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Arbeitszeiterfassung:Bei Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz drohen hohe Strafen

Stephan Batteiger und seine Geschäftsführungskollegen bei der Agentur Peerigon in Augsburg haben die Arbeitszeiterfassung schon vor fünf Jahren eingeführt. Die 22 Mitarbeiter starten die App Clockodo, wenn sie mit der Arbeit beginnen und wählen das Projekt aus, mit dem sie beschäftigt sind. Sie entwickeln Software für verschiedene Kunden.

Für die Chefs ist kaum ersichtlich, wem sie wie viel Zeit widmen. Die Dokumentation hilft ihnen doppelt: Sie können Rechnungen belegen und Prozesse verbessern. "Die Zeiterfassung hat bestätigt, dass wir insgesamt schneller sind, wenn das ganze Team von Beginn an mitentscheidet", sagt Batteiger. Meetings hätten einen schlechten Ruf, aber die Zeit sei nachweislich gut investiert.

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Andere Arbeitgeber schimpfen über das Urteil. "Eine Eins-zu-eins-Umsetzung in deutsches Recht würde alles auf den Kopf stellen, was ein modernes Unternehmen mit seinen Mitarbeitern machen sollte", sagt Peer-Robin Paulus vom Verband der Familienunternehmer: Hauptleidtragende würden die Arbeitnehmer sein, weil sie in der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf behindert würden. Batteiger sieht das anders: Wer am Mittwoch mit den Kindern an den See fahren wolle, könne am Samstag arbeiten. Nur der Sonntag sei tabu. Einmal im Monat schaue er sich an, ob jemand zu viel gearbeitet hat. Dann würden Lösungen gesucht.

Könnte die Arbeitszeitrichtlinie reformiert werden? Das ist umstritten

Manche Arbeitnehmer nehmen an den Ruhezeiten Anstoß, die sie bald nachweisen sollen. Von acht bis zwölf arbeiten, dann Kinder betreuen, um sich von 18 bis 22 Uhr wieder an den Schreibtisch zu setzen - das geht der EU-Arbeitszeitrichtlinie nach nicht. Zwischen zwei Arbeitsintervallen müssen mindestens elf Stunden liegen (schon der zweigeteilte Arbeitstag ist bei strenger Auslegung der Richtlinie wohl nicht zulässig). Ob die Regel reformiert werden könnte, ist unter Juristen höchst umstritten. Die Begrenzung der Arbeitszeit gilt als eine der größten Errungenschaften der modernen Arbeitswelt - und muss in anderen Ländern längst dokumentiert werden.

Die Schweiz, Österreich und Italien etwa haben bereits die umfängliche Zeiterfassung, in Frankreich müssen Arbeitsbeginn und -ende sowie Ruhepausen aufgezeichnet werden, wenn Arbeitnehmer individuelle Verträge haben. Ausnahmen sind für leitende Angestellte vorgesehen, in Österreich für Mitarbeiter in Homeoffice und Außendienst. Kontrollieren müssen das die Arbeitsinspektionen, Behörden und Personalvertreter, stichprobenartig und bei Beschwerden. Bei Verstößen drohen drei bis vierstellige Bußgelder pro Fall.

Eine Studie der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften stellt fest, dass die Dokumentation vereinzelt als "mühsam" wahrgenommen werde und Probleme bei der technischen Umsetzung bestehen. Das einzige Problem aus Sicht des Schweizer Arbeitsrechtsanwalts Raphael Ciapparelli: "Die Arbeitsinspektoren müssten viel mehr kontrollieren."

Missachten deutsche Arbeitgeber Höchstarbeitszeiten, drohen Geldbußen bis zu 15 000 Euro pro Verstoß und Arbeitnehmer. Es können sogar Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr gegen Geschäftsführer verhängt werden, wenn sie mehrmals erwischt werden. Die Angst vor solchen Konsequenzen könnte die eigentliche Erklärung für die Aufregung sein. So oder so: Kommen muss die Zeiterfassung. Juristen mutmaßen, dass der Bund Arbeitnehmern Schadenersatz zahlen muss, wenn Altmaier das Urteil zu lange prüft.

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