Übertritt ins Gymnasium:Mehr Kompetenz, aber auch mehr Stress

Lesezeit: 2 min

In Bayern, Thüringen und Brandenburg brauchen Viertklässler für den Wechsel an eine weiterführende Schule eine verbindliche Grundschulempfehlung. Welche Auswirkungen das auf Leistungen und Psyche von Kindern hat.

Von Joachim Göres

Nach der vierten Klasse wechseln die meisten Mädchen und Jungen von der Grundschule auf weiterführende Schulen - nur in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern passiert dieser Schritt zwei Jahre später. Die Lehrerinnen und Lehrer geben eine Empfehlung ab, bei der in der Regel neben den Noten auch die Leistungsentwicklung und die Arbeitshaltung des Kindes eine Rolle spielen. Letztlich entscheiden in den meisten Bundesländern die Eltern, an welchem Schultyp sie ihren Nachwuchs anmelden.

In Bayern, Thüringen und Brandenburg ist die Empfehlung der Grundschule dagegen verbindlich, die Noten sind ausschlaggebend. Kinder, die dort ohne eine entsprechende Empfehlung aufs Gymnasium wechseln wollen, müssen mehrere Tage erfolgreich an einem Probeunterricht teilnehmen.

Wie wirkt es sich aus, wenn Eltern und Kinder wissen, dass von der Einschätzung der Grundschule die weitere schulische Laufbahn abhängen kann? Das wollten die Wirtschaftswissenschaftler Maximilian Bach vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim und Mira Fischer vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in der in diesem Jahr veröffentlichten Studie "Verbindliche Grundschulempfehlungen" herausfinden. Dazu verglichen sie unter anderem die Leistungsentwicklung in den Klassen zwei, drei, und vier in Bundesländern mit und ohne verbindliche Grundschulempfehlung miteinander. Zudem betrachteten die Forscher in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg, wo 2012 die verbindliche Empfehlung abgeschafft wurde, die Leistungen der Viertklässler davor und danach.

Gilt die verbindliche Empfehlung, dann nimmt die Lernfreude der Kinder ab

Das Ergebnis: Die Leistungen der Kinder in Mathematik sowie den sprachlichen Kompetenzen Lesen, Zuhören und Rechtschreibung sind bei einer verbindlichen Empfehlung deutlich besser, sie verbringen zudem mehr Zeit mit eigenständigem Lernen zu Hause. Bach und Fischer vermuten, dass Mädchen und Jungen aus eigener Motivation mehr lernen, um so ihre Chancen auf den Wechsel auf eine höhere Schulform zu vergrößern - 61 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland geben an, ein Gymnasium besuchen zu wollen. Hinweise dafür, dass Eltern in den Bundesländern mit einer verbindlichen Grundschulempfehlung mehr Druck auf ihre Kinder ausüben als in den übrigen Bundesländern, konnten die Forscher keine finden.

Gleichzeitig stellten Bach und Fischer aber fest, dass Viertklässler eine deutlich erhöhte Noten- und Zukunftsangst sowie eine geringere Lernfreude bei verbindlichen Empfehlungen zeigen. "Ob die Grundschulempfehlung verbindlich sein sollte, ist also eng verbunden mit der Frage, ob man im Tausch für bessere Kompetenzen bereit ist, Grundschülerinnen und Grundschüler einem erhöhten Leistungsdruck und den damit verbundenen Konsequenzen auszusetzen", lautet das Fazit der Studienautoren.

Viele Lehrer sind froh, wenn die Eltern selbst entscheiden, wie es weitergeht

Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht die Studie kritisch. "Die Abwägung zwischen dem Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und einer mutmaßlich auch nur kurzfristigen Leistungssteigerung wirkt auf Grundschullehrkräfte eher befremdlich", sagt sie. Verbindliche Empfehlungen seien nicht die Lösung, aber auch nicht der reine Elternwille, da so "eher die Kinder aus bildungsaffinen Familien zum Gymnasium" kämen. Hoffmann fordert, dass "Eltern, Kinder und die Lehrkräfte gemeinsam den geeigneten Weg finden" sollten. Die Sozialwissenschaftlerin Kerstin Hoenig und der Soziologe Hartmut Esser haben in einer Studie festgestellt, dass eine verbindliche Grundschulempfehlung zu mehr Leistungsgerechtigkeit führen könne, weil dann Mädchen und Jungen aus Akademikerhaushalten trotz schlechter Leistungen nicht mehr einfach auf einem Gymnasium angemeldet werden könnten. Viele Grundschullehrerinnen und -lehrer sind dagegen froh, dass ihre Empfehlung nicht entscheidend ist - aus Angst vor juristischen Anfechtungen durch ehrgeizige Eltern.

Grundsätzlich plädiert Hoffmann für eine Veränderung der Schulstruktur. Sprich: Wie in den meisten Ländern der Welt solle auch in Deutschland erst in einem höheren Alter über den Übergang auf eine weiterführende Schule entschieden werden. Das werde viele Zehnjährige psychisch entlasten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB