bedeckt München

Doktortitel kaufen:Titel ergaunern - mit krimineller Energie

Christian Bücherl, 30, ist (echter) Diplom-Kaufmann und einer von drei Geschäftsführern einer Internetfirma im Münchner Stadtteil Haidhausen. Zusammen haben sie www.titel-kaufen.de im August 2009 gestartet. Ein Scherzprojekt, sagt Bücherl. Doch was ursprünglich der eigenen Belustigung diente, hat sich in ein Ärgernis verkehrt. Ja, die Weltsicht dieses jungen Mannes hat sich verschoben. "Es ist doch traurig", sagt er, "wenn so viele Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten so viel kriminelle Energie aufbringen."

Die Energie liegt darin, dass sich die Leute die Vorzüge eines Titels ergaunern wollen und nichts zu investieren bereit sind. Außer Geld. Knapp 3000 Anfragen hat www.titel-kaufen.de bislang bekommen. Von potentiellen Betrügern, die den Klamauk nicht durchschaut haben, und treuherzig die Online-Bestellformulare ausfüllten.

Das gesammelte Material gibt einen unverfälschten Einblick in die Motivation potentieller Titelbetrüger. Im Grunde handelt es sich bei dieser Satireaktion um einen Feldversuch. Hat nicht auch die Titanic mit bizarren Inszenierungen und gefakten Anrufen bizarre Wahrheiten zutage gefördert? Wenn man diesen Stoff wissenschaftlich bearbeitet, könnte man locker eine passable Dissertation daraus stricken.

"Man hinterfragt plötzlich sehr viel"

Bücherl selbst will nicht promovieren. Kein Impetus, keine Zeit. Erfolg hat er ja schon, mit seiner Firma.

Die meisten Interessenten, die auf diese Seite klicken, wollen Doktor werden. Das lässt sich an den eingegebenen Suchbegriffen zweifelsfrei ablesen. Die Unterseite "Doktortitel ohne Studium" verzeichnet 64.000 Aufrufe. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren. Bücherl hat längst aufgehört, alle Bestellungen zu sichten. Und er hat noch nie eine beantwortet. Manchmal, sagt er, gehe er durch die Stadt, und wenn er einen Pulk von Anzugträgern sieht, komme ihm das alles falsch vor. "Man hinterfragt plötzlich sehr viel."

Dann zeigt einem Bücherl die Zuschriften. Die Leute sind bereit, neben Namen, Geburtsdatum und Abschluss ihre Motive anzugeben. Bücherl präsentiert die Zuschriften anonymisiert. Aus vielen liest er Dreistigkeit heraus, aus einigen Verzweiflung und - vereinzelt - auch Dummheit.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite