Überstunden "Es ist entlastend zu wissen, dass man die Nacht durcharbeiten kann"

Arbeiten unter Zeitdruck: Wer öfter Überstunden macht, leidet auch öfter unter körperlichen Stresserscheinungen.

(Foto: dpa)

Nach dem Urteil zur Arbeitszeiterfassung befürchten viele Berufstätige noch mehr Stress. Sie wollen sich Überstunden nicht verbieten lassen. Doch Psychologe Dirk Lehr bezweifelt, dass ihre Mehrarbeit wirklich freiwillig ist.

Interview von Larissa Holzki

Der Chef ruft nach Feierabend an, Präsentationen werden bis spät in die Nacht ausgearbeitet, Mitarbeiter brennen für den Job aus. Doch ein Urteil, das die Entgrenzung der Arbeitszeit eindämmen könnte, stößt bei vielen Arbeitnehmern auf Skepsis. Sie haben Angst, die Kontrolle von Arbeitszeiten führe bloß zu noch mehr Stress. Dirk Lehr, Gesundheitspsychologe an der Leuphana-Universität in Lüneburg, kann das nachvollziehen.

SZ: Herr Lehr, eben noch wurde über Arbeitslast geklagt, plötzlich wollen viele ein Recht darauf, so lange zu arbeiten, wie sie wollen. Leisten Mitarbeiter ihre Überstunden nun freiwillig oder nicht?

Dirk Lehr: Da würde ich genauer nachfragen. Ist die Arbeit in acht Stunden zu schaffen? Es ist entlastend zu wissen, dass man die Nacht vor einem wichtigen Meeting durcharbeiten kann, wenn man noch nicht gut vorbereitet ist. Da sagt niemand, du musst weitermachen. Aber der Antrieb ist die Sorge, schlecht dazustehen. Das ist auch nur halb freiwillig.

In vielen Berufen geht es nicht bloß ums fertig werden. Wer mehr schuftet, erzielt auch bessere Ergebnisse. Welche Rolle spielt Ehrgeiz?

Klassischerweise denken nur Unternehmer so: Je mehr Aufträge ich reinhole, desto besser geht es der Firma. Aber das Prinzip haben sie auf die Mitarbeiter übertragen, indem sie deren Erfolg an Kennzahlen festgemacht haben: Wie viele Artikel hat ein Wissenschaftler in Fachzeitschriften publiziert? Wie viel Pakete hat ein Bote ausgeliefert? Keiner fragt sie, wie lange hast du dafür gebraucht. Diese Logik haben viele Beschäftigte akzeptiert.

Das Prinzip führt direkt in den Dauerstress: Es reicht nie. Besser geht immer. Da ist Burn-out doch programmiert.

Ob jemand Stress erlebt, hat nicht nur damit zu tun, wie viel er arbeitet. Entscheidend ist, ob sich der Einsatz lohnt. Sehr wichtige Faktoren für Stress und Depressionen sind Anerkennung von anderen und die Selbstwertschätzung.

Interview am Morgen

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Wie kommt man zu Selbstwertschätzung, wenn es kein Lob von außen gibt?

Da haben Menschen unterschiedliche Strategien. Wichtig sind zum Beispiel Dialoge im Kopf. Man kann sich sagen: Ich habe jetzt acht Stunden gearbeitet, damit kann ich per se schon zufrieden sein. Oder man erzählt seinen Freunden, wie gut man vorangekommen ist.

Man soll ein bisschen rumprahlen?

Viele gestehen sich das nicht zu, obwohl sie negative Erlebnisse ganz selbstverständlich teilen. Ein Lehrer hat mir erzählt, dass er nach einem abgeschlossenen Projekt immer in den Baumarkt fährt und sich ein neues Werkzeug kauft. Das ist klug. Das Gehirn braucht solche Symbole, dass wieder ein Hügel erreicht ist. Denn in vielen Berufen ist es heute gar nicht so einfach, seinen Anteil am Gesamterfolg zu sehen.

Die Anerkennung von anderen spielt beim Thema Stress eine große Rolle, sagt Dirk Lehr.

(Foto: Brinkhoff-Moegenburg/Leuphana)

Wie sollten Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit echten Leistungsflauten umgehen? Wer einen Designer einstellt, geht davon aus, dass er während der Arbeitszeit kreative Ideen hat.

Konzentrations- und Leistungsfähigkeit schwanken. Sie hängen von der Ernährung, der Bewegung und dem Gesundheitszustand ab. Das ist menschlich, damit muss der Arbeitgeber rechnen. Wenn man am Schreibtisch sitzt und nicht auf dem Laufband stehen kann, ist das Arbeitszeit. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich brauchen Unternehmen ein Steuerungselement, damit Mitarbeiter nicht nur physisch anwesend sind. Ich finde Kennzahlen grundsätzlich richtig.

Was ist die Lösung?

Die Diskussion um die Arbeitszeiterfassung sehe ich als Chance. Sie kann bewusst machen, dass es ein Wert an sich ist, wenn Leute ihre Zeit mit Zielen und Anliegen ihrer Firma verbringen. Im besten Fall führt die Zeiterfassung zu einer realistischen Einschätzung, wie lange bestimmte Tätigkeiten im Schnitt aus guten und schlechten Tagen dauern.

Was sagen Sie zu der Angst, die Zeiterfassung bringe noch mehr Stress?

Dokumentieren ist nicht per se anstrengend. Wir erleben Tätigkeiten als stressig, wenn sie uns von dem abhalten, womit wir unsere Zeit verbringen wollen. Der Arzt will den Patienten untersuchen, der Journalist schreiben. Es kommt also auf eine nutzerfreundliche Methode an. Nehmen Sie den Schrittzähler: Früher hätte kein Gesundheitspsychologe Leute dazu motivieren können, ihre Schritte zu zählen. Heute macht das eine App, und viele teilen ihre Ergebnisse sogar in den Netzwerken.

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