Klimaprofi:Die Klimaflüsterer

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Ein biologisches Gartencenter: Klimaprofis verleihen umweltschonenden Projekten den richtigen Anschub.

(Foto: LUPE RODRIGUEZ via www.imago-images.de/imago images/Westend61)

50 Tonnen weniger: Wie Berater Firmen dabei helfen, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren.

Von Marcel Grzanna

Der Mittelstand ist nicht nur das vielzitierte Rückgrat der deutschen Industrie. Er ist auch ein unverzichtbarer Faktor für die Reduktion von CO₂-Emissionen. Kleine und mittlere Unternehmen haben ein riesiges Potenzial, um das Land dahin zu bringen, dass es seine Zusagen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens einhalten kann. Von 739 Millionen Tonnen Ausstoß im Jahr 2020 muss Deutschland bis 2030 noch einmal rund 300 Millionen einsparen. Das Problem: Viele der Unternehmen wissen noch nicht genau, wo dieses Potenzial überall versteckt ist.

"Das Thema haben viele Unternehmen natürlich vor Augen, aber im Detail fehlt es noch an präzisem Wissen, welchen Beitrag sie selbst leisten können. Es kursieren viele Desinformationen über menschengemachte Emissionen, die für Unsicherheit sorgen", sagt Roldany Gutierrez. Der 28-Jährige berät im Rahmen des Projekts "Klimaverbund" Dutzende Betriebe der Sagaflor AG, eines Verbunds von Gartencentern und Tierhandlungen im deutschsprachigen Raum.

Die Berater sollen nicht belehren, sondern eine Aufbruchstimmung vermitteln

Gutierrez hat Ingenieurswissenschaften in Kassel studiert. Eher durch Zufall bekam er die Chance, sich zu Beginn des Jahres in einem vierwöchigen Lehrgang zum sogenannten "Klimaprofi" ausbilden zu lassen. Der Mittelstandsverbund und die Nationale Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesumweltministeriums (BMU) suchten nach geeigneten Bewerbern, die bis April 2023 mit Bundesmitteln gefördert werden, um kleine und mittelständische Unternehmen zu den Themen Klimaschutz, Energieeffizienz und Ressourcenschutz zu beraten.

"Als Ingenieur kenne ich mich mit Energieeffizienz schon aus. Der Lehrgang hat mir dagegen vermittelt, wie ich als Berater überhaupt Gehör finde bei den Unternehmen", sagt Gutierrez. Er ist Teil der bereits zweiten Generation von Klimaprofis, die aus der Zusammenarbeit von Verbund und NKI hervorgegangen sind. 16 sind es dieses Mal. Wichtig bei ihrer Tätigkeit sei es, den Unternehmen nicht mit erhobenem Zeigefinger die Leviten zu lesen, sondern eine Aufbruchstimmung zu vermitteln, die Klimaschutz ins tägliche Wirtschaften integriert, so Gutierrez.

Jeder einzelne Profi nimmt sich zwei Jahre lang eines bestimmten Branchenverbunds an. Das jeweilige Ziel: 5000 Tonnen Emissionen im gesamten Verbund bis zum Ende des Projekts einzusparen. "Diese Menge an CO₂ ist für unsere mittelständische Verbundorganisation schon eine Hausnummer. Und trotzdem ist sie durch kluge Planung und gezielte Investitionen ein durchaus greifbares Ziel. Mein Fazit aus der Mittelstandsinitiative lautet: Jeder kann seinen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das Wichtigste ist, konkret anzupacken", sagt Ursula Lindl, Vorstandvorsitzende der Sagaflor AG.

Von den rund 600 Mitgliedern des Verbunds sind 100 in das Umsetzungsprogramm aufgenommen worden. 50 Tonnen sind somit das Minimum, das ein Betrieb in den kommenden knapp zwei Jahren einsparen soll, um die Gesamtmenge von 5000 zu erzielen. Den Betrieben kann der Klimaprofi nun bei Bedarf konkrete Ideen geben und Vorschläge machen, wie das Ziel erreicht werden kann. Das erste Zertifikat hat Gutierrez bereits ausstellen können. Das Gartencenter Meckelburg aus Brilon in Nordrhein-Westfalen investierte in eine Photovoltaik-Anlage und zwei Hybrid-Firmenfahrzeuge: minus 50 Tonnen.

Der Klimaprofi hilft auch bei der Finanzierung

Doch gerade im Mittelstand stellt sich immer auch die Frage, ob die Investitionen in klimafreundliche Technologien finanziert werden können, ohne die eigene Liquidität in Gefahr zu bringen. Nein zu sagen, ist sehr einfach. Das Verlockende an der Ablehnung ist, dass die Geschäfte auch ohne solche Technologien zunächst einmal profitabel weiterlaufen. Erst wenn Sanierungen oder Neubauten fällig werden, verlangt der Gesetzgeber entsprechende Investitionen. Bis dahin können aber Jahre, vielleicht Jahrzehnte vergehen. Zeit, die im Kampf gegen die Erderwärmung nicht zur Verfügung steht. "Die Bereitschaft zu investieren, ist immer dann da, wenn es eine Amortisationsrechnung gibt", sagt Ursula Lindl von Sagaflor. Im Klartext: Wer schwarz auf weiß sieht, dass er in zehn Jahren seine Investition durch Energieersparnis ausgeglichen hat und danach in die Gewinnzone steuert, versteht die Investition nicht nur als Dienst am Gemeinwohl, sondern auch als Bonus für die eigene Brieftasche.

Die Fördergelder variieren zwischen den Bundesländern stark

Auch hier kann der Klimaprofi wertvolle Aufklärung leisten. Er rechnet nicht nur genau aus, wann sich grüne Technologien in der Bilanz auszahlen, sondern weiß auch, wo der Staat den Unternehmen hilft. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) sind wichtige Anlaufstellen. Die Umstellung auf eine komplette LED-Beleuchtung wird beispielsweise mit 20 Prozent Förderung unterstützt, Heizanlagen nach neuesten energieeffizienten Standards sogar mit bis zu 45 Prozent beim Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen wie Holz oder Biomasse. Unterstützung gibt es auch bei der Optimierung der Gebäudehülle.

Beim Thema Fördergelder gibt es allerdings durchaus regionale Unterschiede. Beispiel: Aufladestationen für Elektroautos. In manchen Bundesländern oder Kommunen wurde 2020 die Einrichtung privater Ladestationen mit einigen Tausend Euro gefördert. München zahlte bis zu 6000 Euro. In anderen Bundesländern wie Berlin, Bremen oder Hessen gab es 2020 gar kein Geld. Für die Klimaschutzinitiative eines bundesweit agierenden Unternehmensverbunds macht das die Zielsetzung keineswegs leichter. "Das ähnelt teilweise schon einem großen Flickenteppich und macht es sehr aufwendig für uns zu recherchieren, wo und wie hoch die Förderungen genau sind, um unsere Mitglieder entsprechend zuverlässig zu informieren", sagt Vorständin Lindl. Sagaflor hat dafür eigens eine Datenbank angelegt, um die Informationen zentral zu sammeln.

© SZ/weka
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