Krieg in der Ukraine:"Am schlimmsten ist die Situation für Frühgeborene"

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Krieg in der Ukraine: Menschen warten in Lwiw in der West-Ukraine auf einen Zug nach Polen.

Menschen warten in Lwiw in der West-Ukraine auf einen Zug nach Polen.

(Foto: Bernat Armangue/AP)

Unter den vielen Geflüchteten aus der Ukraine sind auch schwer kranke Kinder. Ein Gespräch mit dem Arzt Dominik Schneider darüber, wie man ihnen hilft, wer das zahlt und was ihn bisher am meisten berührt hat.

Von Nina Himmer

Immer mehr Menschen flüchten vor dem Krieg in der Ukraine, darunter sind auch krebskranke Kinder. Onkologen drängen darauf, sie schnell medizinisch zu versorgen. Einer von ihnen ist Professor Dominik Schneider, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund.

SZ: Herr Schneider, seit Kriegsbeginn sind rund 100 krebskranke Kinder aus der Ukraine in Deutschland eingetroffen. Auch bei Ihnen?

Dominik Schneider: Wir haben in Dortmund bisher drei Kinder aufgenommen, und es werden ganz sicher noch mehr. Gerade versorgen wir ein fünfjähriges Mädchen mit einem großen Bauchtumor sowie zwei Jungen, acht und 17 Jahre alt, die an Leukämie erkrankt sind.

Wie sind diese Patienten zu Ihnen gekommen?

Die meisten Geflüchteten kommen gerade in Polen an, darunter auch krebskranke Kinder. Die polnischen Kinderkrebszentren können das alleine nicht stemmen, deshalb werden die Kinder und ihre Begleitpersonen in Bussen unter anderem nach Deutschland gebracht und hier auf Kliniken verteilt.

Wer kümmert sich darum?

Der Transport erfolgt über Hilfsorganisationen oder private Initiativen. Manche Kollegen machen das gerade in ihrer Freizeit. Wir profitieren aber auch von einem hervorragend organisierten Netzwerk aus deutschen und internationalen Fachgesellschaften wie der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie oder der Deutschen Kinderkrebsstiftung. Das erleichtert die Koordination enorm. Um die Verteilung der Kinder kümmert sich aktuell vor allem das Kinderonkologische Zentrum der Berliner Charité. Dort schaut man sich die Fälle genau an: Welche Erkrankung liegt vor? Welche Behandlungen wurden bereits in der Ukraine eingeleitet und sind dokumentiert? Wie dringlich ist die Weiterbehandlung? Bestehen Komplikationen? Braucht das Kind hoch spezialisierte Therapien wie eine Stammzelltransplantation?

Krieg in der Ukraine: Professor Dominik Schneider, Jahrgang 1966, ist Kinderonkologe, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Professor Dominik Schneider, Jahrgang 1966, ist Kinderonkologe, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

(Foto: Stephan Schütze)

Reichen die Kapazitäten in Deutschland für diese zusätzlichen Behandlungen denn aus?

Wir sind gut aufgestellt, hierzulande gibt es rund 50 Kinderkrebszentren. Das ist machbar, zumal ganz Westeuropa hilft und auch andere Länder bereit sind, Kinder medizinisch zu versorgen.

Welche Rolle spielt der Faktor Zeit bei der Versorgung dieser Kinder?

Eine schnelle Versorgung ist aus vielen Gründen wichtig: Chemotherapien etwa führen zu einer starken Schwächung des Immunsystems. Das Risiko von schweren, auch lebensbedrohlichen Infektionen ist also hoch. Eine effektive Hygiene ist auf der Flucht unmöglich. Je länger die Flucht, desto höher die Risiken. Bei einigen geflüchteten Kindern haben wir bereits Corona-Infektionen gesehen. Andere Kinder sind immer wieder auf Transfusionen angewiesen oder benötigen spezielle Medikamente, etwa um Abstoßungsreaktionen nach einer Transplantation zu verhindern. Außerdem schränkt eine Unterbrechung einer Chemo- oder Strahlentherapie die Effektivität solcher Behandlungen ein. Im schlimmsten Fall, vor allem bei langen Pausen, kann sich der Krebs erholen und zurückkehren.

Und Krebs ist nicht die einzige Krankheit, die medizinische Versorgung erfordert.

Tatsächlich mache ich mir ebenso große Sorgen um chronisch kranke oder behinderte Kinder. Ihre Lobby ist schwächer, Hilfe schlechter organisiert. Am schlimmsten ist die Situation für Frühgeborene, die gerade in der Ukraine zur Welt kommen. Diese Kinder brauchen sofort vor Ort medizinische Versorgung, einen längeren Transport würden sie nicht überleben. Das gilt auch für Neugeborene mit zum Beispiel einem schweren Herzfehler oder anderen Fehlbildungen. Diese Kinder brauchen sichere und gut ausgestattete Kliniken, aber die gibt es in einem ins Mittelalter zurückgebombten Land nicht. Da können wir kaum helfen. Das ist eine sehr bittere Erkenntnis.

Was wissen Sie über die aktuelle Situation ukrainischer Kinder- und Jugendkliniken?

Ich kenne die Situation primär aus den Medien. Aber ich höre, die Lage sei katastrophal. Krankenhäuser wurden bombardiert, Medikamente werden knapp, medizinisches Personal ist auf der Flucht, Patienten harren in Kellern aus. Unter solchen Bedingungen bricht die medizinische Versorgung zusammen. Ich habe zudem über ehemalige Patienten direkte Kontakte in die Ukraine und über die Fachgesellschaften indirekte. Ein kinderonkologischer Kollege arbeitet als Arzt in einer Klinik in Odessa. Wir haben versucht, ihn zu erreichen - bisher ohne Erfolg.

In welchem Zustand kommen die Kinder in Deutschland an?

Medizinisch betrachtet sind die meisten in einem guten Zustand. Die Versorgungsstandards in der Ukraine waren offenbar sehr hoch, davon bin ich wirklich beeindruckt. Psychisch und emotional sieht es anders aus. Die Familien sind extrem belastet, haben eine lange Flucht hinter sich, sind teils traumatisiert. Sie kommen hier buchstäblich nur mit ihren Klamotten am Leib an und haben nichts mehr. Dazu kommt die Angst um das Kind. Eine Krebsdiagnose ist ohnehin schon schwerwiegend, aber in Kriegszeiten? Problematisch ist auch die Lage der Bezugspersonen. Die meisten Kinder kommen mit ihren Müttern, nur selten sind auch die Väter dabei. Viele mussten im Krieg zurückbleiben.

Wie kann man helfen?

Es geht nicht nur um die medizinische Versorgung, sondern vor allem um das Ankommen im Land: Die Patienten und ihre Angehörigen brauchen Kleidung, Nahrung, eine Unterkunft, Hilfe mit Behördengängen. Da helfen Spenden wahrscheinlich gerade am meisten. Etwa über die Kinderkrebshilfe, die Elternvereine der Kliniken oder direkt über die Krankenhäuser. Diese Kinder brauchen nicht nur Medikamente und ein Bett im Krankenhaus, sondern auch eine Umgebung, in der Genesung möglich ist. Wir stehen da am Anfang eines Marathons.

Wie wird die Behandlung der Patienten finanziert?

Das ist bisher noch nicht geregelt. Wir verlassen uns da auf Gesundheitsminister Lauterbach. Er hat zugesichert, dass Deutschland die Versorgung schwer kranker Patienten aus der Ukraine übernehmen wird - und das trifft natürlich auf diese Kinder zu. Aus dem Jahr 2015 wissen wir, dass es gut funktionieren kann, geflüchtete Menschen in die medizinische Versorgung zu integrieren. Damals wurde das über die Sozialämter und dann die gesetzlichen Kassen organisiert. Wir hoffen sehr, dass das Thema politisch schnell geklärt wird.

Wir handhaben Sie die Sprachbarriere?

Wir improvisieren, das klappt bisher ganz gut. Einige Mitarbeiter hier sprechen Ukrainisch oder Russisch, auch Privatpersonen helfen aus.

Apropos Übersetzen: Was hat Sie in den Gesprächen mit den Patienten bisher am meisten berührt?

Unser 17-jähriger Leukämie-Patient wird bald volljährig und ist deshalb regelrecht panisch. Er hat mehr Angst davor, nach seinem Geburtstag zurück in den Krieg zu müssen, als vor seiner Krankheit.

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