Hypnose Operation ohne Vollnarkose

Ebenso als nachgewiesen gilt der Erfolg beim Reizdarmsyndrom, die Methode fand bereits vor fünf Jahren den Weg in die Therapie-Leitlinien, zur Raucherentwöhnung und zum Methadonentzug empfahl sie der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie schon im Jahr 2003. Und sie kommt in der Psychotherapie von Angsterkrankungen und Depressionen zum Einsatz, wobei hier hochwertige Studien fehlen. "Die Hypnose ist in der Medizin in Deutschland ein Randphänomen", klagt der Psychoonkologe Hefner.

In Lüttich hingegen begleiten mittlerweile 14 Anästhesisten Operationen unter Hypnose, Medizinstudenten müssen Veranstaltungen zum Thema besuchen, den Assistenzärzten bietet Faymonville eine Weiterbildung an. In Deutschland setzt der Anästhesist Ernil Hansen von der Uniklinik Regensburg Hypnose in der Gesprächsführung ein - vor, während und nach Operationen am Gehirn. Und tauscht sich regelmäßig mit Faymonville aus. "Die Kenntnis der Hypnose ist für den Umgang mit den Patienten enorm wichtig", sagt Hansen.

Im zweiten Untergeschoss der Uniklinik Lüttich zeigt Faymonville auf die silbernen Schwingtüren eines OP-Saals, die Nummer 8 prangt in roter Farbe darauf. Hier begleitete die Narkoseärztin im Jahr 1992 zum ersten Mal einen Patienten unter Hypnose durch eine Operation. "Das war nur ein kleiner Eingriff. Der Patient bekam ein Medikament unter die Bauchhaut verpflanzt", sagt sie. Doch hatte der Mann große Angst davor. Und die konnte sie ihm unter Hypnose nehmen.

Bald wagte sie sich an größere Eingriffe heran, führte Operationen, die normalerweise unter Vollnarkose stattfinden, unter örtlicher Betäubung durch. Zum Beispiel bei der inzwischen verstorbenen belgischen Königin Fabiola, die sich von ihr unter Hypnose die Schilddrüse entfernen ließ. Ein Foto der Monarchin mit Faymonville hängt im Büro der Ärztin.

Die Ärztin misst die Hirnströme von Menschen, die eine Nahtoderfahrung erlebt haben

Bei den Operationen können sich die Patienten dann an einen angenehmen Ort versetzen. In normalem Bewusstseinszustand würde vor allem der rechte Temporallappen aktiv - als Teil des autobiografischen Gedächtnis. Unter Hypnose hingegen fährt die Sehrinde hoch - so als würden die Hypnotisierten die Reise tatsächlich sehen. "Es ist, als ob sie den Urlaub nochmals durchleben", sagt Faymonville.

Das will die Medizinerin nutzen, um Erkrankungen und Bewusstseinszustände zu erforschen. Sie deutet auf ein Video eines Probanden, der eine Art Badekappe mit unzähligen Elektroden auf dem Kopf trägt. In einer Studie misst Faymonville derzeit die Hirnströme von Patienten, die eine Nahtoderfahrung durchlebt haben. Um zu sehen, ob die Betroffenen diese Extremsituation unter Hypnose wieder erleben können, ähnlich wie den Urlaub. Um diesen Zustand dann besser zu ergründen.

Schon als Kind suchte Faymonville stets das Besondere, fiel schon als Schülerin mit ausgefallenen Fragen auf. Als Angehörige einer deutschen Minderheit kannte sie deutsche Schlager statt französischer Chansons, wechselt sie heute mühelos zwischen Deutsch und Französisch hin und her; kürzlich hielt sie einen Vortrag bei einem Kongress in Bad Kissingen.

Bei Veranstaltungen warnt sie stets davor, sich in die Hände irgendeines Hypnotiseurs zu begeben. Und erinnert dabei an das Experiment eines kanadischen Kollegen. Der hatte die Geburtstagsparty einer Studentin gefilmt und die junge Frau dann unter Hypnose die Feier neu durchleben lassen. Dabei suggerierte ihr der Kollege allerdings, dass ihr Vater unter den Gästen gewesen war. Tatsächlich hatte der am Fest nicht teilgenommen. Nach der Hypnose war die Studentin dennoch fest davon überzeugt, dass ihr Vater mit ihr gefeiert hatte. "Wir müssen vorsichtig sein, was wir den Patienten unter Hypnose suggerieren", warnt Faymonville. Unter Pariser Gymnasiasten zum Beispiel ist es gerade en vogue, fremde Passanten auf der Straße mit im Internet aufgeschnappten Methoden zu hypnotisieren. "Bei besonders anfälligen Menschen funktioniert das", berichtet die Ärztin.

Für Faymonville gehört die Hypnose längst zum Alltag. Die Technik hilft ihr, im Beruf entspannt zu bleiben; bei ihren drei Söhnen hat sie Hypnose bei Ängsten eingesetzt oder wenn sie nachts an Bauchschmerzen litten. Sogar die Weisheitszähne wurden ihnen unter Hypnose gezogen. "Meine Kinder sind damit aufgewachsen", sagt Faymonville. Sie hofft, dass sich die Hypnose auch nach ihrer Zeit in der Medizin weiter durchsetzen wird. Plötzlich stürmt ein schmaler Mann in schwarzer Lederjacke in ihr Büro. Er macht derzeit eine Ausbildung zum Narkosearzt, möchte sich möglichst bald auch der Hypnose widmen. Und ist der Sohn von Marie-Elisabeth Faymonville.

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