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Gender Pay Gap:Die Lohnlücke in den Köpfen

Group of business people discussing in meeting model released Symbolfoto property released PUBLICATI

Gleiche Arbeit, aber vielleicht unterschiedliche Gehälter.

(Foto: Zeljko Dangubic/imago)

Mit welchem Einkommen rechnen Studentinnen und Studenten? Eine Studie offenbart große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer verlangen oft einfach mehr und bekommen auch mehr.

Nadine, 23, hat ihren Bachelor in Maschinenbau in Aachen abgeschlossen. Gerade macht sie ein Praktikum in Südafrika bei einer Förderbank, im Herbst fängt sie den Master in München an. Und dann? "Ich könnte mir im Moment gut vorstellen, in eine Technologie-Beratung zu gehe", sagt sie. In Umweltprojekten, wofür sie sich interessiere, würde man mit einem Maschinenbaustudium wohl eher weniger bekommen; schwer zu sagen, wie viel genau. Sie überlegt. "45 000 Euro vielleicht?"

Jörn, 22, hat mit ihr im Winter 2015 in Aachen angefangen. Der typische Maschinenbauer, sagt er, sei er nicht. "Lohn ist nicht alles." Wichtiger ist ihm ein Job mit Sinn. "Im Idealfall nachhaltig, ist aber schwer zu finden." Wie viel Geld er erwartet? "Wenn ich unbedingt pauschal was angeben muss: 50 000 im Jahr." Mit ihrem vollen Namen wollen weder Jörn noch Nadine in die Öffentlichkeit; Geld ist schließlich ein sensibles Thema.

Zwei Studierenden, dasselbe Fach, ähnliche Berufsziele. Und trotzdem rechnet sie mit sehr viel weniger Einkommen als er. Warum?

Zwischen den Geschlechtern klaffen die Gehälter stark auseinander. Im Durchschnitt verdienen Frauen 21 Prozent weniger in der Stunde als Männer - so groß ist der sogenannte Gender Pay Gap in Deutschland. Nun zeigt eine groß angelegte Studie des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), die der SZ vorab vorlag: Die Kluft beginnt nicht erst im Job, sie beginnt schon davor in den Köpfen - so wie im Beispiel der beiden Aachener Maschinenbau-Studenten. Frauen verdienen gewissermaßen schon dann weniger, wenn sie noch gar nicht angefangen haben, zu arbeiten.

Die Forscher um die Kölner Wirtschaftsprofessorin Pia Pinger werteten die Angaben von 15 000 Studierenden aller Fachrichtungen aus, die sie in Kooperation mit einer Studentenjobbörse befragen konnten. Die Männer rechneten demnach mit einem Einstiegsgehalt von 39 076 Euro brutto im Jahr. Ihre Kommilitoninnen gehen im Durchschnitt nur von einem Einstiegsgehalt von 33 434 Euro aus. Die Forscher fragten die Studierenden auch, mit welchem Gehalt sie jeweils mit 40 und 55 Jahren rechnen. Mit dem Alter wird die dabei erwartete Lohnlücke größer - in ähnlichem Ausmaß, wie man es auch in der Wirklichkeit beobachtet. Über das ganze Leben betrachtet rechnen Studentinnen mit gut 22 Prozent weniger Einkommen als Studenten. "Mich hat überrascht, wie groß dieser Unterschied ist, obwohl die Studierenden noch kaum Berührung mit dem Arbeitsmarkt hatten", sagt Ökonomin Pinger. "Und es ist erstaunlich, wie nah die erwartete Lohnlücke an der echten liegt."

Männer sind offenbar eher dazu bereit, beim Gehalt hoch zu pokern

Zu einem großen Teil erklären sich die Unterschiede in den Einkommenserwartungen damit, dass sich Männer und Frauen für verschiedene Fächer einschreiben und andere Jobs anstreben. Die Germanistin rechnet schon im Studium mit weniger Geld als der Maschinenbauer. Aber auch innerhalb der Fächer schätzen Frauen ihre Einkommensperspektiven schlechter ein als die Männer, mit denen sie im selben Hörsaal sitzen. Die Maschinenbauerin kalkuliert nach dem Abschluss mit weniger Geld als der Maschinenbauer. Und auch diese erwartete Lohnlücke ist erstaunlich nah an der echten.

Die große Frage war für Pingers Team: Woher kommt das? Erwarten Frauen weniger Einkommen, weil sie tatsächlich häufig schlechter bezahlt werden? Oder werden Frauen schlechter bezahlt, weil sie mit niedrigeren Erwartungen in den Job gehen? Die Forscher warfen einen genaueren Blick in die Daten, um herauszufinden, was Ursache und was Wirkung sein könnte. In der Suche nach einer Antwort analysierten sie zum Beispiel, ob die Herkunftsregion der Studierenden eine Rolle spielt.

Im Norden ist die Lohnlücke kleiner als im Süden, in den neuen Bundesländern kleiner als in den alten. Aber die Herkunft hat für die Einkommenserwartung keine Bedeutung: Studentinnen, die aus Regionen mit kleiner Lohnlücke stammen, rechnen deswegen nicht unbedingt auch für sich selbst mit einem Einkommen, das näher an dem der Männer liegt. Auch die Höhe der Lohnlücke in der Studienregion spiele keine Rolle. Und auch die Höhe des Gender Pay Gaps in der Tätigkeit, in der manche Studierende neben der Uni jobbten, hatte keinen Effekt. Die Lohnlücke im Kopf scheint also nicht unbedingt Folge dessen zu sein, was die Studentinnen auf dem Arbeitsmarkt beobachten. Offenbar prägen die Erwartungen die Wirklichkeit, nicht umgekehrt. Aber wie kommen die Studenten zu ihren Lohnvorstellungen?

Womöglich trauen sich Frauen weniger zu und gehen daher von geringeren Löhnen aus, überlegten Pinger und ihr Team. Auch dazu konnten sie Daten auswerten. Die Befragten hatten einen kurzen Intelligenztest ausgefüllt; außerdem sollten sie angeben, wie sie ihre Fähigkeiten im Vergleich zu denen der Kommilitonen sehen. So konnten die Forscher ermitteln, ob ein Befragter sich eher über- oder unterschätzt. Für die erwartete Lohnlücke war das aber nahezu irrelevant.

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Eine Antwort fanden Pinger und ihre Kollegen erst, als sie sich anschauten, welche Vorstellungen sich die Studierenden von Gehaltsgesprächen machen - und wie unterschiedlich die zwischen den Geschlechtern ausfallen. Die Ökonomen hatten die Studierenden gefragt, welche Summe sie in einer Verhandlung fordern würden und was das schlechteste Angebot wäre, das sie gerade noch so akzeptieren könnten. Dabei zeigte sich: Männer verlangen mehr - und ihr Verhandlungsspielraum ist größer. "Sie sind offenbar eher dazu bereit, beim Gehalt hoch zu pokern", sagt Pinger. "Und das erklärt tatsächlich zumindest zu einem guten Teil, warum sie mit höheren Einkommen rechnen als Frauen."

Die unterschiedlichen Verhandlungsstrategien würden auch erklären, warum sich die Lohnvorstellungen in den Köpfen später so genau auf die Zahlen auf dem Gehaltszetteln übertragen. Forscherin Pinger schlägt daher im Kampf gegen die Lohnungleichheit gezielte Verhandlungstrainings vor - und mehr Informationen darüber, wie weit die Einkommen auseinanderklaffen und mit welch unterschiedlichen Strategien Männer und Frauen in die Gespräche gehen.

Maschinenbau-Studentin Nadine hat an ihrer Uni ein solches Training gemacht. "Meine Motivation, mich da als Frau nicht kleiner zu machen, hat das bestärkt", sagt sie. "Ich bin mir aber sehr unsicher, ob mir das vom Typ her gelingen würde." Ihre Gehaltsforderung? "Spontan? 50 000."

Ihr Kommilitone Jörn würde bei seinem ersten Job vielleicht 59 000 Euro fordern. "Wenn ich viele Alternativen hätte: 69 000 Euro", sagt er. "Ich glaube, allzu übermütig wäre ich in einer Gehaltsverhandlung nicht."

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