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Architektur im Zweiten Weltkrieg:Vom Bauhaus zum Bunker

Das Chrysler-Panzer-Arsenal in Detroit, geplant von Albert Kahn.

Viel zu tun für die Baumeister: das Chrysler-Panzer-Arsenal in Detroit, geplant von Albert Kahn.

(Foto: Katalog)

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Eine bahnbrechende Ausstellung in Paris untersucht jetzt die Rolle der Architekten. Um den hohen Bedürfnissen des Krieges gerecht zu werden, zeigten sie sich sehr wandelbar - an allen Fronten.

Von Joseph Hanimann, Paris

Bei den Nürnberger Prozessen 1945 war Hitlers Chefarchitekt Albert Speer einer der Hauptangeklagten. Ausgestattet war der Raum, in dem Angeklagte und Richter saßen, von dem amerikanischen Architekten Dan Kiley. Architekten auf Schritt und Tritt, in allen Lagern.

So sachlich kann man an ein Thema herangehen, das in seiner ganzen Breite noch wenig bekannt ist. Erforscht wurde bisher vor allem die Rolle der Architekten nach dem Krieg beim Wiederaufbau.

Wie aber verhielten sie sich während des Zweiten Weltkriegs, der vor 75 Jahren begann, beidseits der Fronten - enthusiastisch, fatalistisch, gleichgültig, widerständisch, konformistisch? Der französische Architekturhistoriker Jean-Louis Cohen hat dieser Frage jetzt eine große Studie gewidmet und dazu eine Ausstellung gestaltet, die nach Montreal nun in Paris Station macht und Ende des Jahres nach Rom weiterziehen wird.

War der Erste Weltkrieg ein Stellungskrieg mit massiven Befestigungsanlagen, so wurde der Zweite Weltkrieg schnell zum Bewegungskrieg. Dies minderte nicht die Herausforderung an die Architekten, sondern erhöhte sie.

Durch die Bombardierungen aus der Luft standen die Städte auch im Hinterland an vorderster Front. "Die Front ist nicht mehr eine Linie, sondern eine Fläche", prophezeite der französische Oberstleutnant Paul Vauthier schon 1930 in einer Studie. Guernica war 1937, im Spanischen Bürgerkrieg, ein frühes Beispiel dieser Verwüstung aus dem Himmel - und Hiroshima 1945 deren apokalyptischer Abschluss.

Berühmte Bauwerke wurden aufwendig mit Sandsäcken geschützt, wichtige Produktionsstätten getarnt oder unter den Erdboden verlegt. Die Armee brauchte Bunker, Montagehallen in großem Ausmaß, mobile Unterkünfte, improvisierte Brücken und Häfen, die Zivilbevölkerung brauchte Schutzkeller. Für die Gefangenen waren Lagereinrichtungen nötig, von den Konzentrationslagern und Vernichtungslagern ganz zu schweigen.

Monumentalprojekte wie der Atlantikwall taugten nur noch für Propagandazwecke

Die Ausstellung in Paris vermeidet kühn jede moralische Voreingenommenheit und beginnt mit einer Porträtgalerie von vierzig Architektenschicksalen. Die amerikanischen Fabrikbauer Albert Kahn, Buckminster Fuller und Mies van der Rohe - der mit dem Minerals and Metals Research Center in Illinois 1943 sein erstes Projekt in den USA ablieferte - treten da neben Auguste Perret und Le Corbusier auf, der sich beim Vichy-Regime andienen wollte, neben den deutschen Exilanten Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Konrad Wachsmann; aber auch neben Albert Speer oder dem ehemaligen Bauhaus-Schüler Fritz Ertl, der an der Konzeption des Lagers Auschwitz-Birkenau mitwirkte.

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