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Neue Opioide:"Wir hoffen, dass NFEPP das Schmerzmittel der Zukunft wird"

In ersten Versuchen an Ratten, vorgestellt im Fachmagazin Science, konnte das Team um Spahn und Del Vecchio zeigen, dass NFEPP tatsächlich beinahe unwirksam im Gehirn ist. Ein erster Meilenstein war erreicht. "Wir hoffen, dass NFEPP das Schmerzmittel der Zukunft wird", sagt Viola Spahn.

"Der Ansatzpunkt der Arbeit ist sehr interessant und vielversprechend für klinische Studien", bestätigt Daniel Wacker, Pharmakologe an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, der an der Studie nicht beteiligt ist. Genau diese klinischen Studien aber fehlen bislang, und so ist unklar, wie NFEPP im menschlichen Körper wirkt. Von Tier- und Laborexperimenten bis hin zur Klinik ist es weit, es gilt zu klären, wie die Substanz im Körper aufgenommen und abgebaut wird, ob Nebenwirkungen auftreten, die man in den Tierexperimenten nicht- oder übersehen hat.

All das kostet Zeit und Geld. Doch das Interesse der Pharmaindustrie an NFEPP hält sich bislang in Grenzen, wohl auch, weil Opioide kein besonders gutes Image haben. Ohnehin wird NFEPP nicht das ersehnte Wundermedikament sein. Mit ein paar Fluorketten alleine lässt sich die Opioid-Krise sehr wahrscheinlich nicht in den Griff bekommen. Viola Spahn und Giovanna Del Vecchio geben selbst zu bedenken, dass NFEPP höchstwahrscheinlich nicht alle Arten von Schmerzen behandeln könnte, darunter zum Beispiel manche chronische Schmerzen mit unklarer Ursache.

Schmerzrezeptoren sind komplexer als bislang gedacht

Hinzu kommt, dass konventionelle Opioide auch deshalb so effektiv sind, weil sie den Schmerz eben nicht nur am Ort des Geschehens lindern, sondern entlang der gesamten Nervenbahn bis ins Gehirn, also dort wo der Schmerz wahrgenommen wird. "Es bleibt abzuwarten, wie effektiv NFEPP oder ähnliche Medikamente im Vergleich zu herkömmlichen Opioiden tatsächlich sind", sagt Pharmakologe Wacker.

Auch aufgrund dieser Einschränkungen suchen Forschungsgruppen weltweit nach weiteren Opioid-Alternativen, die im Unterschied zu NFEPP nicht an μ-Rezeptoren binden, also jene Rezeptoren, die hauptsächlich für die schmerzlindernde Wirkung von Fentanyl, Morphin und Heroin verantwortlich sind. Zwar lösen auch die μ-Geschwister, der Delta-Rezeptor und der Kappa-Rezeptor, eine schmerzlindernde Wirkung aus, doch sehen Schmerzforscher und andere Wissenschaftler in ihnen eine weitere Chance, eines Tages ein nebenwirkungsarmes Schmerzmittel entwickeln zu können.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Rezeptoren nicht, wie lange geglaubt, so ähnlich wie ein normaler Lichtschalter funktionieren: an - aus. Vielmehr sind sie in der Lage, ganz unterschiedliche Signale in die Zelle zu schicken, je nachdem, welchen Übertragungsweg sie aktivieren. Dieses Phänomen heißt funktionelle Selektivität und ist die zweite große Hoffnung der Opioid-Forschung.

Erste Studien verschiedener Forschungsgruppen haben gezeigt, dass es möglich sein könnte, mithilfe der funktionellen Selektivität schmerzstillende Signale zu versenden, ohne Abhängigkeit oder Atemdepression auszulösen. Bislang ist das aber vor allem in Mausversuchen gelungen. Eine leider sehr wichtige Einschränkung, die für viel Frust sorgt. "Bislang verstehen wir die Mechanismen der funktionellen Selektivität noch nicht sonderlich gut", sagt Daniel Wacker. Hauptaufgabe der Forschung ist es, die Signalwege der unerwünschten Nebenwirkungen zu entschlüsseln und gezielt zu stören, ohne dabei aber die erwünschte schmerzstillende Wirkung zu durchbrechen.

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