Notfallsanitäter Retter für Verletzte, Randalierer und einsame Damen

Eine alternde Gesellschaft, wachsende Vereinsamung und Ärztemangel auf dem Land führen dazu, dass die 112 immer öfter gewählt wird.

(Foto: Reinhard Eisele / Mauritius Images)

Mehr Geld, mehr Befugnisse: Der Beruf des Notfallsanitäters ist mit einer neuen Ausbildungsordnung attraktiver geworden. Doch viele halten den Job nicht lange durch.

Von Marco Völklein

Der erste Einsatz an diesem Dienstag führt Silja Wurm und Marcel Fleig in ein Einkaufszentrum. "In einen der größten Supermärkte Nürnbergs", wie Notfallsanitäterin Wurm gleich am Eingang sagt. Denn das bedeutet für die Retter mitunter: lange Wege, unübersichtliche Gänge. An diesem Tag aber helfen die Beschäftigten des Marktes mit: Ein Mitarbeiter empfängt den Rettungswagen schon am Eingang, bleibt auch dort und wartet auf den kurz danach eintreffenden Notarzt. Eine Kollegin führt Wurm und Fleig derweil zum Patienten.

Der liegt zwischen Billigklamotten und Dosenravioli am Boden, hat offenbar einen Kollaps erlitten. Zwei Ersthelfer kümmern sich bereits um den blass gewordenen Mann, Silja Wurm kniet sich zu ihm: "Was ist denn passiert?" Sie und ihr Kollege Fleig merken sofort: Das ist eine nicht ganz unkritische Situation; der Mann berichtet von mehreren Vorerkrankungen, von einer Leukämie und einer Herz-OP.

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Wurm schließt den 72-Jährigen an das EKG an, Fleig legt an seiner linken Hand einen venösen Zugang, um eine Kochsalzlösung verabreichen zu können. Gemeinsam mit dem Notarzt bringen sie den Patienten erst in den Rettungswagen, dann in ein Nürnberger Klinikum. "Das war ein gutes Setting", sagt Wurm später - versierte Ersthelfer vor Ort, Einweiser am Eingang, genug Platz in dem weitläufigen Supermarktgang, um den Patienten versorgen zu können. "Da hat alles super gepasst."

Die 25-Jährige kennt aber auch andere Situationen. Seit etwas mehr als zwei Jahren arbeitet sie als Notfallsanitäterin für die Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) in Nürnberg, eilt mit dem Rettungswagen zu allen möglichen Tag- und Nachtzeiten zu den verschiedensten Einsätzen. Was ihr gefällt an dem Beruf? "Die Abwechslung", sagt sie. Der Umgang mit Menschen aus sämtlichen Schichten, dazu die medizinischen Herausforderungen - all das zeichne den Beruf aus, sagt sie. Ein Job im Büro oder eine Stelle als Fachkraft auf einer Station im Krankenhaus - würde sie das denn nicht reizen? "Nein", sagt Silja Wurm. "Ich will draußen sein auf der Straße."

Das aber will nicht unbedingt jeder. Wie in fast allen Ausbildungsberufen - und vor allem im Gesundheitswesen - sind Notfall- und Rettungssanitäter gesucht. Insbesondere in ländlichen Regionen zeichne sich ein Mangel an Bewerbern ab, sagt Alexander Hameder, Leiter Einsatzdienste beim bayerischen JUH-Landesverband. Zugleich gebe es aber gerade in Großstädten auch eine große Anzahl an Bewerbern, ergänzt Marion Leonhardt von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Man habe sich in den vergangenen Jahren stark für ein neues Notfallsanitätergesetz eingesetzt. "Durch dieses ist es gelungen, die Tätigkeit deutlich attraktiver zu gestalten als früher", sagt sie.

Notfallsanitäterin Silja Wurm

(Foto: Marco Völklein)

Tatsächlich gibt es den Beruf des Notfallsanitäters erst seit 2014. Vorher musste, wer zum Beispiel in Bayern verantwortlich auf einem Rettungswagen am Patienten arbeiten wollte, eine Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert haben. Und die hatte ihre Tücken: Während der insgesamt zweijährigen Ausbildung mussten Anwärter für die Kosten der Berufsschule selbst aufkommen; laut Leonhardt konnten dafür bis zu 8000 Euro fällig werden. Das an die schulische Ausbildung anschließende einjährige Praktikum bekamen sie mitunter gar nicht vergütet. Vielen in der Branche sei klar gewesen, dass das "nicht mehr zeitgemäß war", sagt JUH-Mann Hameder.

Viele Sanitäter wünschen sich mehr Rechtssicherheit

Nun also gelten neue Regeln. Die Ausbildung zum Notfallsanitäter dauert inzwischen drei Jahre und wird komplett vom Ausbildungsbetrieb bezahlt. Neben einer intensiven schulischen Ausbildung stehen unter anderem Praxisanleiter an Lehrrettungswachen den Auszubildenden zur Seite, die zudem während zahlreicher Praktika an Kliniken einen intensiven Einblick in viele medizinische Bereiche erhalten.

Zudem darf der Notfallsanitäter nun auch in bestimmten Fällen Medikamente verabreichen - wenngleich sich viele in der Branche wünschen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen konkreter gefasst würden. Bei vielen herrscht nach wie vor das Gefühl vor, ständig "mit einem Bein im Gefängnis" zu stehen.

Auch die Bezahlung wurde zuletzt angehoben, sagt Leonhardt: Nach den von Verdi ausgehandelten bundesweiten Tarifverträgen verdient ein Notfallsanitäter zu Beginn seiner Tätigkeit zwischen 2500 und fast 3000 Euro pro Monat, binnen fünf Jahren steigt der Verdienst bei den meisten Arbeitgebern (das können neben Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz oder Arbeiter-Samariter-Bund auch Kommunen und private Anbieter sein) auf gut 3600 Euro.

Rettungssanitäter Marcel Fleig

(Foto: Marco Völklein)

Unterhalb des Berufs des Notfallsanitäters ist auch weiterhin der des Rettungssanitäters mit einer abgespeckten medizinischen Ausbildung angesiedelt; er ergänzt quasi den Notfallsanitäter. So schreibt beispielsweise in Bayern das Gesetz vor, dass ein Rettungswagen künftig mit mindestens einem Notfallsanitäter als verantwortlichem "Transportführer" besetzt ist, ihn unterstützt meist ein Rettungssanitäter.

Doch egal, ob es sich um Notfall- oder Rettungssanitäter handelt - der Bedarf für beide Tätigkeiten dürfte in den kommenden Jahren weiter wachsen, das sagen viele in der Branche. Die alternde Gesellschaft wird die Zahl der Notfalleinsätze weiter steigen lassen, schätzen zum Beispiel Notfallmediziner der Uni München. Zudem dürfte vor allem in ländlich geprägten Regionen der Mangel an Hausärzten eher zu- statt abnehmen, viele Landkrankenhäuser müssen schließen oder ihr Angebot reduzieren. "Und wen rufen die Leute dann?", fragt Hameder. "Den Rettungsdienst."