genötigt. Die veränderten Fahrbahnmarkierungen stellten eine Verkehrsgefährdung dar, hieß es, Rosenfelds Markierungen wurden rasch abgekratzt. Die Künstlerin äußerte sich entsetzt und sprach von einem Akt der Gewalt.

Lotty Rosenfeld, A thousand crosses on the road. Santiago, Chile, 1979, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR)

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Quelle: Screenshot

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Einer besonders radikalen Kämpferin setzte die experimentelle Filmemacherin Hito Steyerl in ihrem Video "November" ein Denkmal. Der 25-minütige Film, der in Metz zu sehen ist (Trailer hier), handelt von Andrea Wolf, einer frühreren inksradikalen Aktivistin, die zum Umfeld der Rote Armee Fraktion zählte und als Mitglied der Volksbefreiungsarmee Kurdistans in Ostanatolien ihr Leben verlor.

Von Auszügen eines Amateurfilms über die Abenteuer einer dreiköpfigen Mädchengang, die alle Männer zusammenschlägt, die ihr in den Weg kommen, bis zu den Plakaten, auf denen die Unsterblichkeit der Märtyrerin Ronahî (Wolfs Deckname, kurdisch: Licht) gepriesen wird, schildert Steyerl die Stationen eines mysteriösen Lebens.

Der Künstlerin und Theoretikerin Steyerl will die Menschen mit ihrer Arbeit dafür sensiblisieren, dass die Unterscheidung zwischen Information und Desinformation angesichts der rasanten Zunahme von Bildern und Daten in der digitalen Welt immer schwieriger wird.

Hito Steyerl, November, 2004, Collection 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz (FR), ADAGP, Paris 2013

Clémentine Delait

Quelle: DR

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So sehr Performances ein Mittel weiblicher Künstler wurden, um einen Wechsel im Verhältnis der Geschlechter zu einander anzustoßen, so gab es doch immer wieder auch Frauen, die durch ihre bloße Existenz, die etablierten Geschlechterrollen in Frage stellten. Frac Lorraine erinnert in diesem Zusammenhang an Clémentine Delait, eine bärtige Dame, die im 19. Jahrhundert zusammen mit ihrem Mann in den Vogesen ein Café betrieb. Der Überlieferung zufolge sah Delait auf einem Jahrmarkt eine Frau, deren bescheidene Bartstoppeln eine Attraktion darstellen sollten. Sie wettete, dass sie einen wesentlich eindrucksvolleren Bart zustande bringen würde. Die Wette zog viele Schaulustige in ihr Café, das in "Das Café der bärtigen Frau" umbenannt wurde. In Erinnerung an Delait bittet der Frac Lorraine seine Besucher überraschende Darstellungen von Frauen- und Männerrollen auf der Facebook-Seite der Galerie zu posten. Das phantasievollste Bild soll einen Platz in der Galerie selbst bekommen.

Pauline Boudry, Renate Lorenz, Normal Work, 2007

Quelle: © P. Boudry, R. Lorenz

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Im dritten Teil der Ausstellung "Bad Girls", die unter der Überschrift "So sei es - Ich!" steht, wagt Frac Lorraine einen Blick in eine Zukunft, die frei von jeglicher sozialen, sexuellen oder ethnischen Zuordnung sein soll. Diese Geschichte des "Bad Girls" müsse aber noch geschrieben und vor allem gelebt werden.

Wie eine solche Zukunft konkret aussehen könnte, soll anhand der Arbeiten von Pauline Boudry und Renate Lorenz illustriert werden. Die Schweizerin und die Deutsche arbeiten zusammen, um Fragen der sexuellen Identität und der Geschlechterrollen aus vergessenen Momenten der Geschichte zu erforschen. Dabei kombinieren sie Musik, Performance und Video, sowie historische Dokumente.

Der Ausgangspunkt des Filmes sind . Vier der Photographien, die Hannah Cullwick als Hausangestellte, als bürgerliche Frau, als bürgerlichen Mann und als "Sklaven" zeigen, werden im Film reinszeniert.

Aus Boudrys und Lorenz' Film "Normal Work" von 2007 zeigt Frac Lorraine 13 reinszenierte Bilder. Sie beruhen auf außergewöhnlichen Porträts der Hausangestellten Hannah Cullwick aus dem viktorianischen London der 1860er Jahre, die in Cambridge lange unter Verschluss gehalten worden waren, weil das Material für diese Zeit einen Skandal darstellte.

Hannah Cullwick und der Anwalt Arthur Joseph Munby waren erst ein Liebes-, dann ein Ehepaar, das eine sadomasochistische Beziehung führte. In den historischen Fotografien und schriftlichen Materialien inszenierten sie Hannah als Frau und Mann, reich und arm, Herr und Sklave, stark und schwach. Ihre Stärke, ihre Muskeln und ihre schmutzigen großen Hände waren offensichtlich direkt mit ihrem Arbeitsalltag verbunden, worauf sie einerseits stolz war, worins sie andererseits genau das Material für die gemeinsamen SM-Szenen fand. Und was wohl noch wichtiger ist: Die vielen angenommenen Persönlichkeiten machten eine endgültige Zuschreibung ihrer Persönlichkeit unmöglich.

Pauline Boudry, Renate Lorenz, Normal Work, 2007, Collection 49 Nord 6 est - Frac Lorraine, Metz (FR)

Ausstellung "Bad Girls", 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, 1bis, rue des Trinitaires, F-57000 Metz, Frankreich, 13. Juli bis 20. Oktober 2013, Öffnungszeiten: Sa, So.: 11 bis 19 Uhr, Di. bis Fr.: 14 bis 19 Uhr.

© Süddeutsche.de/goro
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