Zuwanderung aus Spanien und Griechenland Die Krise treibt sie nach Deutschland

In ihrer Heimat herrscht eine tiefe Wirtschaftskrise, selbst Uni-Absolventen finden oft keinen Job. Deshalb flüchten viele gut ausgebildete Spanier und Griechen dorthin, wo es bessere Chancen auf Arbeit gibt: nach Deutschland. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen einen massiven Anstieg der Zuwanderung aus beiden Ländern.

Von Oliver Klasen

In den hippen Stadtvierteln Berlins, in Kreuzberg, Friedrichshain, in Mitte oder in Prenzlauer Berg, in den Cafés und Bars fällt der Trend besonders auf: Man spricht spanisch. Junge Leute aus Madrid, aus Barcelona, aus Sevilla kommen in Scharen nach Deutschland, weil sie sich hier eine bessere Zukunft erhoffen, und besonders gerne kommen sie in die Hauptstadt.

Spanien steckt mitten in einer Wirtschaftskrise, deshalb kommen viele gut ausgebildete Fachkräfte nach Deutschland. Darauf deuten jetzt auch Zahlen des Statistischen Bundesamtes hin.

(Foto: REUTERS)

Spanien steckt mitten in einer Wirtschaftskrise: Mit 45,8 Prozent ist die Jugendarbeitslosenquote hier höher als in jedem anderen Land in Europa. Viele gut ausgebildete Fachkräfte sehen deshalb ihre einzige Chance darin, die Heimat zu verlassen und im Ausland nach Arbeit zu suchen. Deutschland, wo Fachkräfte gesucht werden, ist das bevorzugte Ziel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Frühjahr zu Besuch beim ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero in Madrid. Sie sprach am Rande des Treffens von 100.000 offenen Ingenieursstellen und vom Fachkräftemangel in Deutschland. Am Tag danach waren die Zeitungen voller Analysen und Kommentare. Auch wenn die Zahl inzwischen nach unten korrigiert wurde, Merkels Worte haben offenbar nachhaltige Wirkung hinterlassen.

Jetzt lässt sich der Zustrom der Spanier nach Deutschland auch mit konkreten statistischen Daten belegen: Im ersten Halbjahr 2011 legte die Zuwanderung aus Spanien nach Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge um 49 Prozent oder 2400 Personen gegenüber dem ersten Halbjahr 2010 zu. Aus Griechenland kamen sogar 84 Prozent mehr Einwanderer nach Deutschland, das entspricht 4100 Personen.

Griechenland und Spanien, das sind die beiden Länder, die von der Wirtschafts- und Eurokrise am stärksten betroffen sind und wo sich die Krise besonders dramatisch auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt hat. 18 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in Griechenland, in Spanien sind es auf alle Arbeitnehmer bezogen sogar 23 Prozent. Ob die neuen Einwanderer hierzulande erwerbstätig sind, ergibt sich aus der Statistik allerdings nicht.

Klaus J. Bade, Migrationsforscher und Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration in Berlin führt den verstärkten Zustrom aus den beiden südeuropäischen Ländern auf die Wirtschaftskrise zurück: "Es gibt eindeutige Belege für eine Konjunktur- und Krisenwanderung. Der entscheidende Push-Faktor ist die miserable Situation in Griechenland und Spanien."

Deutschland sei in Europa ein doppelter Krisengewinner: Einmal, weil die wirtschaftliche Lage hierzulande noch wesentlich besser sei als in den anderen EU-Ländern. Zum anderen, weil die meisten Arbeitskräfte, die aus Griechenland und Spanien kämen, relativ gut ausgebildet seien und für den hiesigen Arbeitsmarkt sehr hilfreich seien. Den Fachkräftemangel in Deutschland könne man allein mit den Einwanderern aus Griechenland und Spanien aber nicht lösen. Dazu seien die absoluten Zahlen zu gering.

Stärkere Zuwanderung auch aus Osteuropa

Auch aus den osteuropäischen Ländern, die 2004 der EU beigetreten waren, stieg die Zahl der Einwanderer überdurchschnittlich an, nämlich um 30 Prozent. Für diese Staaten - Polen, Ungarn, die Slowakei, Bulgarien und Rumänien - waren im Mai die letzten Beschränkungen für den freien Zugang zum Arbeitsmarkt aufgehoben worden.

Insgesamt zogen nach den vorläufigen Ergebnissen im ersten Halbjahr 2011 435.000 Personen nach Deutschland. Das ist gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres eine Zunahme um 19 Prozent oder um 68.000 Personen. Von den Zugezogenen waren 381.000 Ausländer, ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2010. Insgesamt 62 Prozent der nach Deutschland eingewanderten Menschen hatten vorher in einem anderen EU-Staat gelebt.

Zugleich verließen weniger Menschen Deutschland als im ersten Halbjahr 2010. Etwa 300.000 Menschen zogen aus der Bundesrepublik fort, 6000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich kamen also 135.000 Personen mehr nach Deutschland als von hier wegzogen. Der Überschuss stieg somit um 122 Prozent oder 61.000 Personen.