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Gesundheit - München:Katastrophenstimmung: Bayern verschärft Corona-Kampf

Bayern
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder spricht auf einer Pressekonferenz. Foto: Nicolas Armer/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

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München (dpa/lby) - Als Reaktion auf den sich immer stärker ausbreitenden Coronavirus wird in Bayern das öffentliche Leben noch weiter eingeschränkt. Die ab Mittwoch geltenden verkürzten Öffnungszeiten bis 15.00 Uhr für Speiselokale gelten nun auch für Biergärten und Außenterrassen von Restaurants. Um die Infektionsketten zu unterbrechen wird auch für den Aufenthalt im Freien ein Mindestabstand von 1,5 Meter dringend empfohlen. Das sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag in München.

Das bayerische Kabinett konkretisierte am Dienstag schon bekannte Entscheidungen für den Umgang mit dem Coronavirus. Für Dienstleister wie Friseure gilt etwa ab sofort ein verpflichtender Mindestabstand zwischen den Kunden von 1,5 Meter, in Wartebereichen dürfen sich nur noch maximal zehn Personen aufhalten. Für Hotels und Pensionen sind touristische Übernachtungen untersagt und für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren gibt es Besuchsverbote in Pflege- und Behinderteneinrichtungen sowie Krankenhäusern.

Sorge bereitet der Regierung nach wie vor die Zahl der Intensivbetten in den Kliniken. "Es kann sein, dass die Infektionen von einem auf den anderen Tag nach oben schnellen", sagte Söder. Darauf müsse man sich vorbereiten. Bayernweit seien daher alle Krankenhäuser und Kliniken verpflichtet, ihre Kapazitäten zu melden, denkbar sei es auch, derzeit ungenutzte Hotels für den Aufbau von Intensivbetten zu nutzen. Gleiches gelte für Beatmungsgeräte, diese würden, wenn nötig auch beschlagnahmt, damit sie im Notfall direkt einsetzbar seien.

Medizinstudenten sollen zudem im gesamten Gesundheitsweisen, auch in bestimmten Krankenhäusern und in Gesundheitsämtern tätig werden. Alle nicht medizinisch notwendigen Operationen sollen verschoben werden.

Um die Gesundheitsbehörden zu verstärken, sollen dorthin 400 Mitarbeiter aus anderen Behörden abgeordnet werden, die wegen der Krise derzeit weniger zu tun haben. Sie sollen dann etwa an den Telefonen zur Patientenberatung zum Einsatz kommen. Bei der bundesweiten Service-Hotline der Kassenärzte unter der Nummer 116 117 seien in der vergangenen Woche mehr als 400 000 Anrufe angenommen worden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in München. Er bat daher alle Anrufer um Geduld, ebenso alle, die auf Testergebnisse warten müssten. In der vergangenen Woche habe es allein bei kassenärztlichen Laboren mehr als 100 000 Tests gegeben.

In Bayern sind bis Dienstagmittag laut Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit nachweislich mindestens 1352 Menschen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Die Verbreitung geht nach Angaben von Spahn besonders auf Kontakte in Skigebieten zurück. Er kündigte an, das Robert Koch-Institut (RKI) damit zu beauftragen, auch Zahlen zu genesenen Coronapatienten zu ermitteln.

Da in den kommenden Tagen und Wochen mit steigenden Fallzahlen und damit nicht mit einer Entspannung der Situation gerechnet werden muss, konzentriert sich der bayerische Krisenstab sowohl auf die Sicherung der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs als auch bei medizinischen Hilfsmitteln. Spahn betonte, er hoffe in den kommenden Tagen auf Nachlieferungen für Mundschutz und andere Klinikmaterialien. Es sei eine Lehre der Krise, dass Deutschland sich nicht auf Lieferungen aus dem Ausland verlassen dürfe.

Wie die EU-Kommission sprach sich auch Söder an den deutschen Grenzen für Sonderspuren für entsprechende Transportfahrzeuge aus: Der Freistaat werde den Bund bitten, eine schnelle Regelung zu finden, damit der Warenverkehr schneller über die Grenzen erfolgen könne. Infolge der Grenzkontrollen seien Verzögerungen bei Warenlieferungen zu spüren.

Söder rief alle Menschen auf, auf Hamsterkäufe und unnötige Bargeldabhebungen zu verzichten. "Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass die Lebensmittelversorgung gesichert ist", sagte er. Auch die bayerischen Sparkassen sehen weder die Bargeldversorgung noch den Zahlungsverkehr durch das Coronavirus gefährdet.

Mit Blick auf die nahenden Osterfeiertage samt Ferien rief Söder die Menschen im Freistaat auf, auf Reisen zu verzichten. Ostern solle in diesem Jahr in Bayern verbracht werden, "und zwar am besten daheim", sagte er. Wer der Coronakrise mit einer Bergtour entfliehen wollte, der muss aber folgendes bedenken: Auch alle Berghütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) sollen wegen des Virus den Betrieb einstellen.

Auch die Mühlen der Justiz mahlen wegen des Coronavirus ab sofort langsamer: Das Justizministerium habe empfohlen, nur noch in eiligen und dringenden Fällen Verhandlungstermine durchzuführen, teilte eine Sprecherin in München mit. Zahlreiche Verhandlungstermine seien bereits abgesagt. Auch alle Verwaltungsgerichte längst geschlossen.

Obwohl das Leben in Bayern infolge der Krise schon vielerorts zum Stillstand gekommen ist, können offenbar dennoch einige Unbelehrbare das Feiern auf sogenannten Corona-Partys nicht lassen. "Sorry, aber das geht gar nicht", sagte Söder. Jeder, der dorthin gehe, gefährde sich selbst und alle anderen. Die Polizei werde dagegen vorgehen. Die Polizei warnte indes vor Betrügern, die sich als Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden Zutritt zu Wohnungen verschaffen wollten.

Spahn rief alle Bürger angesichts der massiven Einschränkungen im Alltagsleben zur Solidarität auf: "Wir werden diese Situation bewältigen, wenn wir zusammenstehen, wenn wir besonnen bleiben und aufeinander acht geben." Derzeit gebe es die tiefsten Einschnitte in den Alltag der Bürger in der Geschichte der Bundesrepublik. Jeder brauche vielleicht auch ein paar Tage, um sich darauf einzustellen.

Am Mittwoch wird das öffentliche Leben weiter zum Erliegen kommen: Dann gilt für alle Geschäfte, die keine Waren des täglichen Bedarfs verkaufen, ein Öffnungsverbot. Schon am letzten regulären Verkaufstag für die nächsten zwei Wochen war die Stimmung in den Einkaufsstraßen mehr als gedämpft. Viele Geschäfte schlossen schon nach wenigen Stunden, da sich keine Kunden mehr in die Läden wagten.

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