Nahtoderfahrungen "Der Tod ist ein potenziell reversibler Prozess"

Licht am Ende des Tunnels - oder nur irrlichternde Neuronen? Nahtod-Erfahrungen sind Forschern noch ein Rätsel.

(Foto: Alice Popcorn / CC by ND /Flickr)

In Nahtoderfahrungen sehen manche Wissenschaftler den Seelenbeweis. Oder handelt es sich nur um ein Feuerwerk der Neuronen? Forscher haben Leute gefragt, die dem Tod gerade noch einmal von der Schippe sprangen - und hörten von freundlich winkenden Frauen, warmem Licht und Städten aus Kristall.

Von Werner Bartens

Es wäre ja zu schön. Bevor es irgendwann richtig zu Ende geht, wartet da noch diese einmalige Premium-Erfahrung: Helle, schmeichelnde Farben, ein Gefühl der absoluten Ruhe, eingetaucht in warmes, goldenes Licht, vielleicht noch ein ordentlicher Regenbogen dazu. Ein himmlischer Augenblick, so ungefähr müsste sich das Paradies anfühlen.

Immer wieder berichten Menschen, die verschüttet waren, fast ertrunken oder nach einem medizinischen Notfall wiederbelebt worden sind, von den besonderen Momenten, die sie kurz vor dem gerade noch verhinderten Übertritt ins Jenseits erlebt haben. Angeblich wollen allein in Deutschland vier Prozent der Bevölkerung Ähnliches erlebt haben - das wären mehr als drei Millionen Menschen. Manche beschreiben die Erlebnisse gar als die schönsten, die sie je gehabt haben.

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Nahtoderfahrungen: Was glauben Sie, kommt auf uns zu?

Immer wieder berichten Menschen, die wiederbelebt wurden, von erstaunlichen Erfahrungen nachdem das Gehirn eigentlich den Dienst quittiert hat. Amerikanische Forscher sehen hier ein Indiz für ein aktives Bewusstsein selbst Minuten nach dem Hirntod. Kann dies ein Hinweis auf die Existenz einer vom Körper unabhängigen Seele sein, oder spielen Neuronen dem Gehirn einen letzten Streich vor dem endgültigen Ableben?   Diskutieren Sie mit uns.

Schilderungen von Nahtoderfahrungen beinhalten oft den Klassiker "gleißendes Licht am Ende des Tunnels", bieten aber auch sonst ein faszinierendes Panoptikum an Sinneseindrücken. Der amerikanische Neurochirurg Eben Alexander berichtet gar davon, dass er im Koma "über Wolken gegangen" sei, mehrere Engel und schließlich Gott getroffen habe. Auf der Suche nach den Hintergründen aus dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod berühren sich allerdings die Grenzen zwischen Neurobiologie, Religion, Esoterik und Mumpitz. Weniger phantasiebegabte Menschen sehen schlicht eine Minderdurchblutung des Gehirns als Ursache für derartige Erlebnisse an - die Neuronen spielten dem Bewusstsein schlicht einen letzten Streich.

Intensivmediziner um Sam Parnia von der Universität Stony Brook haben nun versucht, die Wahrnehmungen an der letzten Schwelle des Lebens auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Im Fachmagazin Resuscitation (online) von dieser Woche beschreiben sie, was jene erlebt zu haben glauben, die dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen sind. Von 2060 Menschen, bei denen nach Herzstillstand mit der kardiopulmonalen Wiederbelebung begonnen worden war, überlebten 330. Mit 140 von ihnen ließen sich anschließend Interviews führen, und immerhin 39 Prozent dieser Befragten konnten sich "an etwas aus der Zeit erinnern, in der sie bewusstlos waren".

Eine freundliche Frau winkte ihm von der Decke des Zimmers aus zu

Jene, die unscharfe Wahrnehmungen aus der Phase ihrer Bewusstlosigkeit zurückbehielten, hatten am häufigsten den Eindruck, dass alles um sie herum schneller oder langsamer ablief. Ein Fünftel erlebte den Zustand als angenehm schwebend und friedvoll. Jeder Achte spürte seine Sinne lebhafter, fühlte sich besonders aufmerksam und gab sogar an, sich fremd von seinem Körper zu erfahren.

Bei gerade mal neun der Patienten hatte das Ärzteteam den Eindruck, Nahtoderfahrungen geschildert zu bekommen, wie die Begegnung mit Familienmitgliedern oder auch den Anblick von weißem Licht, Pflanzen oder Tieren ("Ich sah Löwen und Tiger"). Einer der Überlebenden berichtete davon, dass "Gott ihn von der anderen Seite des Lebens zurückgeschickt" habe, "seine Zeit noch nicht abgelaufen" sei und er "noch viel zu tun habe". Auf seinem Rückweg sei er "durch einen Tunnel auf ein sehr starkes Licht zugekommen, das seine Augen aber nicht verletzt habe". Andere Menschen waren offenbar auch im Tunnel unterwegs, und dann sah der Mann "diese Stadt aus Kristall, mit kristallklarem Wasser". Er sah "schöne Menschen", hörte "einen wunderbaren Gesang" - und erblickte dann den Arzt, der ihn mittels Herzdruckmassage ins Leben zurückholte.

Ein 57-jähriger Sozialarbeiter aus dem britischen Southampton beschreibt gar, dass er nach einem Herzstillstand den Druck auf seinem Brustkorb gespürt und die Zurufe der Ärzte gehört habe ("jetzt der Elektroschock"). Eine freundliche Frau habe ihm sodann von der Zimmerdecke herab zugewunken. Im nächsten Moment sei er bei ihr gewesen und habe von oben auf sich selbst herabgeschaut und auf die Ärzte, die sich über ihn beugten und gerade dabei waren, sein Leben zu retten. Einer der Doktoren habe eine Glatze gehabt, ein anderer sei "ziemlich feist" gewesen: "Ich sah meinen Körper und wie sie bei mir den Blutdruck gemessen haben" - bis irgendwann eine Krankenschwester zu ihm sagte: "Sie waren weg, jetzt sind sie wieder bei uns."