"Alle reden übers Wetter" im Kino:Gefangen im Hamsterrad

Lesezeit: 3 min

"Alle reden übers Wetter" im Kino: "Jetzt hör mal auf zu fragen, ich will hier heute noch mal fertig werden": Anne Schäfer und Anne-Kathrin Gummich in "Alle reden übers Wetter".

"Jetzt hör mal auf zu fragen, ich will hier heute noch mal fertig werden": Anne Schäfer und Anne-Kathrin Gummich in "Alle reden übers Wetter".

(Foto: Grandfilm)

Die deutsche Tragikomödie "Alle reden übers Wetter" erzählt von einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung.

Von Annett Scheffel

Kirschstreusel oder Quarkmandarine? Das ist die entscheidende Frage. In Berlin promoviert Clara in Philosophie zu Hegels Freiheitsbegriff. In der Küche ihrer Mutter aber, weit draußen auf dem flachen Land der ostdeutschen Provinz, geht es um ganz andere Dinge. Welchen Kuchen man backt. Ob man im Stau stand. Oder was der Wetterbericht für morgen sagt. All diese unverfänglichen Nichtigkeiten, über die die Leute sprechen, um was zu sagen, auch wenn sie sich nichts zu sagen haben. Oder lieber nicht an die wunden Punkte heranwollen, an die Ängste und Gefühle oder das, was man sich eigentlich für ein Leben wünscht. "Warum wird hier eigentlich nur gelabert und nie kommuniziert", bricht es einmal aus Clara heraus.

Die Regisseurin Annika Pinske untersucht in ihrem Gesellschaftsporträt "Alle reden übers Wetter" mit präzisem Blick die Risse zwischen einer jungen Frau, die es geschafft hat, sich in Berlin zwischen akademischen Ambitionen, geräumiger WG und unverbindlichen Affären ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, und der Mutter, die zurückgeblieben ist. Clara (von Anne Schäfer herrlich vielschichtig gespielt) ist Ende dreißig und aus Berlin mit ihrer 15-jährigen Tochter Emma angereist, um den 60. Geburtstag ihrer Mutter Inge (Anne-Kathrin Gummich) zu feiern.

Die Provinz ist kein leichtes Pflaster - aber Berlin natürlich auch keine Erlösung

Die Kluft, die zwischen diesen beiden Welten liegt, scheint unüberwindbar zu sein. Wie eine andere, eine neue innerdeutsche Grenze. Auf der einen Seite das urbane Bildungsbürgertum, in dem sich Clara hochgearbeitet hat, und auf der anderen Seite das dörflich-proletarische Umfeld ihrer Kindheit, in dem die Nachwendezeit viele Leerstellen und Brüche hinterlassen hat. Annika Pinske hat ein gutes Gespür dafür, die Sprachlosigkeit, die sich zwischen den beiden Frauen breitgemacht hat, in knappen Dialogen aufs Genauste nachzuzeichnen. Einmal schiebt Clara zur Vorbereitung auf das große Fest den Einkaufswagen durch den Dorfladen und fragt: "Nee, jetzt mal im Ernst, sag mal drei Dinge, die du dir wünscht, bevor du 70 wirst." Aber Inge, die zackig und resolut mit dem Einkaufszettel durch die Gänge marschiert, winkt ab: "Jetzt hör mal auf zu fragen, ich will hier heute noch mal fertig werden."

Annika Pinske weiß sehr genau, wovon sie redet. Auch sie ist in der ostdeutschen Provinz aufgewachsen. Auch sie studierte Philosophie. Ein sogenannter Bildungsaufstieg. Später arbeitete sie als persönliche Assistentin von Regisseurin Maren Ade. "Alle reden übers Wetter" ist ihre Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Für ein Spielfilmdebüt ist ihr Werk auffällig prominent besetzt (Sandra Hüller als Dozentin an der Uni, Ronald Zehrfeld als Vater der gemeinsamen Tochter, Max Riemelt als Jugendliebe).

"Alle reden übers Wetter" ist ein intimes Porträt zweier Frauen, Mutter und Tochter, durch Liebe verbunden, durch die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, getrennt. Und ein kluges Gesellschaftsdrama über Heimat und Herkunft, über Nachwende-Traumata und Milieus, von denen man sich emanzipieren, sie aber nie ganz abstreifen kann. Beide Frauen kämpfen ihre ganz eigenen Kämpfe. Denn auch in Claras Doktoranden-Alltag in Berlin, der die erste Filmhälfte bestimmt, ist längst nicht alles rosig. Mühselig ist das universitäre Hamsterrad. Übergriffig die Pseudofreundschaft mit Doktormutter Margot, die sie zwar unterstützt, aber zwischenmenschlich mehr als schwierig ist. Und die akademischen Machtgefüge sind von Sexismus und Klassismus durchsetzt.

Im Grunde reißen in diesem Film alle nur Sprüche, die spießigen Geisteswissenschaftler genauso wie die Dorftypen mit dem blöden Frauenwitz. Und Claras Ideal von einem freien Leben bekommt bald eigene, kleine Risse. Was, wenn sie am Ende nirgends hinpasst? Wenn Inge ihrer Tochter am Ende eine Abschiedsfloskel mit auf den Weg gibt, dann klingt die zwar immer noch karg, aber auch ein bisschen zärtlich: "Kommt gut durch!"

Alle reden übers Wetter, Deutschland 2022 - Regie und Buch: Annika Pinske. Kamera: Ben Bernhard. Schnitt: Laura Lauzemis. Mit: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Emma Frieda Brüggler, Judith Hofmann, Ronald Zehrfeld, Max Riemelt, Sandra Hüller. Grandfilm, 89 Minuten. Kinostart: 15. September 2022.

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