Regisseurin Maren Ade Extrem ausgeruht

Maren Ade in Cannes: "Ach so, jetzt also kein Preis."

(Foto: Getty Images)

Seit Maren Ade beim Filmfestival in Cannes die Kritik mit "Toni Erdmann" begeisterte, wird sie als Hoffnungsträgerin des deutschen Kinos gefeiert. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Porträt von Paul Katzenberger

Es gibt kaum eine Situation, die peinlicher ist: Da lästert man über jemanden bei oberflächlichen Bekannten so richtig ab, und dann stellt sich heraus, dass der Beschimpfte die ganze Zeit zugehört hat. Eine beschämende Szene. Zum Lachen und gleichzeitig so, dass der Zuschauer mit dem Lästermaul am liebsten gleich mit im Erdboden versinken würde. Der Film "Toni Erdmann" der Berliner Regisseurin Maren Ade ist voll von solchen Auftritten und das knapp drei Stunden lang.

Filme, die so lange dauern, werden vom Zuschauer oft als Zumutung empfunden. Doch nicht, wenn er so hineingezogen wird in eine Handlung, wie in diese. Ohne jeden Zweifel hat Ade aus ihrem dritten Spielfilm das Optimum herausgeholt.

Als die Tragikomödie im Mai in Cannes Premiere feierte, war das internationale Presseecho überwältigend positiv: Ein Film, der originell und wirklich witzig ist - aber auch gehaltvoll - das hatten die Beobachter einer deutschen Filmemacherin nicht zugetraut.

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Und auch die Länge von 162 Minuten passt. Ade war natürlich klar, dass ein kürzeres Opus gefälliger sein könnte: "Ich habe versucht, den Film zu kürzen", sagt sie. "Doch im Schnitt habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass man mit den zwei Hauptprotagonisten mitgeht, dass wirklich jeder Schritt, den die machen, nachvollziehbar bleibt. Als ich Szenen herausgenommen habe, fühlte sich der Film länger an als mit den Szenen."

"Im Moment zu bleiben" - das ist der Anspruch, den die Regisseurin an ihre Schauspieler stellt und dem diese nur gerecht werden können, wenn sie das Proben vom Theater her kennen. Bei "Toni Erdmann" sind dies Sandra Hüller und Peter Simonischek, beides hochdekorierte Topstars des deutschsprachigen Theaters, die ihre Szenen für Ade viel öfter wiederholen mussten, als sie das von anderen Regisseuren her kennen. Denn die 39-Jährige experimentiert gerne mit der ganzen Bandbreite von Stimmungen und Gefühlen: Mal lässt sie eine Szene verhalten spielen, dann hitzig - es eilt ihr der Ruf voraus, dass sie Einstellungen bis zu 40-mal wiederholen lässt.

Trotz und Hingebung

Da Ade ihre Filme mit der eigenen Firma "Komplizen Film" produziert, kann sie sich die Zeit nehmen, die sie braucht. An Toni Erdmann arbeitete sie sechs Jahre.

Der Lohn für die extrem ausgeruhte Arbeitsweise: Der Zuschauer bleibt sprichwörtlich im Film. Zu diesem sich Hineinversetzen gehört dann etwa auch, dass das Publikum Hüller und Simonischek bei Minute 140 sehr lange dabei zuschaut, wie sie bei einer rumänischen Familie Ostereier anmalen. Doch dieses kleine Detail sei notwendig gewesen, sagt Ade, denn ohne es wäre eine Schlüsselszene des Films nicht mehr glaubwürdig gewesen, in der Hüller einen umwerfenden Auftritt hat, bei dem sie "Greatest Love of All" von Whitney Houston in einer unvergleichlichen Mischung aus Trotz und Hingebung zum Besten gibt.

Sandra Hüller gibt vor bemalten Ostereiern Whitney Houston: Szene aus dem Film "Toni Erdmann".

(Foto: dpa)

Es ist dieser ausdauernde, gründliche und genaue Blick, mit dem Ade Konstellationen und Milieus durchschaut, der ihre Filme so besonders macht. Denn ohne diese Akribie würde ihren Werken der Realitätsbezug fehlen, den ihr die Zuschauer sofort abnehmen. Und ohne diese Authentizität wären ihre Filme nicht so unvorstellbar komisch, wie es jetzt Toni Erdmann wieder ist.

Ein großes Drama

Der Film erzählt die Geschichte eines Alt-Achtundsechziger-Vaters, der unter der Distanz zu seiner ehrgeizigen Karrierefrau-Tochter leidet, und mit seiner notorischen Neigung, den Clown zu spielen, ihr wieder näher kommen will. Beide finden in Bukarest zueinander - ihrem Einsatzort als Unternehmensberaterin - nicht ohne vorherige Verwicklungen, die oft urkomisch, in Wahrheit aber auch ein großes Drama sind.

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Kino-Trailer zu "Toni Erdmann"

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Mit Scherzartikeln auf Tuchfühlung zum eigenen Kind: Der Kinotrailer zur hinreißenden Vater-Tochter-Geschichte "Toni Erdmann".

Den Reiz, den der Film entwickelt, verdankt er neben der großartigen schauspielerischen Leistung Hüllers und Simonischeks vor allem der präzisen Darstellung der bizarren Welt der Unternehmensberater. Ade belässt es nicht bei der üblichen Beschreibung dieses Metiers, nach der Devise: sind ja ohnehin nur erfolgshungrige amoralische Egomanen. Sie nimmt dieses Gewerbe ernst - bevor die Dreharbeiten 2014 begannen, recherchierte sie vier Jahre lang immer wieder bei Unternehmensberatungen.